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Alt 23.07.08, 10:54   #13
AeG
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AeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein Lichtblick
Ben, ich glaube, Du hast hier vieles aus dem Zusammenhang gerissen. Meine Beispiele von deplatzierten Stilen bei Häuslebauern sollten ja gerade aufzeigen, dass die mangelnden Identifikationsmöglichkeiten, die aus der heutigen Beliebigkeit resultieren, nicht nur von irgendwelchen austauschbaren Investorenklötzen rühren. Klar kann im Prinzip jeder bauen, wie er mag (oder es zumindest beantragen). Aber dann greift das Identifikationsproblem eben nicht nur bei Glaskästen auf der Grünen Wiese .

Zur Rekonstruktion von Fachwerkbauten (oder hast Du damit bestehende Originale gemeint? klingt fast so). Ich glaube eben nicht, dass sie einem das Bild von fleißigen Zimmerleuten vorspiegeln. Sie werden ja nicht gebaut, weil sie das jeweilige technologisch und/oder ökonomisch Angemessene darstellen und weil es einen Haufen Handwerker gibt, die diesen Job beherrschen. Sie werden vorrangig errichtet, damit Passanten sich an alter Schönheit erfreuen, damit das Tourismus-Marketing angekurbelt wird und vor allem, damit potente Mieter eine repräsentative Location anzubieten haben. Die notwendigen kunstfertigen und bezahlbaren Handwerker müssen mühsam zusammengesucht werden (vermutlich in Polen o. ä.). Für die Fassaden liegen dutzende Ausnahmegenehmigungen vor, die ein 'normaler' Investor für die wünschenswerte Attraktivitätssteigerung eines zeitgenössischen Baus kaum bekäme. Und hinter den Fassaden ist's komplett vorbei. Der schöne Schein reicht meist nur für das Sichtbare. Der Rest muss sich am Portemonnaie, an neuzeitlichen Verordnungen (schon mal jemand im wiedererrichteten Cranach-Haus in Wittenberg gewesen?) und an den Nutzerwünschen orientieren. Ich jedenfalls denke beim Anblick einer solchen Rekonstruktion an alles Mögliche, nur nicht an ein mit 'ehrlichen' Mitteln errichtetes, würdevolles historisches Bauwerk.

Warum das in Thailand funktioniert, weiß ich nicht. Vielleicht funktioniert's ja gar nicht ? Ich mutmaße aber mal, dass es dort eine viel höhere Nachfrage gibt und man sich solche Verordnungen deshalb eher leisten kann als hierzulande. Thailand ist auch eine Monarchie in einem gänzlich anderen Kulturkreis. In Deutschland - das ja auch in sich schon sehr großen regionalen Unterschieden unterworfen ist - hätte man wahrscheinlich sofort tausende Verfechter für die Meinungsfeiheit an der Backe, würde man ähnlich restriktive Vorgaben erlassen wollen (und mit der Historie tun wir uns eh besonders schwer, hier gelten ja bereits die etwas grobschlächtigeren Spielarten des Neoklassizismus als "faschistische Architektur"). Ausserdem bedeutet der thailändische Weg des Aufgreifens von Stilelementen nicht automatisch, dass dort nur historische Bauerndörfer oder Altstädte simuliert werden.
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