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Alt 14.01.15, 21:53   #25
nothor
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In der Presse ist desöfteren ein Luftbild zu sehen, der den Komplex und damit das komplette Bauvorhaben gut illustriert. Ich nehme hier mal etwas vergleichbares:


Quelle: Google Earth

Um den Rundbau macht sich derzeit niemand sorgen, der steht unter Denkmalschutz, wobei die Stadt dem Investor erlaubt hat, es komplett zu entkernen und nur die Fassade und die kunstvoll gestalteten Treppenhäuser zu erhalten, sowie die bestehende Dachlandschaft hinterher wieder herzustellen. Da der bestehende Rundbau aber nicht bis an die Grundstücksgrenze reicht (Bahngleise), ist ein Anbau oder eine Verlängerung des Gebäudes vorgesehen.

Der Mitteltrakt aus den 1970'er Jahren, der einst ein reich gestaltetes Gründerzeit-Postgebäude ersetzt hat, wird von allen Seiten her als entbehrlich bewertet und wird abgerissen.

Die Diskussion dreht sich also ausschließlich um den Kopfbau rechts im Bild. Das Parkhaus dahinter gehört dabei nicht zum Gelände, gehört also auch nicht dem Investor und bleibt unangetastet. Die unbebaute Fläche dagegen, die hinter dem Rundbau liegt, bietet sich an für eine Tiefgarage, für die eine entsprechende Zufahrtslösung zu suchen sein wird. U.a. wird das Aufgabe des Wettbewerbs werden. Ob man darauf noch ein Gebäude setzen kann wird bei der Betrachtung des Gelände eher schwierig werden, da immerhin schon der Kopfbau mit dem Argument, es käme nicht genug Licht in die Räume, vom Investor abgeschrieben wird. Der Hof wäre daher m.E. nur für eine niedrige Bebauung, vielleicht mit einem Saalbau, geeignet.

Für den Kopfbau würde ich mir den Erhalt, mindestens aber den Erhalt der einprägsamen, charakteristischen Fassade zur Bahnhofsvorplatzseite und zur Bahnhofstraße wünschen. Sollte nämlich tatsächlich keinerlei Nutzung denkbar und möglich sein, weil das Gebäude so unheimlich tief ist - was ich angesichts der Luftaufnahme nur teilweise nachvollziehen kann - wäre also ein Block denkbar, der einen oder mehrere Lichthöfe im Innern beinhaltet und dem Parkhaus dadurch näher kommt. In der Summe also ein Block, der doppelt so tief ist wie der Mittelbau heute. Interessanter Weise ist das ein Städtebauliches Prinzip zur Verdichtung und effizienten Raumnutzung aus der Gründerzeit.

Ich würde den Kopfbau aber eben noch nicht abschreiben, da sich auch die CSU für den Erhalt einsetzt. Im Interview mit der Nürnberger Zeitung (leider nur Printausgabe) vom 13.01.2015 setzt sich der zuständige Stadtrat Architekt Joachim Thiel sehr für das Gebäude ein und bringt interessante Fakten unter der Überschrift "Ein Plädoyer für den Erhalt des Postbaus": Danach wurden kurz nach dem 1. Weltkrieg die Länderpost-Einrichtungen zur Reichspost zusammengeführt. Dabei wurde die ehem. Königlich Bayerische Post in die Deutsche Post eingegliedert. Um die Infrastruktur der ehem. kgl. bay. Post zu modernisieren, hat man in München eine „Postbauabteilung“ eingerichtet unter der Leitung des Architekten R. Vorhoelzer, der alle Neubauten im Stil der neuen Sachlichkeit errichtete (Vorhoelzer war zur damaligen Zeit ein einflussreicher Architekt und genoss hohes Ansehen. Er wurde jedoch später unter den Nazis von seinen Aufgaben entbunden).
Der Neubau der Nürnberger Hauptpost von 1928 stammt vom Architekten Johann Kohl, der einen Entwurf in der reinen Lehre der Postbauschule im Stil der neuen Sachlichkeit vorlegte. Vorgesehen war, das Gebäude klar gegliedert ohne Verzierungen mit einer weißen Putzfassade zu erstellen. Unter anderem vom damaligen Oberbürgermeister, Hermann Luppe, wurde dieser Entwurf sehr begrüßt.


Entwurf 1928. Quelle: Stadtarchiv Nürnberg, Website Stadtbild-Initiative Nürnberg.

In diese Zeit fiel aber auch die Wiederentdeckung des Rundbogens als Gestaltungsmerkmal, sowohl in Deutschland als auch in Italien. Unter diesem Einfluss, und auch unter den Diskussionen im Nürnberger Stadtrat hat man dann vorgeschlagen, statt der weißen Putzfassade eine Verkleidung mit Sandsteinplatten, und im Erdgeschoss Rundbögen vorzusehen.
Zur Realiserung kam es jedoch erst in der Nazizeit unter Gauleiter Streicher, der mit der Architektur der neuen Sachlichkeit nichts anfangen konnte, und weitere, tiefgreifendere Änderungen durchsetzte. So kamen zum Beispiel statt des umstrittenen Flachdaches ein mächtiges Walmdach mit den Spitzen darauf, verschiedene Medallions und eine Konsole mit Reichsadler. Zudem wurde die Anordnung und Teilung der Fenster „eingedeutscht“.


Um 1935. Quelle: Stadtarchiv Nürnberg, Website Stadtbild-Initiative Nürnberg.

Im 2. Weltkrieg wurde das Gebäude durch einen Bombentreffer stark beschädigt und brannte aus, wurde jedoch bereits kurz nach dem Krieg wieder aufgebaut,. dabei orientierte man sich an die zuletzt im Stadtrat vor der Nazizeit diskutierten Gestaltung, in der das Gebäude auch heute noch zu sehen ist:
- Rundbögen im Erdgeschoss
- Sandsteinverkleidung
- flaches Walmdach
- liegende Fenster mit senkrechter Teilung
- keinerlei Fassadenschmuck.

Im Kern macht Herr Thiel also darauf aufmerksam, dass die heutige Gestalt des Kopfbaus der Hauptpost keine Schöpfung der Nationalsozialisten ist, sondern in den einzelnen Details auf jeweils andere Umstände zurück geht. In der Fachwelt wird im Prinzip der Kopfbau als der interessanteste Teil des gesamten Postkomplexes gesehen, der vor dem Hintergrund der genannten fakten definitiv als ortstypisch zu bezeichnen ist. Umso unverständlicher ist, dass er nicht unter Denkmalschutz steht.

Im Interview fordert er daher den Erhalt des Postgebäudes oder wenigstens seiner Fassade bzw. wesentliche Teile davon. Es geht hier schlichtweg um das Verhindern von Geschichtsbeseitigung. Vorstellbar wäre jedoch eine Aufstockung des Gebäudes bis zu einer Höhe vergleichbar mit dem Ergo-Hochhaus an der Westkante des Bahnhofsplatzes, wodurch der Bahnhofsplatz einen harmonischen, weil symmetrischen Rahmen erhalten würde. Zumindest jedoch darf nicht einfach abgerissen werden, das sehe ich auch so.
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