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Alt 01.05.16, 20:12   #42
antonstädter
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Die Leubener Vorortsbahn (Teil II)



Weiter geht es mit einer verkehrsgeschichtlichen Vorbetrachtung in Form eines Linienschildes der guten alten „6“, die seit 1969 nach Niedersedlitz führt, bis 2000 (zuletzt nur noch sporadisch) begleitet durch die Linie 12. Das Schild stammt ziemlich genau vom Jahreswechsel 1974/75: Die Linien 15 (ab 1975) und 26 (geplant ab 1975, eröffnet ein Jahr später) haben schon ihre freien Stellen in den Anschlussinformationen, sibnd aber noch nicht verewigt, die Linie 5 fährt schon über Bahnhof Neustadt (Stilllegung der Hauptstraße Ende 1974), am Endpunkt Niedersedlitz kann man noch in die Lockwitztalbahn nach Kreischa umsteigen, die seit den 40er Jahren die Liniennummer 31 trägt. Kaum zu glauben, welche Informationen man einem schnöden Straßenbahnschild entnehmen kann…




Doch zurück in die Gegenwart, wo die im ehemaligen Gasthof Leuben (auch als „Feenpalast“ bekannt) seit Jahrzehnten provisorisch residierende Staatsoperette dem Umzug ins Stadtzentrum entgegenfiebert. Wir fiebern mit!




Der Bedeutung des Baues im Dresdner Kulturleben angemessen widmen wir ihm auch noch zwei Einst-Jetzt-Vergleiche.











Wir begeben uns unterdessen eine Haltestelle weiter gen Berthold-Haupt-/Stephensonstraße und machen unterwegs einen kurzen Abstecher zur Dieselstraße und dem schön sanierten Schulhaus der 66. Oberschule von 1894, später erheblich erweitert und aufgestockt.




An der Berthold-Haupt-Straße verzweigen sich die alte Vorortsbahnstrecke, die nach rechts in die Bahnhofstraße (nach der Eingemeindung Leubens Stephensonstraße) abbiegt, und die 1936 neu errichtete direkte Verbindung nach Kleinzschachwitz über die Königsallee (heute Berthold-Haupt-Straße), die die Straßenbahnstrecke zwischen Niedersedlitz und Kleinzschachwitz mehr recht als schlecht ersetzte. Beide Endabschnitte waren bis Anfang der 1990er Jahre noch eingleisig und besaßen mehrere Ausweichen, waren aber mit je zwei Stammlinien belegt. Heute sind sie zweigleisig, dafür gibt es jeweils nur noch eine Linie…
Geradeaus führt die Pirnaer Landstraße in Richtung Pirna und Heidenau. Das rote Gebäude links ist das ehemalige Restaurant „Zum Goldenen Anker“.




Dieses sehen wir auf dieser Aufnahme aus den 20er Jahren nach der Umspurung. Diesmal ist es eine von Gruna und Seidnitz kommende „Zwölf“, die gleich auf der noch eingleisigen Strecke in die Stephensonstraße einbiegen wird. Die geradeaus führenden Gleise in die Königsallee existieren noch längst nicht.




Der kleine namenlose Platz am Straßenfächer von Pirnaer Land- (Mitte), Berthold-Haupt-(rechts) und Stephensonstraße (vorn rechts) wird von einem hübsch gestalteten Trafohäuschen dominiert, davor die Bushaltestelle der Linie 65, dahinter die stadtwärtige Haltestelle der von Kleinzschachwitz kommenden 2.




Bevor wir unseren Weg weiter nach Niedersedlitz fortsetzen vielleicht einige kurze Bemerkungen zur linienseitigen Bedienung des dortigen Streckenabschnitts. Nach der Umspurung übernahmen ab 1925 zunächst die Linien 12 und 19, dann die 15 und die 19, nach dem Krieg die 14 und die 19, dann die 12, 16 und 17, ab 1969 die 6 und die 12, seit 2000 gibt es hier nur noch die 6. Dies zeigt exemplarisch auch den Niedergang der hiesigen Industrie, denn ein Großteil der Fahrgäste bis Anfang der 1990er Jahre waren die Angestellten und Arbeiter des Sachsenwerkes, Nachfolger von Kummers Fabrik.


Blick in die Stephensonstraße in Richtung Niedersedlitz. Eine typische Vorortstraße halt.




Kreuzung der Stephenson- und der Hertzstraße. Charakteristisch für Leuben sind die Straßenbenennungen mit verdienstvollen Erfindern und Unternehmern im technisch-elektrisch-industriellen Bereich, eine Reminiszenz an die einstige Bedeutung der diesbezüglichen Industrie für den Ort. Vorn rechts biegt das Einfahrgleis der Gleisschleife Leuben (Klettestraße) in die Hertzstraße. Diese Betriebsschleife ist eine der letzten verbliebenen klassischen Blockschleifen des Dresdner Netzes, vergleichbar (obwohl viel kleiner) mit der in Cotta (siehe dortiger Beitrag).




Etwas Schilderkunde: Straßenschild mit Zusatzschild der Stephensonstraße aus den zwanziger Jahren, erkennbar an der (fast) korrekten Schreibweise. Vorher hätte es wohl so ausgesehen: [Stephenson-Str.]. Den Namen erhielt die ehemalige Bahnhofstraße nach der Eingemeindung 1921, da weit entfernt in Trachau bereits eine solche existierte (seit 1950 wiederum Am Trachauer Bahnhof). Doppelbenennungen waren in Dresden bis in die jüngste Vergangenheit ein „No-Go“!




Blick in die Klettestraße mit Betriebshaltestelle und Ausfahrt der Schleife. Linienverkehr gab es hier bis Ende der 1980er Jahre, als die Berufsverkehrskurse der 12 hier endeten.




Von 1977 stammt dieses Pappschild einer in Leuben (Klettestraße) endenden E6.




Haltestelle Guerickestraße. Was ist denn das für ein komisches Gebäude in der Straßenfront…?




Nun, es handelt sich um nichts anderes als die Wagenhalle der Vorortsbahn von 1903 mit ihrer späteren Erweiterung gen Straße. Der Straßenbahnhof wurde noch mit umgespurt, jedoch bald darauf aufgegeben.

Im Fahrplan der Linie 19 von 1929 gibt es noch eine Haltestelle „Straßenbahnhof Leuben“! Er entstammt dem offiziellen Fahrplanheft der Städtischen Straßenbahn.




Heute nutzen die Johanniter den ehemaligen Straßenbahnhof als Rettungsstelle.






Schön saniertes Eckhaus an der Kreuzung Sachsenwerkstraße.




Besagte Kreuzung, Blick in nördliche Richtung. Zum Zeitpunkt der Postkartenausgabe war die Vorortsbahn noch meterspurig, die Stephensonstraße hieß Bahnhofstraße und die kreuzende Sachsenwerkstraße Fabrikstraße.






Wir erreichen Niedersedlitz. „Stadt Dresden“ mit Industrieidyll im Hintergrund.




Gegenüber die Reste des einstigen Kulturhauses der Sachsenwerker, des ersten Betriebskulturhauses in Dresden, errichtet 1952. Das nach der Wende als Diskothek genutzte Objekt brannte Mitte der 1990er Jahre unter dubiosen Umständen ab, im Anschluss an einen spürbaren und nachhaltigen Popularitätsverlust unter der Dresdner Jugend nebst entsprechend einbrechenden Besucherzahlen. Der Rest ist reine Spekulation…




Aus der Straße des 17. Juni, ex Hennigsdorfer Straße, exex August-Bebel-Straße, exexex Nordstraße, biegt die moderne Version der Vorortsbahn ums Eck. Dahinter die ersten Ausläufer des mächtigen Sachsenwerk-Gebäudekomplexes.




Das „Stadt Dresden“. Vermutlich ist der Haupteingang im Interesse der Kundschaft derzeit gesperrt, sonst bekäme der Begriff „Alkoholleiche“ eine etwas pikante Note.




Bildliche Überleitung zum Sachsenwerk,…




…den einstigen Kummer-Werken. Hier wieder mit zugehöriger Straßenbahn im Kleinformat.




Heute präsentiert sich das mächtige Fabrikgebäude dergestalt.




Die Wartehalle der Haltestelle „Straße des 17. Juni“, vordem „Sachsenwerk“, gegenüber zeugt von der einstigen Bedeutung, als sich hier zu Schichtwechsel hunderte von Beschäftigten tummelten und die Straßenbahnen teilweise stoßweise fuhren.




Portal mit Gedenktafel. Im Sachsenwerk begannen die Aufstände des 17. Juni 1953 in Dresden.




Giebelschmuck am Kummerschen Fabrikgebäude.




Blick entlang der Nordstraße (Straße des 17. Juni) in westlicher Richtung mit nach Niedersedlitz fahrender Vorortsbahn, einst und jetzt. Die Strecke war bis Anfang der 1990er Jahre nur eingleisig, am Sachsenwerk gab es eine Ausweiche.






Wir erreichen die Niedersedlitzer Schleifeneinfahrt. Ab 1906 bog die Vorortsbahn nach rechts zum Bahnhofsvorplatz ab, die Gleisschleife entstand mit der Umspurung 1925.




Blick auf den Bahnhofsvorplatz mit Endhaltestelle der Linie 6.




Als wäre die Zeit stehengeblieben: Die Niedersedlitzer Endstelle gibt noch so ziemlich genau den Zustand der Erbauungszeit 1925 wider. Wie lange noch?




Ab 1906 bis zur Umspurung bestand hier eine gemeinsame Endpunktanlage der Vorortsbahn und der Lockwitztalbahn. Die historische Postkarte zeigt ein buntes Sammelsurium von Fahrzeugen beider Bahnen, darunter der im Straßenbahnmuseum Dresden erhaltene Postwagen der Lockwitztalbahn.




Wir beenden die zweite Etappe mit einem historischen Bild des Niedersedlitzer Bahnhofes, dessen historisches Empfangsgebäude heute als Jugendhaus dient. Der letzte Abschnitt der einstigen Vorortsbahn entspricht dann auch wirklich wieder dem eigentlichen Thema dieses Strangs.

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Cependant, qui sait? La terre a des limites, mais la bêtise humaine est infinie! (Gustave Flaubert)
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