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Alt 19.11.14, 14:09   #65
Eisber
 
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Es hatte nie was mit Ängsten oder Zurückhaltung zu tun, dass im deutschsprachigen Raum insgesamt Hochhäuser bisher, außerhalb von Frankfurt/Main, eine Randerscheinung, höchstens Solitäre und "Wahrzeichen", waren, aber nie genauso selbstständliche Stadtgestaltung wie das nächste Gewerbegebiet, über deren Ästhetik man ja sehr trefflich streiten könnte.

In meinen Augen entsprang das einfach aus der starken Nivellierung der Gesellschaft im deutschsprachigen Raum. Die Einkommen scherten weitaus weniger nach unten aber auch nach oben aus, als in den meisten Industrieländern. Lebensentwürfe waren auch recht homogen. Jemand sagte mal, dass Skandinavien und der deutschsprachige Raum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowas wie das Utopia des Kleinbürgers waren, selbst die DDR stach innerhalb ihrer materiellen Fähigkeiten innerhalb des Ostblocks als Kleinbürger- und Mittelschichtsparadies heraus.

Dementsprechend haben sich die Städte entwickelt. Gebaut und erweitert wurde auf der grünen Wiese, das Häuschen im Grünen usw., wer konnte zog aus den Städten weg (dass die Mittelschicht gerne bauspart und sich ein Häuschen im Grünen wünscht ist ja mehr als nur ein Klischee). Aus der Stadt ziehen=Aufwertung, das war die einfache Gleichung. Im selben Takt wuchsen ja auch die Speckgürtel und Agglomerationsgemeinden, besonders wenn diese günstige Verkehrsanbindung zu den zentralen Arbeitsorten hatten ("Schlafdörfer" entstanden als neues Phänomen). Den Städten blieben verstärkt Sozialfälle und insgesamt eher einkommensschwache Haushalte. Nicht nur führten diese dazu, dass die Wohnhochhäuser die gebaut wurden v.a. für sozial schwache Haushalte projektiert wurden (und sich entsprechende Probleme, verstärkt durch nicht durchdachte Konzepte, einstellten) und für pompöse Apartment Highrises, wie sie in den USA üblich waren und sind, einfach kein Markt vorhanden war. Wer sich solch ein teures Apartment leisten kann, der wohnte erst gar nicht in der Stadt, sondern hat seine Villa im Grünen, sei es im grünen Villenviertel oder aber zumindest lieber die sanierte Altbauwohnung mit Stuck und ruhiger Anliegerstraße mit einer Baumallee vor der Tür. Das war ganz typisch für den deutschsprachigen Raum.

Aktuell findet ein starker Trend zurück in die Städte statt, siehe Gentrifizierung und all das als in Folge. Und auch die Einkommensspreizung wird stärker, "amerikanischer" wenn man so will. Damit auch mehr einkommensstarke Haushalte, die sich wohnen was kosten lassen können und wollen. Da gibts dann in Kombination die nötige Nachfrage und auch das nötige Kapital, um in die Höhe zu bauen, was ja auch grundsätzlich einfach teurer ist. Ähnlich auch im Bürobereich, in den 70ern, 80ern und auch 90ern hat ja jeder Konzern seinen Sitz irgendwo in der Peripherie gebaut, nicht nur aus steuerlichen Gründen. Jetzt wollen sie alle zurück in die Zentren, wenn möglich. Auch das wird Investitionen in die Höhe bringen.


Also nicht "psychologisieren", sondern nüchtern die Rahmenbedingungen anschauen.
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