Thema: Bochum: Stadtgespräch
Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 25.08.09, 12:51   #49
nikolas
DAF-Team
 
Benutzerbild von nikolas
 
Registriert seit: 19.11.2007
Ort: Berlin
Beiträge: 3.326
nikolas ist essentiellnikolas ist essentiellnikolas ist essentiellnikolas ist essentiellnikolas ist essentiellnikolas ist essentiellnikolas ist essentiellnikolas ist essentiellnikolas ist essentiell
Zum 100sten von Clemens Massenberg

Stadtbaurat Clemens Massenberg (1909-1954) wäre heute 100 Jahre alt geworden.
Das Bochumer Stadtbild, wie wir es heute vorfinden, entstammt im wesentlichen Massenbergs Wiederaufbaubauplänen, wie sie im Neuordnungsplan von 1948 festgeschrieben wurden. Diese „Charta von Bochum” blieb bis zum Beginn der 60er Jahre nahezu unverändert baurechtlich verbindlich.
Aus diesem Anlass eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse meinerseits:

Der Wiederaufbau in Bochum:

1. Die Schäden an der Bausubstanz

  • Hochbauten waren zu 88,9% beschädigt oder zerstört, die darin enthaltene Wohnbebauung zu 95,9%
  • Industriebauten wiesen einen deutlich geringeren Beschädigungsgrad auf
  • Infrastruktur hatte einen Schadensgrad von 37,2%
  • Insgesamt waren im Innenstadtgebiet die stärksten Schäden zu verzeichnen

2. Die Bochumer Bauverwaltung
  • 9.1.1946 Amtseinsetzung Clemens Massenbergs als Leiter der Bauverwaltung
  • Nachdem dieser installiert worden war, ging man nun daran die Bauverwaltung personell auszubauen. 227 Stellen waren vorgesehen, wovon 106 Stellen nach der durchgeführten Entnazifizierung neu besetzt werden sollten.
  • Wegen der Dringlichkeit der Aufgabe wurden die ohnehin schon weitreichenden Zuständigkeiten der Bauverwaltung noch weiter ausgedehnt. (Grundstücksamt, Katasteramt, Umlegungsabteilung)
  • Die Bauverwaltung war somit eines der einflussreichsten und bestversorgtesten Dezernate der Stadt Bochum.
  • Diese Machstellung wurde in den Folgejahren von der Bauverwaltung auch voll ausgespielt. So wurde keinem Versuch der Öffentlichkeit u.a. nachgegeben, Einfluss auf die Planungen zu nehmen.
  • Die Einflussnahme der britischen Militärbehörde beschränkte sich auf anfängliche Organisation der Trümmerräumung und erste Instandsetzungsmaßnahmen, jedoch nicht auf die Planung der Bauverwaltung.
  • Die SPD Mehrheitsfraktion unterstützte die Bauverwaltung in allen Planungsstadien uneingeschränkt.
  • Mit dem SVR stand man in jeder Planungsstufe in ständigem Kontakt und Einvernehmen
  • Weit weniger harmonisch gestaltete sich das Verhältnis mit der Bochumer Architektenschaft. Diese sah sich v.a. durch die erlassenen Gestaltungsvorschriften in ihrer gestalterischen Freiheit eingeschränkt.


3. Die Baugesetzgebung

  • Zwischen 1946 und 1950 erfolgte ein Rückgriff auf Erlasse und Gesetze der Vorkriegs- und Kriegszeit.
  • Die 1946 erlassene „Trümmerverordnung“ ermöglichte ein Eingreifen in die privaten Grundstücksverhältnisse.
  • Das Landesbaugesetz NRW erfolgte 1950; das Bundesbaugesetz erst 1960
  • Das Umlegungsverfahren führte zu einer Neuregelung der Grundstücksverhältnisse: Bis zu 10% der Gesamtfläche eines Grundstückes konnten so unentgeltlich in das Eigentum der Stadt übergehen. Das erklärte Ziel dieser Verordnung war es Verbreiterungsflächen für Straßen und Plätze zu schaffen.

4. Die Vorbereitung und die Organisation des Wiederaufbaus

  • Detaillierte Bestandsaufnahme der erhaltengebliebenen unter- und oberirdischer Bauten (März 1944 - Mai 1947)
  • Ziel: Beurteilung wie das neu zu erstellende Straßensystem zu erstellen war.
  • Ergebnis: Da die unterirdische Infrastruktur zu „nur“ knapp 40% zerstört war, einigte man sich aus finanziellen und rechtlichen Gründen das alte Straßenraster in der Neuplanung zu übernehmen.
  • Entschluss: nicht „Neubau“, sondern "Wiederaufbau“

5. Die Leitlinien in der Organisation des Wiederaufbaus
5.1. Der Neuordnungsplan I
  • Als erste Großstadt in NRW verabschiedete Bochum am 1.10.1948 einen Neuordnungsplan
  • Durch den Neuordnungsplan sollten v.a. Planungsfehler der Vorkriegszeit behoben werden.
  • Neben den technischen Voraussetzungen waren auch bestimmte ästhetische Vorstellungen für die Planung ausschlaggebend

5.2. Die Leitlinien des Neuordnungsplanes I
5.2.1. Die Verlegung des Hauptbahnhofes
  • Gründe: wichtige Nord- Südverbindungen berührten den Bahnhof nicht. Erst durch die Verlegung des Bahnhofsverlegung entstand z.B. eine Eisenbahnverbindung nach Gelsenkirchen.
  • Zudem sollte die neue Lage des Bahnhofes die Bildung eines Geschäfts- und Verwaltungsviertels fördern.

5.2.2. Die Planung des Verkehrsnetzes
  • Feststellung: Bochum als Ganzes weist eine gesunde Struktur auf, Neuordnungen sind also nur in der Innenstadt notwendig. Propagiert wurde das Modell der „Sternstadt mit Trabanten“, d.h. des Geschäfts- Verwaltungs- und Kulturzentrums, umgeben von im Grünen eingebetteten Siedlungsräumen.
  • Die Dimensionierung des Straßensystems sollte eine „Großstädtische Breite“ erhalten. Dabei spielte der Wunsch nach „Luft, Licht und Sonne“ ebenso eine große Rolle wie die „Beachtung der neuesten Luftschutzforderungen“
  • Bochum sollte nicht zur auto-, wohl aber zur verkehrsgerechten Stadt ausgebaut werden, d.h. Priorität im geplanten Straßennetz hatte der öffentliche Nahverkehr. Die Rangfolge setzte sich fort mit dem fußläufigen Verkehr, den Radfahrern sowie dem gewerblichen LKW/PKW- Verkehr. Erst an letzter Stelle war an ein privates PKW- Aufkommen gedacht.
  • Erst ab 1954 setzte sich die Erkenntnis durch, dass man sich hier wohl verschätzt hatte. So erfolgte ab 1959 der Umbau der Stadt zur auto-gerechten Stadt, mit Wiedereinführung der Einbahnstraßen und der Umwidmung des weitläufigen Radwegenetzes zu Parkstreifen.
  • Mit der Hauptgeschäftsstraße "Kortumstraße", sollte Bochum als eine der ersten Städte Nachkriegsdeutschlands ein reine Fußgängerzone erhalten.

5.2.3. Die Planung des kubischen Aufbaus
  • Grundtendenz aller Bestimmungen war das Erreichen eines ruhigen, einheitlichen Stadtbildes mit Großstädtischem Eindruck.
  • Das Planungsamt lenkte bewusst alle Tendenzen in der Baugestaltung, die dann in den Einzellösungen von Bauherren und Architektenschaft nachvollzogen werden mussten.
  • Eine Grundlegende Maßnahme hierfür war die Festlegung von Mindestgrößen für Baugrundstücke sowie die Festlegung der maximalen Bebaubarkeit in Grundfläche und Höhe.
  • Die Fassadengestaltung unterlag ebenfalls genauen Vorschriften
  • Die Straßenabwicklungspläne erfassten die Straßenhöhen, die Eingangshöhen zum Laden oder zum Treppenhaus, die Geschosshöhen, die vorhandene Nachbarbebauung sowie die angestrebten Fensterformate.
  • Für die äußere Baugestaltung galt folgende Faustregel: "An`s Ganze gebunden, im Eigenen frei!"

5.2.4. Die Gestaltung der Stadtinhalte
  • In erster Linie war in der Innenstadt zwischen Geschäftsgebieten, gemischten Wohngebieten und Gewerbegebieten zu unterscheiden. Die Festlegung der verschiedenen Gebiete war aufgrund der bis zum Krieg vorherrschenden Nutzung erfolgt, das Geschäftsgebiet wurde daher auf den engeren Stadtkern beschränkt, in dem keine gewerblichen Betriebe größeren Umfangs zugelassen werden durften

5.2. 5. Die Grünflächen
  • Erklärtes Ziel war es, das für das gesamte Stadtgebiet vorgesehene Grünflächennetz möglichst tief in den Stadtkern einzuführen, so dass es dem Fußgänger möglich sein sollte, „ohne die Hauptstraßen benutzen zu müssen, durch Grünanlagen in die äußeren Grünfreiflächen und die freie Landschaft zu gelangen“.

5.2. 6. Die Städtebaulichen Dominanten
  • Städtebauliche Dominanten (= Gebäude mit überdurchschnittlichen wichtigen inhaltlichen Funktionen) sollten die City- Bildung unterstützen und an sog. „Erlebnislinien“ errichtet werden.
  • „Erlebnislinie“ Nord-Süd: Bergbaumuseum, die Bergschule, das Rathaus, Gerichtsgebäude, Schauspielhaus...
  • „Erlebnislinie“ Ost-West: Verwaltungsgebäude des Bochumer Vereins, Rathaus, Hallenbad, Stadtwerke, Hauptbahnhof, Hauptpost, Aral, Verwaltungsakademie...

6. Fazit
Es gelang der Bauverwaltung bis 1959, das geschlossene Konzept des Neuordnungsplanes, im wesentlichen unverändert durchzusetzen.
Dem Sachverhalt folgend, dass den zu 90% zerstörten Hochbauten, nur 40% zerstörte unterirdische Bauten gegenüber standen, wurden die alten Straßenzüge in den Neubauplanungen weitestgehend übernommen.
Durch diese Festlegungen führte der Wiederaufbau in Bochum zu keiner radikalen Neugestaltung der Stadtfläche.

Literatur:
  • Wagner Johannes Volker (Hrsg.): Wandel einer Stadt. Bochum seit 1945. Daten, Fakten, Analysen, Bochum 1993
  • Hanke Hans H.: Architektur und Stadtplanung im Wiederaufbau. Bochum 1944 bis 1960. (Inauguraldissertation, Bochum)

weiterführende Informationen [online]:
__________________
Ein Leuchtturm ohne Meer ist eine Bauruine!
nikolas ist offline   Mit Zitat antworten