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Alt 23.08.08, 18:42   #372
Dvorak
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Dvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfach
Schloss als Identifikationspunkt?


Zitat:
Etwas schöneres und identitätsstiftendes würde auf eine solche Brachfläche doch nicht passen. Eine Residenzstadt braucht sowas.
Es mag so eine Eigenschft der Hannoveraner sein, zu glauben, ganz Niedersachsen gehöre ihnen und teile ihre Geschichte, dem ist aber nicht so. Vielleicht erinnerst Du dich kurz daran, dass Braunschweig eine eigene Stadt ist, mit eigener Geschichte und eben eigener Identität ist. Beides sind Residenzstädte klar, wobei man einen ganz großen Unterschied zwischen Hannover und Braunschweig machen muss. Hannover ist NUR Residenz gewesen, und die Herzoge/Könige etc. wollten die Stadt auch nie zu etwas anderem entwickeln. Braunschweig ist zwar eine der ältesten Residenzstädte in Deutschlands1 dies ist aber nur ein kleiner Teil der Braunschweiger Geschichte und auch Identität. Die Braunschweiger Stadtbevölkerung ist seit jeher sehr ... selbstbewusst, das Verhältniss den Herzogen gegenüber ist immer gespannt. So ist ein Wahrzeichen der Stadt nämlich der Sankt Andreaskirchturm ein zeichen für die Macht des Bürgertumes und sein erster Turmhelm war eine bewusste Provoation gegen die Herzoge in Wolfenbüttel. Dann kann man mehrere erfolgreiche und erfolglose Belagerungen der Stadt durch die Herzoge erwähnen, unter anderem die von 1615, die bis heute sichtbare Spuren in der Stadt hinterlassen hat. Nachdem die Stadt erobert wurde und die Herzoge sich hier wieder häuslich eingerichtet haben, war es keineswegs so, dass man diese akzeptiert hätte.

Ein Bild sagt ja mehr als 1000 Worte:

Braunschweig, Residenzschloss
Altes Schloss "Grauer Hof"
ab 1718 unter der Leitung Herman Korbs
Schlossbrand vom 7./8. 9. 1830
Quelle: Bildindex

Dann will ich noch die vielleicht nicht unrühmliche, sicher aber peinliche Revolution von 1918-19 erwähnen, während dieser der der letzte Herzog zur Abdankung gezwungen wurde und Braunschweig (das Land) allmählich auf eine Unabhängigkeit vom Deutschen Reich zusteuerte. Leider habe ich den Scan von der Abdankungserklärung nicht mehr - seis drum. Braunschweig wurde zur Räterepuplik, hat halb Deutschland lahm gelegt und wurde dann besetzt.3

Ich persönlich bin kein Braunschweiger, darauf lege Ich wert, ich komme nämlich aus Wolfsburg, lerne und lebe aber eine Zeit in Braunschweig. Die generelle Städtefeindschaft, nicht nur mit Wolfsburg oder der Stadt an der Leine, sondern eigentlich mit allen (Berlin=doof, Hamburg=doof,...) ist für mich etwas was alle Braunschweiger in sich tragen. Genauso die generelle Abneigung gegen jede Form der Obrigkeit, nicht immer, aber im Allgemeinen kann man Braunschweig schon als eine sehr aufrührerische und im Denken sehr "rote" Stadt sehen.

Wieso das Braunschweiger Schloss zur Identitätsbildung der Braunschweiger beiträgt habe ich nie begriffen, in meinen Augen ist das eine dieser beknackten Worthülsen, die nur aussagen sollen, das alte Gebäude "Identität" stiften, und die immer aus der gleichen Ecke kommen. Dabei wir außer Acht gelassen, ob:
  • es sich um ein typisches Gebäude für eine Stadt/Region handelt
  • ob das Gebäude schon einmal zur "Identität" beigetragen hat
  • ob es früher schon einmal von den Bürgern sogar abgelehnt wurde
  • ob man für so ein Gebäude nicht einen anderen Identifikationspunkt zerstört
  • und, und, und



1:
Ab der 2. Hälfte des 12.Jhdt.s wurden die deutschen Herzoge sesshaft, Heinrich der Löwe tat das um 1160 in Braunchweig, was insofern ein Sonderfall war, dass er keine Residenz baute, sondern eine Residenzstadt.

2:
Der Turmhelm wurde aus Holz gebaut, das aus dem Wald des Herzogs stammte, war zu seiner Zeit das dritthöchste Gebäude im damaligen Reich, nur wenig kleiner als das Münster zu Straßburg und der Stephansdom. Der Herzog ließ daraufhin eine Kanone, die "Fette Mette" (glaube ich) bauen, und setzte eine Belohnung für das herunterschießen des Turmhelmes aus. Insgesamt wurden 467 Schüsse abgegeben ... keiner traf.
Slawski, Robert Sankt Andreas - Neustadt - Braunschweig, Braunschweig : Evang.-Luth. Kirchengemeinde St. Andreas, 1996

3:
Eine Quelle wird hierführ niemand brauchen, da es sich aber um ein äußerst interessantes Ereignis handelt gibt es noch einen Link.






Zum Städtebau


Zitat:
Gerne würde ich die aktuelle städteräumliche Einbindung des Schlosses und EKZs (auch hier gefällt mir die Hauptfassade eigentlich ganz gut) auf einer Fotostrecke nachvollziehen.
Fotos will Ich bewusst nicht hier einstellen, da man wenn es um Städtebau geht, und danach hast Du ja gefragt zu allererst in den Grundriss, besser den Schwarzplan geht.

Erstmal aber weil hier ja viele mitlesen die nicht aus Braunschweig kommen, und denen die Geschichte des Areals unbekannt sein dürfte ein paar historische Karten. Wenn wir vom (ehemaligen) Schlosspark sprechen, dann ist ein Gebiet gemeint, dass vor 848 Jahren der Stadt Braunschweig einverleibt wurde. 1160 war in etwa das Datum zu dem Heinrich der (Bau)Löwe sich hier sesshaft gemacht hat, ebenso wie der Dombau ist der Hagen eines seiner Bauprojekte. IN zwei Abschnitten wurde das Gelände von Holländern urbar gemacht und bebaut, nicht aber der Schlosspark. Die dunkel umrandete Fläche zeigt in etwa das Gebiet von dem wir reden, wie man sieht ist es um 1400 unbebaut, lediglich eine kleine Kirche (die Templer- oder Französische Kirche) steht darauf. Dies wird sich auch Jahrhundertelang nicht ändern, in der ganzen Zeit werden dort nur kleinere Gebäude gebaut, die das Erschienungsbild des Areals als Freifläche aber nicht störten, unter anderem waren dort die Mönche von Riddagshausen ansässig, daher kommt auch der Name "Grauer Hof".

Die Reste der Stadtmauer Heinrichs des Löwen wurden übrigends während des Baus der Schlossarkaden geschreddert. Geschredderte Stadtmauern eignen sich nämlich als Unterdrund für asphaltierte Strassen erstaunlich gut.


Braunschweig, Stadtplan
um 1400, rekonstruktion von W. Schadt
Quelle: Bildindex, Unterlegung; Ich




Als die herzoge die Stadt wieder eroberten, ich erwähnte es oben schon bauten sie sich ein Schloss. Man muss sich ein wenig anstrengen, aber wenn man das tut, dann erkennt man im südlichen Teil des Schlossparkes hell eine dreiflügelige Schlossanlage nach französischer Manier, dass ist der Graue Hof von 1718 erbaut von hermann Korb. Vielleicht sage ich dazu später ein paar Takte...
Was man leider beim besten Willen nicht mehr erkennen kann ist die barocke Anlage des Schlossgartens, die ist aber auch nicht besonders interessant. Was allerdings in beiden Stadtplänen auffällt, ist, dass man Braunschweig (bis heute) in zwei Teile teilen kann. Es gibt einen großen sehr dichten Bereich im Nord-Westen der die Stadtteile Altstadt, Neustadt, Hagen und Sack umfasst, und es gibt einen kleinen Bereich im Süd-Osten zu dem die Alte Wiek (altes Dorf) und das kloster Sankt Aegidien gehören. Diese Teile werden getrennt durch Die Oker und ihre Arme im Süden und den Schlosspark im Osten. man erkennt zwar, dass diese Gebiete im Lauf der Zeit zusammenwachsen, besonders im 19. und 20. Jhdt. aber zumindest der Schlosspark stellte immer eine Trennung dar.




Braunschweig, Stadtplan
1750, Rekonstruktion auf Neuzeitlichem Grundriss
A. Halves 1913/14
Quelle: Bildindex



Im folgenden plan sieht man dann schon das neue Schloss von Ottmer, wie es ausgeführt wurde. Die beiden Arme die den Schlossplatz fassen wurden leider nie ausgeführt, so stand das Schloss immer ohne wirklichen Halt in der Gegend. Man erkennt auch hier noch den Schlossgarten (oder Park wie man will) nur halt klassizistisch und nicht mehr barock.





Braunschweig, Stadtplan
1841 nach Stich von A. Klingeberg
Quelle: Bildindex



Mir ist es überaus wichtig, festzustellen, dass der Zustand des Schlossparkes und des Bohlweges 2000 unhaltbar war, aber die städtebauliche Situation stamte aus einem fast 850 Jahre langen Kontinuum braunschweigischen Städtebaus. Der Schlosspark war hässlich, aber er gehörte ebenso wie der hässliche Hagenmarkt zum Erbe der Stadt, zur Bautradition, die sich eben nicht nur im Hochbau sondern auch im Städtebau, nein wohl vielmehr im Städtebau als in den einzelnen Gebäuden und ihren Fassaden einer Stadt abzeichnet.



Jetzt sind wir 2008 angekommen, die Wiederaufbaupläne klammer ich mal aus, auch wenn diese überaus interassant sind.

Damit man den Städtebau vergleichen kann habe ich mal die amtlichen Daten der Stadt genommen und den ausgeführten von Grazioli-Muthesius und den diskutierten Entwurf von Speer hineingesetzt.
Das ist jetzt ein wenig grob, aber mit Sicherheit der richtige Maßstab um die Verbindung ECE-Stadt bewerten zu können, und das vor allem (!) vor dem hintergrund der Historie des Ortes.

Der obere ist der ausgeführte Entwurf, der hier besonders das Bauvolumen betont. Anfangs war das ein wenig anders, da hatte man die Fassade in mehrere Teile gegliedert um wenigstens den Anschein einer Kleinteiligkeit zu erwecken. Das hat im Grundriss nicht geklappt, das Gebäude ist eine riesige polygonale Fläche ohne konkreten Bezug zu Umgebung, und es funktioniert auf Fotos nicht, wie man vielleicht später nochmal sehen wird. tatsächlich hat man die Raumkanten die von Prof. Ackers vorgegeben wurden fast überall bis auf das äußerste ausgefüllt, lediglich im Nord-Osten ist man zurückgewichen, was heute einer der Hauptkritikpunkte ist.




Braunschweig, Stadtplan
circa 2000, amtliche Daten der Stadt, Schloss von mir eingesetzt
Ausgeführter Entwurf



Zum zweiten Entwurf will ich gar nicht viel sagen, ich denke man sieht hier den vollkommen unterschidlichen Umgang mit dem Raum. Auch wenn man sich diese Passagen, die Kollonadengänge hätten werden sollen (?) mit Glas überdeckt vorstellt, wirkt das Bauvolumen ganz anders. Der öffentliche Raum zieht sich viel mehr in das Gebäude, segmentiert es mehr etc. auch lässt dieser Umgang wesentlich mehr Möglichkeiten Bezüge zur Umgebung zu schaffen. Mir gefällt z.B. besser, wie die Museumstrasse von Osten kommen auf das Gebäude trifft, da trifft die Strasse nicht auf so einen nach Süden "fliehenden" Gebäudeteil, sondern wird "abgefangen", der Weg nach norden verängt sich mehr, und es entstehen gleich viel mehr Wertigkeiten der Räume, als bei dem obigen, der sich nach allen Seiten gleich verhällt.



Braunschweig, Stadtplan
circa 2000, amtliche Daten der Stadt, Schloss von mir eingesetzt



Fotos gibt es auch irgendwann...
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