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Alt 06.09.10, 11:56   #28
Robbi
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Robbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes AnsehenRobbi genießt höchstes Ansehen
Neue Synagoge Mainz

Es ist vollbracht, die Neue Synagoge in Mainz ist fertig! (Bilder hier, da und dort)
Nachdem die Synagoge am vergangenen Freitag mit viel Prominenz (Christian Wulff, Charlotte Knobloch, Kurt Beck u.a.) eröffnet wurde, konnten gestern interessierte Bürger den Tag der offenen Tür nutzen, um die Synagoge zu besichtigen. Wegen des schönen Wetters hatte ich schon erwartet, dass viele Leute mehr oder weniger spontan mal vorbeischauen würden. Aber was dann tatsächlich vor Ort los war, war direkt überwältigend. Der ganze Vorplatz voller Menschen und eine riesige Schlange vor dem Eingang, die im großen Bogen bis fast hinter den Platz ging. Laut AZ waren es 10.000 Besucher; der Tag der offenen Tür wurde wegen der so nicht erwarteten Resonanz spontan von 11-17:00 auf 11-20:00 verlängert. Ich hab mich aber von den vielen Menschen nicht entmutigen lassen und mich trotzdem angestellt. Und um eins vorweg zu sagen: es hat sich gelohnt! Da die Wartezeit über eine Stunde betrug, hatte ich Zeit, erst einmal ein paar Außenaufnahmen zu machen. Durch die hohen Bäume und die vielen Kanten des Gebäudes ergeben sich sehr vielfältige Licht/Schatten-Reflexe. Vor Ort ist das sehr interessant, meine Kamera war damit leider etwas überfordert.



Reste der alten Synagoge auf dem Vorplatz.



Der Eingangsbereich.



Rechts vom Eingang befindet sich der Gebetsraum. Die Fenster im ersten Stock sind auf Höhe der Empore. Insgesamt erstreckt sich der Raum bis in die Spitze des hoch aufragenden Teils.





Hier nochmals Nahaufnahmen der Fassade, die immer wieder anders wirkt. Und einen großen Reiz ausübt: viele Leute hatten das Bedürfnis, sie mal anzufassen





Wer keine Führung brauchte, konnte die Synagoge schneller betreten und sich alleine umschauen. Wer aber wie ich gerne mehr wissen wollte, hat weiter brav angestanden. Es wurden alle paar Minuten Gruppen von ca. 30 Leuten eingelassen, sobald wieder jemand zur Führung zur Verfügung stand. Durch das Gebäude führten u.a. auch der Architekt Manuel Herz und die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Mainz, Stella Schindler-Siegreich, in deren Gruppe auch ich war.
Auf der Rückseite der Synagoge liegt ein kleiner Innenhof mit Garten, in den man durch das Foyer oder den Veranstaltungsraum gelangen kann. Auch hier wurde (obwohl von außen kaum einsehbar) nicht gespart: die dunkelgrüne Keramikverkleidung wirkt je nach Lichteinstrahlung und Standpunkt mal heller, mal dunkler grün, manchmal auch fast schwarz. Oder es spiegeln sich der hellgrüne Rasen des Gartens oder der blaue Himmel in ihr. Ich habe einen kleinen Schnitt durch die Synagoge von der Gartenseite her gefunden (klick!). Links ist der Gebetsraum, mittig Foyer und Veranstaltungsraum, rechts Büros und sonstige Räume.





Der Veranstaltungsraum ist eher schlicht gehalten, aber allein durch die Raumformen spektakulär. Rechte Winkel muss man wirklich suchen, die außergewöhnliche Außenform des Gebäudes erstreckt sich genauso auf das Innere. Im Veranstaltungsraum wurde während meiner ganzen Besichtigungstour musiziert: erst ein Chor, später eine Pianistin, dann Streicher… Das hat dem ganzen trotz der Menschenmassen etwas sehr würdevolles und beruhigendes verliehen. Hier ein Blick von oben durch die Fenster auf den Synagogenplatz.



Jetzt zum Höhepunkt, dem Gebetsraum. Er ist in warmen Goldtönen gefasst und hat eine begehbare Empore. Darüber erstreckt sich die riesige Kuppel, wenn man das bei dieser Form so nennen kann. Große Teile von Wänden und Decken sind mit Buchstaben verziert. Zwischen großflächigen Bereichen, wo diese nur dekorativ sind und auf die Bedeutung der Schriftzeichen im Judentum hindeuten, gibt es immer wieder „Inseln“, wo hebräische Sprüche eingelassen wurden. Hinten mittig im Gebetsraum (an der Ostwand) steht der Toraschrein mit 4 Torarollen. Links davon das ewige Licht, momentan noch „echt“, zukünftig aus Sicherheitsgründen elektrisch. Dahinter erkennt man die Abbildung eines siebenarmigen Leuchters (Menora).



Eine Nahaufnahme der verzierten Wand und eines hebräischen Spruchs (leider verwackelt).





So sieht der Gebetsraum von der Empore aus.



Die Höhe des Raums lässt sich mit Standardkameras wie meiner kaum einfangen. Die Raumwirkung ist jedenfalls sehr beeindruckend und einzigartig. Ähnlich begeistert von der Raumwirkung eines modernen Gebäudes war ich zuletzt beim MMK in Frankfurt. Hier der Versuch einer Perspektive.



Über dem Toraschrein ist ein Gedicht von Gerschom ben Jehuda zu sehen. Er steht für die Blüte der jüdischen Kultur und Religion in Mainz und Umgebung im 10./11. Jahrhundert.





Die Empore des Gebetsraums leitet offen über zum 1. Stock des Foyers, um dann als Galerie oberhalb des Veranstaltungsraums entlangzuführen.



Am Ende der Galerie gelangt man in den Bürotrakt. Auch hier gibt es keine oder kaum rechte Winkel. Wände, Fenster und sogar Türen sind schief. Dafür gab es reges interkonfessionelles Interesse.



In den Brüstungen von Galerie und Treppe gibt es kleine Einlässe, in denen verschiedene alte Gegenstände gezeigt werden.



Wer dazu noch bewegte Bilder sehen möchte, findet bei der Allgemeinen Zeitung einen Videobeitrag vom Eröffnungstag. Als Resümee kann ich sagen, dass die Neue Synagoge nicht nur für die jüdische Gemeinde ein riesiger Gewinn ist, sondern auch die Stadt Mainz eine neue Attraktion bekommen hat. Diese liegt zwar etwas versteckt in der Neustadt, die abgesehen von der Christuskirche touristisch/architektonisch nicht sooo interessant ist. Aber jedem Besucher, der etwas Zeit mitbringt, kann ich raten, die Synagoge (mit Anmeldung) zu besichtigen.

-Bilder von mir-

Geändert von Robbi (04.04.12 um 14:17 Uhr) Grund: Bildlinks ausgetauscht
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