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Alt 11.11.13, 21:42   #11
Hans Ebert
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Hans Ebert könnte bald berühmt werden
Teil III - Über die Allersberger Straße nach Glockenhof

Weiter geht's durch die Südstadt...

Die Allersberger Straße (https://maps.google.de/maps?q=49.441...um=1&t=h&z=19; benannt nach der Marktgemeinde Allersberg im Landkreis Roth) ist eine der Hauptverkehrsachsen der Südstadt, sowohl für den Auto- als auch für den Tramverkehr. Nördlich der Schweiggerstraße markiert sie außerdem die Grenze zwischen den Stadtteilen Galgenhof und Glockenhof.

Die Bebauung in diesem Bereich ist mit wenigen Ausnahmen nach 1945 entstanden. Der allgemein etwas "verwohnte" Eindruck der Häuser wird durch die modernen Reklametafeln noch verstärkt; dabei finden sich bei näherem Hinsehen darunter noch ein paar interessante Zeugen des Wiederaufbaus mit originalen Details.


Das Haus Allersberger Straße 76 gehört mit Baujahr 1974 zu den jüngeren Gebäuden an diesem Straßenabschnitt. Es erinnert etwas an die klassischen Scheibenhochhäuser der Trabantenstädte der Nachkriegszeit — nur viel kleiner.


Schon auf dem Gebiet des Bleiweißviertels dominiert dieses Kaufhaus (Baujahr 1960) die Kreuzung Schweigger-/Allersberger Straße. Typisch für die Entstehungszeit sind die Rasterfassade, die Fensterfront im 1. Obergeschos sowie das zurückgesetzte Dachgeschoss, das Platz für eine großzügige Loggia lässt und dem Koloss ein wenig von seiner Massigkeit nimmt.


Gegenüber steht wieder ein klassisches Eckhaus der Wirtschaftswunderzeit (Schweiggerstr. 1) mit weit auskragendem, flachen Satteldach und dreigeteilten Fenstern. Man beachte die französischen Fenster auf der rechten Seite — ein bisschen weltstädtische Wohnlichkeit selbst im Verkehrsmoloch. Hier war die automobilgerechte Stadt Teil des Lebensgefühls! Die Ladeneinbauten hat man, wie auch am Kaufhaus gegenüber, leider später, wohl in den 1980/1990er Jahren, erneuert.



Und auch so etwas gibt es in der Südstadt: Hinter den Rückfassaden der großen Mietshäuser an Allersberger- und Schweiggerstraße duckt sich im Hinterhof ein kleines Juwel — das Haus Schweiggerstraße Nr. 7. Den Einzelformen im Heimat- bzw. Jugendstil zu Folge ist das Häuschen um 1900/1910 gebaut worden und hat den Bombenkrieg überdauert.


Eher traditionell (in der Waschmittelwerbung würde man sagen "herkömmlich") ist das Eckhaus Allersberger Straße 53/Ecke Enderleinstraße mit umlaufendem Flugdach über dem Laden im Erdgeschoss und heller Putzfassade gestaltet.




In den 1950er/1960ern Jahren waren Fassaden-Komplettverkleidungen mit Fliesen und Travertin der letzte Schrei. Reinliche Hauseigentümer wissen noch heute um die Vorteile der Fliesen, die man einfach nur "abkärchern" muss (soweit die Theorie). Hier hat man versucht, durch Farb- und Oberflächenwechsel aus dem Praktischen einen gestalterischen Mehrwert zu erzielen. Und das, wie ich finde, ganz gut. Wenn man genauer hinsieht, dann offenbart das Haus Allersberger Straße 49 noch mehr originale Details, etwa die auskragenden Blumenfenster am Treppenhaus und die Eingangstür mit gewölbtem Metallgriff. Allenfalls als "suboptimal" ist die überbordende Reklame zu bezeichnen, die dem Haus viel von seinem Reiz und seiner differenzierten Gliederung nimmt.



So unscheinbar es aussieht, das Haus Allersberger Straße 66 ist im Verhältnis zu vielen seiner Nachbarn noch weitgehend original erhalten. An diesem Gebäude zeigt sich wieder einmal, wie wichtig die originalen Ladeneinbauten für den Charakter der Nachkriegsbauten sind: Der Hauseingang besitzt noch die bauzeitliche Verkleidung mit Muschelkalkplatten, Schaufenster mit eloxierten Stahlrahmen und eine Haustür mit fein abgesetzten Zierleisten, Reliefglaslichten und kreisrundem Türdrücker. Fehlt nur noch das Fräulein mit Blümchenkleid und Cateye-Brille, die zu ihrer vor der Haustür geparkten Isetta stöckelt...


Wie das Kaufhaus an der Straßenecke besitzt auch das Haus Allersberger Straße 68 noch ein Obergeschoss mit großen Panoramafenstern sowie originale Einbauten und Fassadenanstrich. Die knallbunte und überdimensionierte Reklame stiehlt aber leider auch hier der ohnhein eher schlichten Architektur vollends die Show. Zu schade, dass die klassische Leuchtreklame in Schwungschrift heute kaum mehr Liebhaber findet — diese Fassade würde enorm davon profitieren.


Ei, was haben wir den da! Nein, kein Ei, sondern den IMEX-Pavillon am Guttenbergplatz in Glockenhof (https://maps.google.de/maps?q=49.443...num=1&t=h&z=19). Ursprünglich war er ein Blumenladen (daher die großen Schaufenster, die das Innere tagsüber mit Licht durchfluten). Der Nürnberger Architekt Heinz Buff — von ihm stammt auch die städtische Berufsschule I an der Augustenstraße — hat ihn 1959/1960 erbaut. Er gehört zu den letzten seiner Art und steht unter Denkmalschutz. Der Pavillon wird heute nach behutsamer Restaurierung, gehegt und gepflegt, als Straßencafé benutzt und ist mit originalen Möbeln der 1950er/1960er liebevoll ausgestattet. Mehr zur Geschichte des Pavillons, inklusive alter Fotos und Planzeichnungen findet man hier: http://www.der-pavillon.org/bau_history.htm. Wer mag, kann in dem heimeligen Rund eine Party schmeißen — oder einfach bei Kaffee und Kuchen eine Zeitreise in die Wirtschaftswunderzeit machen.
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Erst wenn die letzte Fassade gedämmt, die letzte Villa entkernt, der letzte Garten zugebaut ist, werden die Menschen feststellen, dass Denkmalschutz doch sinnvoll ist.
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