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Alt 23.06.12, 22:28   #37
nikolas
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Zur Geschichte der Industriedenkmalpflege in NRW (I)

In loser Abfolge möchte ich hier eine (sehr ) kurze Geschichte der Industriedenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen einstellen. Die Abschnitte stammen aus einem älteren, nicht veröffentlichten Text von mir. Damals beschäftige mich die Frage: Lässt sich "Industriekultur" als eine neue "Leitkultur" des Ruhrgebiets begreifen? Meine Antwort war damals ein "Ja, aber..." Die Argumentation erfolgte auf historischem Wege. Meine These lautete damals:

Die Identifikations mit der eigenen Industriegeschichte als kulturpolitische Strategie und Zukunftsinvestition wird insbesondere von denjenigen Regionen als zentrale Aufgabe erkannt und betrieben, in denen traditionelle Monumente nicht unmittelbar an die lokale Geschichte angeschlossen werden können.

So heißt es im IBA Positionspapier zur Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur (1992): „Es ist eine Region, in der das bauliche Erbe durch die rasche Industrialisierung, durch Kriegszerstörung und durch die Abrisstätigkeit der heutigen Zeit besonders verarmt ist. Andererseits ist der Anteil der zugewanderten Bevölkerung besonders groß, so dass keine über Generationen geprägte räumliche Erinnerung ausgebildet ist. Die prägende Erinnerung beschränkt sich auf die vergleichsweise kurze Phase der Industrialisierung“
.[1]


Der Denkmalpflege und Geschichtskultur kommt in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, die zivilisationsprägende Entwicklung der Industrie in den Zeiten zu erklären, „in denen die Industrie ihre verbrauchten Räume verlässt und eine kulturelle Verpflichtung nicht mehr wahrnimmt“[2] Insofern bildet die Geschichte der Auflösung des industriellen Ruhrgebietes ebenso einen Teil seiner Historie wie die Entstehung und die Hochphase der Industrialisierung.


[1]
IBA Positionspapier zur Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur (1992)
[2]
Peter Zlonicky, zitiert nach Hassler, Ute/ Kierdorf, Alexander (Hrsg.): Denkmale des Industriezeitalters: von der Geschichte des Umgangs mit Industriekultur, Tübingen 2000, S. 273.


Die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck | Quelle: Pressefotos der Industriedenkmal-Stiftung

1. Der Kampf um den Erhalt identitätsstiftender Industriebauten


Parallel zum realen Bedeutungsverlust der Montanindustrie - als ökonomische Klammer des Ruhrgebietes - setzte ab den späten 1960er Jahren die ersten Bemühungen zur Bewahrung der altindustriellen Hinterlassenschaften im Ruhrgebiet ein. „Das darf nicht weg!“ – diese nachdrückliche Forderung stand am Anfang vieler Initiativen, die Zeugnisse einer schwindenden industriellen Welt im Ruhrgebiet zu erhalten.

Initialzündung der öffentlichen Auseinandersetzung um den Schutz alter Produktionsstätten als Denkmale des Industriezeitalters bildete Mitte 1969 der drohende Abriss der Zeche Zollern II/IV in Dortmund - Bövinghausen. Gegen dieses Vorhaben setzten sich nun erstmals eine Bürgerinitiative aus dem Kreis Bövinghauser Einwohner sowie eine Koalition aus Architekten, Hochschulleuten, Journalisten und Künstlern zur Wehr. Das Hauptaugenmerk aller Bemühungen richtete sich dabei auf
die 1902/03 von Bruno Möhring in Anlehnung an den Jugendstil errichtete zentrale Maschinenhalle.[1]

In einer im Nachhinein beachtlichen Schnelligkeit hatten Düsseldorfer Landespolitiker den Appell aufgegriffen. So verabschiedete die Sozialliberale Koalition bereits am 3. März 1970 das „Nordrhein-Westfalen Programm 1975“. Als Reaktion auf die denkmalpflegerische Debatte einerseits sowie das bürgerschaftliche Engagement um den Erhalt ehemaliger Zechen
(-Siedlungen) andererseits forderte das Programm die „Sicherung der bedeutenden baulichen Zeugnisse der Ruhrindustrie“ und beauftragte die Inventarisierung und Erforschung ehemaliger Industriebauten.

Im gleichen Jahr noch wurden durch das Land NRW die ersten 2. Mio. DM Sondermittel zum Erhalt von Zollern II/IV. bewilligt. Denn, so die Begründung, „Nordrhein-Westfalen sei durch Industrie und Technik geprägt wie kein anderes Bundesland, und das Ruhrgebiet als industrieller Ballungsraum in der Mitte des Landes überhaupt erst durch die Großindustrielle Gewinnung und Verarbeitung von Kohle und Erz entstanden. Folglich müsse man bedeutsame Bauwerke der Industriegeschichte als landestypische Monumente ansehen, die es als Teil der Landesidentität zu bewahren gelte“.[2] In Nordrhein-Westfalen ergab sich damit in den von den beiden Landschaftsverbänden organisierten Denkmalämtern in Münster und Bonn die Notwendigkeit, der landespolitischen Forderung nach einer Intensivierung der industriedenkmalpflegerischen Arbeit Folge zu leisten.

Vorerst zündete der Impuls, der aus einer engagierten Öffentlichkeit in die Politik getragen wurde, auf der Verwaltungsebene nicht ganz so schnell. So dauerte es bis 1973/74, ehe die Landschaftsverbände Rheinland (LVR) und Westfalen- Lippe(LWL) hautberufliche Referenten für die Industriedenkmalpflege einsetzten.

Auch gesellschaftlich war der Wertewandel bei weitem noch nicht vollzogen. Nicht selten sah man sich bei industriedenkmalpflegerischen Bemühungen mit Denkmustern konfrontiert, die in der Einstellung zusammenflossen, Industrieanlagen müssten nach ihrer Stilllegung möglichst rasch und spurlos beseitigt werden.

Zu dieser Zeit führte der verschärfte wirtschaftliche Strukturwandel in der Region zusammen mit einer forcierten staatlichen Strukturpolitik dazu, dass ganze Industriekomplexe innerhalb kürzester Zeit beseitigt wurden, um die brach-gefallenen Areale einer (post-) industriellen Neunutzung zuführen. Auch bei der ehemaligen Belegschaft jener Betriebe stieß man mit musealen Umnutzungsplänen meist auf krasses Unverständnis. Den Menschen in der Region erschien es zunächst abwegig das, was über Jahrzehnte Arbeitsplatz und Zweckbau von Montanindustrie gewesen war, als Denkmal zu betrachten und damit als erhaltenswert einzustufen.[3] „Es passte zur Gefühlslage der Bergleute. Die Arbeit unter Tage war hart. Machte der Pütt dicht, war es gut alles abzureißen, die Erinnerung an die harte Arbeit auszulöschen. Vordergründige Modernisierung hat in dieser Region Konjunktur: Das alte wird beseitigt, Neues wird freundlich begrüßt“.[4] Erst mit dem massenhaften und flächendeckenden Abriss altindustrieller Produktionsstätten im Ruhrgebiet begann auch in der Ruhrgebietsbevölkerung so etwas wie eine „Verlusterfahrung“ spürbar zu werden.

Das europäische Denkmalschutzjahr 1975 bildete in diesem Zusammenhang einen weiteren wichtigen Impuls zur Neubewertung des industriellen Erbes der Region, indem es half, den in der Fachwelt sich vollziehenden Perspektivenwechsel über die Medien in breitere Gesellschaftskreise zu tragen. So entwickelte sich zu dieser Zeit über die „Geschichte von unten“ – Bewegung ein verstärktes Interesse an Sozial- und Alltagsgeschichte, was auch eine Neubewertung der altindustriellen Hinterlassenschaften zur Folge hatte. Diese Bewegung richtete ihren Blick nicht nur auf den Alltag der unteren Schichten, sondern enthielt zugleich einen basisdemokratischen Ansatz in Bezug auf ihre Akteure, indem jedem interessierten Laien die aktive Partizipation an dieser Form historischer Forschung offen stehen sollte. Mit der Aufwertung der Industriearbeitergeschichte sowie der bewussten Identifikation mit den montanindustriellen Hinterlassenschaften in der Region entfaltete das Engagement für den Erhalt ehemaliger Industriebauten zunehmend auch Breitenwirkung.[5] „Nach einer nahezu standardisiert ablaufenden Ablehnungsphase des „Nicht mehr sehen wollens“ der konkreten Orte verlorener Arbeitsplätze in Bergwerk und Hütte [...] trat wieder das Gewahrwerden der Orientierungsfunktion von Malakowturm, [...] oder Gebläsehalle an die Stelle der „Muss weg „- Haltung“.[6]

Dieser Perspektivenwechsel sollte 1980 auch in der Landesgesetzgebung seinen Niederschlag finden. So gab sich Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland
ein Denkmalschutzgesetz, indem die „Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse“ als maßgeblicher Faktor für den Denkmalwert festgeschrieben wurde. Damit wurden erstmals auch rechtlich verbindliche Grundlagen für die Industriedenkmalpflege in NRW geschaffen.

[1]
Die „Jugendstilhalle“ wurde aufgrund ihrer herausragenden ästhetischen Gestaltung und traditionellen repräsentativen Konzeption in erster Linie als Stilarchitektur und weniger als Ingenieurskonstruktion betrachtet. Die Betonung sozialgeschichtlicher Kriterien sowie die von ästhetischen Maßstäben unabhängige Betrachtung von Gestaltung, Form und Inhalt altindustrieller Bauten sollte sich erst im Verlauf der 1970er Jahre allmählich durchsetzen. Industriedenkmalpflege im heutigen Sinne war das noch nicht; aber ein Anfang war gemacht.
[2]
Suhrbier, H.: Zur veränderten Wahrnehmung von Bauten der Industrie- und Sozialgeschichte im Ruhrgebiet; in: Barbian, Jan-Pieter/ Heid, Ludger (Hrsg.): Die Entdeckung des Ruhrgebiets, Essen 1997, S. 249.
[3]
Schwarz, Angela (Hrsg.) Industriekultur, Image, Identität: Die Zeche Zollverein und der Wandel in den Köpfen, Essen 2008, S. 52.
[4]
Blase, D.: Stadtentwicklung im Ruhrgebiet; in: Barbian, Jan-Pieter/ Heid, Ludger (Hrsg.): Die Entdeckung des Ruhrgebiets, Essen 1997, S. 226.
[5]
Vgl. Schwarz: S. 52-53.
[6]
Föhl, Axel: Späte Liebe; in: Bourée, Manfred/ Willamowski, Gerd u.a. (Hrsg.): Ruhrstadt. Die andere Metropole, Essen 2000, S. 243.
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Ein Leuchtturm ohne Meer ist eine Bauruine!
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