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Alt 11.07.13, 14:23   #94
Xysorphomonian
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Xysorphomonian ist im DAF berühmtXysorphomonian ist im DAF berühmt
Wie derwesten.de berichtet, steht heute die Zukunft der Straßen- und Stadtbahnen in Mülheim auf der Agenda des Stadtrates.

Der Kämmerer der Stadt, Uwe Bonan sagt, die Stadt (die ca. 1 Mrd. € Schulden hat) könne sich die Straßenbahn einfach nicht mehr leisten. Alternativen seien Steuererhöhungen oder/und die Schließung mehrerer kultureller Einrichtungen.

Er warnt weiterhin vor einem ideologischen Festhalten an der Schiene und verweist auf geringe Auslastungen: "Dabei muss es egal sein, ob die Kunden mit Bus oder Bahn befördert werden. Wichtig ist, dass dies pünktlich, sicher, sauber, kunden- und nachfrageorientiert sowie wirtschaftlich erfolgt". Ferner beruft er sich auf ein Gutachten der Beratergesellschaft Citivyaus 07/2011, dass Sparpotentiale von bis zu 12 Mio € pro Jahr aufzeigt.

Die umliegenden Städte reagieren geschockt.


Meinung: Es ist schon kurios. Im Ruhrgebiet wurde das Nahverkehrsnetz in den letzen Jahrzehnten regelrecht 'kaputtfinanziert'. Da wurden auf Teufel-komm-heraus U-Bahn-Tunnel unter Städte getrieben, die keine U-Bahn-Tunnel brauchten. Kurioseste Blüte in Bochum: zwischen dem Bochumer Rathaus und der nächsten Station, dem Hauptbahnhof liegen 5 (sic!) U-Bahnröhren, am Rathaus gibt es drei Stationen, eine davon oberirdisch.

Hand auf's Herz: Mülheim hätte diesen Tunnel unter der Ruhr nicht gebraucht, und kann ihn nun nicht finanzieren.
Nun will man das Kind mit dem Bade ausschütten, und gleich alle Schienen stilllegen. Das man in Essen, in Duisburg und in Oberhausen schlucken muss, ist klar, deren Straßen/-Stadtbahnen sind mit und über Mülheim vernetzt. Da macht eine klamme Kommune einen (verständlichen) Alleingang, und bricht so einen großen Baustein aus dem SPNV-Nahverkehr der Region. Etwas, dass mich wieder über die Ruhrstadt nachdenken lässt, denn dort käme der Nahverkehr eher aus einem Guss.

Weiterhin stehe ich vor diesem 'Ideologie'-Argument und dem immer wieder auftauchendem Wort 'betriebswirtschaftlich'. Die Ideologie mal aussen vorlassend: Kostendeckend wird der ÖPNV nie sein. Und das ist, verdammt nochmal, nicht seine Aufgabe. Aufgabe des ÖPNV ist es, so viele Menschen wie möglich so günstig und effizient wie möglich von A nach B zu bringen. Und 'günstig und effizient' gelingt ihm besser als dem MIV (Denn der Bau und Betrieb von Autostraßen ist für die Städte das größte Zuschussgeschäft und davon kommt kein Cent aus Tickets zurück). 'So viele Leute wie möglich' ist das Problem. Aber mit den heruntergekommenen Strecken und Bahnen in Mülheim und Duisburg tut man alles dafür, bloß keinen Bahn fahren zu lassen, der nicht muß. Um dem weiteren Vorschub zu leisten, setzt man auf das Erfolgskonzept Bus, und wirft ein bestehendes System in die Tonne.

Und aus Städten wie z.B. Lübeck (vergleichbare Größe), Bremerhaven (dito), und Kiel, die seit Jahren überlegen, wie man es bezahlen kann, eine Stadtbahn einführen, zu lernen, dass der Tag kommen wird, an dem man diese Entscheidung bereut, wäre zuviel verlangt. Diese Städte haben nämlich genau den gleichen Weg beschritten, über den Mülheim jetzt laut nachdenkt.

OK, das kam Ideologisch 'rüber. Andererseits: Betriebswirtschaftlich ist das Teeren von Straßen auch ziemlicher Unsinn. Vieleicht sollte man kaputte Straßen fortan mit einem verdichtetem Sand- udn Kiesgemisch wieder flottmachen, da liegen gigantische Einsparpotentiale, zumal die Reparatur auch noch sehr schnell und kostengünstig ist. Mal so ganz ideologiefrei.

Schade find ich persönlich auch, dass überhaupt gar keine Alternativen angedacht werden. Vielleicht könnte man zum Beispiel durch den Bau von etwas weniger als 2 Kilometer überirdischer Meterspurstrecken (von Mellinghofer Straße bis Kaiserstraße/Leinenweberstraße, ca. 1,4 km, Duisburger Straße von Schloßstraße bis Prinzess-Luise-Straßen ca 0,5 km) den Tunnel wieder schließen, denn zumindest mir fällt partout kein ernsthafter Vorteil dieses Tunnels ein.
Dies aber hätte zunächst eine größere Investition zur Folge, die die Stadt nicht stemmen kann. Zudem hätte es en Nachteil, dass die 901 in Mülheim die Ruhr nicht mehr überquren könnte, es sei denn, man ersetzt/ergänzt bis zum Hauptbahnhof die bestehenden Gleise durch Drei-schienen-gleise. Aber es lohnt, über diese und andere Alternativen mal nachzudenken.

Geändert von Xysorphomonian (11.07.13 um 14:34 Uhr) Grund: Tippfehler verbessert, Sätze ergänzt
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