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Alt 02.03.17, 20:29   #1192
Pumpernickel
 
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Prognosen sind das, was man im Englischen "educated guess" nennt.

Es gibt ja auch Dinge, die sieht kein Mensch voraus. Wenn ich mir zB anschaue, wie sich in Berlin der Alltag in den letzten 2-3 Jahren wirklich merklich eindunkelt bzgl. der Sicherheit, dem Bedrohungsgefühl und sich die Polizei auch nicht mehr darum kümmert, wenn in normalen Blockrandkiezen am hellichten Tag Dealer auf dem Bürgersteig unterwegs sind und laufend Leute anquatschen, ganze Parks werden schlicht "aufgegeben", wenn am einen Tag der rechte Mob eine Kundgebung hat, am nächsten Tag der linke Mob... da denkt man sich als gemäßigter Bürger, der sich nach Stabilität, Sicherheit und einem Mindestmaß gesellschaftlicher Harmonie sehnt schon vermehrt, es wäre doch eigentlich ganz schön nach München zu ziehen, da gibt's sowas nicht.

Wenn dir nämlich erstmal das Grundvertrauen an einem Ort abhanden gekommen ist, dann rechnest du auch nicht mehr, wie günstig dein alter Mietvertrag hier vielleicht noch ist und wie teuer das Leben in München dagegen ist und wie mach ich das beruflich usw., dann bist du nur noch erleichtert wenn du weg kannst. Das "Grundvertrauen" steht ganz oben in der "Bedürfnispyramide." Wer hinhören will, der hört solche resignativen Töne gerade hier in Berlin wirklich vermehrt (das sind auch nicht die Leute, die AfD wählen, das sind die Leute, die resigniert haben).

Das kann eine Eigendynamik entwickeln. Denkt nur an die Nachwendezeit, da empfand man die Neuen Länder und Gesamtberlin als " state" und die Leute konnten gar nicht schnell genug fort und haben gar nicht mehr abwarten wollen, was nun passiert. Und dann quetscht du dich halt irgendwo rein, irgendwo wird man schon was zum Wohnen und Arbeit finden. Das ist dann der schlechtere Fall eines ungesteuerten Zuzugs, wenn darauf nicht reagiert wird. Dann wird die Besenkammer als "Studio" vermietet und es gibt Verhältnisse, wie sie in anderen, gefragten Metropolen Europas schon üblich geworden sind.

Und analog zur Mietpreisbremse, gegen die reihenweise verstoßen wird und wo trotzdem fast kein Mieter gegen seinen Vermieter klagt, ist da Papier einfach geduldig. Wenn Leute verzweifelt nach einer Bleibe suchen, dann werden sie doch den Teufel tun und den Vermieter bei der Aufsicht verpetzen, der Kellerräume mit Schlitzfenster als Wohnung herrichtet und einigermaßen bezahlbar vermietet. Davon haben ja beide was (augenscheinlich zumindest). Und wie oft kontrollieren die Behörden Privatwohnungen auf Einhaltung von Mindeststandards? Ist mir im Leben noch nicht untergekommen, auch nicht überliefert.

Dann kann in Satzungen und Vorschriften alles mögliche an Mindeststandards stehen, das ist dann halt science fiction und kein wirksamer Schutz der Menschen davor, dass Menschen mit unteren Einkommen teilweise in frühindustrielle Wohnverhältnisse zurückfallen. Würde mich auch gar nicht wundern, wenn das in München längst Realität ist, zB für "Undokumentierte", die eh nie aufmucken. Da hat das offizielle München und haben die engagierten Bürger halt auch eine Verantwortung. Man kann nicht einfach sagen "das Boot ist voll, Servus". Man kann es schon sagen, aber das wird die Leute nicht abhalten, sondern diesen schlechteren Fall bewirken.

Der bessere Fall wäre, man nimmt das als gegeben hin, dass die Leute in den Raum München wollen, und gestaltet das, lenkt es in geordnete Bahnen.
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