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Alt 16.09.13, 17:48   #1
Malyan
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Zerstörung historischer Bausubstanz in Wien

Wien hat nicht nur mehr historische Architektur als jede andere Stadt Mitteleuropas (Etwa 16 000 vor 1918 errichtete Gebäude), sondern gleichzeitig auch die höchste Zerstörungsrate ebendieser historischen Architektur: Jährlich werden in Wien durchschnittlich 150 vor dem Ersten Weltkrieg errichtete Gebäude abgerissen, überwiegend Gründerzeitler, aber teilweise auch noch ältere Architektur aus Klassizismus und Barock. Durch den aktuellen Boom - Wien wächst jährlich um etwa 20 000 Einwohner - ist ein reges Baufieber ausgebrochen, dem auch immer mehr historische Bausubstanz zum Opfer fällt, bei der in Wien recht unbedenklicher Kahlschlag betrieben wird, wohl, weil im Gegensatz zu den kriegszerstörten deutschen Großstädten noch soviel davon steht, dass ein paar hundert Gründerzeitler mehr oder weniger im Stadtbild kaum auffallen. Inzwischen werden die Lücken allerdings sehr fühlbar und droht der historische Charakter des Stadtbildes außerhalb der touristisch am stärksten frequentierten inneren Bezirke teilweise verlorenzugehen. Bei jedem längeren Spaziergang durch Wien komme ich an gut einem halben Dutzend in Abriss befindlichen Gründerzeitlern vorbei. In diesem Thread möchte ich nach und nach einige Abrisse dokumentieren.

Ich beginne mit dem bevorstehenden Abriss eines rech dekorierten, wohl aus den 1880er Jahren stammenden Gründerzeitlers im 12. Bezirk Meidling, der einem 60m-Hochhausstummel weichen soll.

Hier der Abrisskandidat (Quelle: http://media05.regionaut.meinbezirk....g?1378977731):



Und hier der 60m-Stummel, der ihn ersetzen soll (Quelle: http://media05.regionaut.meinbezirk....g?1371566786):

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Alt 16.09.13, 18:47   #2
Johnny
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Das ist sehr schade. Ich dachte in Wien wäre man mehr auf sein historisches Erbe bedacht. Dass neuer Wohnraum gebraucht wird ist natürlich verständlich. Leider gefällt mir in Wien (wie auch in vielen deutschen Städten) die Architektur neuer Gebäude oft nicht besonders. Gibt es Proteste gegen diese Abrisse?
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Alt 16.09.13, 18:58   #3
Malyan
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Nein - Proteste oder Initiativen gegen die Zerstörung der historischen Bausubstanz wären mir nicht bekannt. Dafür kocht jedesmal die Volksseele über, wenn eine Brachfläche oder ein vergammeltes Parkhaus durch moderne Hochhäuser mit Spitzendesign ersetzt werden sollen...
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Alt 16.09.13, 20:21   #4
Saxonia
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150 im Jahr ist schon eine Hausmarke. Gerade so ein prächtiges Eckgebäude wie oben ist ein schmerzlicher Verlust und dann auch noch für so einen Schotter....
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Alt 17.09.13, 13:01   #5
Malyan
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Hier übrigens noch ein Artikel von 2012 zum Thema, laut dem pro Jahr sogar 170 historische Bauten abgerissen werden:

http://www.immobilien-monitor.at/woh...den-abgerissen

Und hier ein Bild des im Artikel besprochenen, letztes Jahr abgerissenen Gründerzeit-Eckbaus (Quelle: http://www.wienerbezirksblatt.at/too...800&height=600)

http://www.wienerbezirksblatt.at/too...800&height=600

Und das neue Hotel, durch das es ersetzt wird (Eröffnung diesen Herbst. Quelle: http://www.ibis.com/photos/9034_ho_00_p_346x260.jpg)

http://www.ibis.com/photos/9034_ho_00_p_346x260.jpg

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Alt 17.09.13, 20:02   #6
merlinammain
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170 historische Bauten pro Jahr??? ... oh-gott-oh-gott ... der Kopfbau im Vorbeitrag würde in Frankfurt auf der Denkmalliste stehen.

Unglaublich, durch welch einen Mist in den Beispielen von dir diese Bauten ersetzt werden
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Alt 17.09.13, 21:35   #7
Saxonia
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^^
Das ist doch im Grunde eine Frechheit. Renditeoptimierter Investorenschrott. Wird das alles von den entsprechenden Bezirksräten einfach so durchgewunken? Wenn angeblich so ein Flächendruck da ist, dass man solche Gebäude abreissen muss, sollte zumindest darauf gedrängt werden einen guten Teil der Neubaukosten einer optisch adäquaten Fassade zukommen zu lassen.
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Alt 17.09.13, 23:36   #8
Malyan
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Ja, in der Regel werden solche Abrissprojekte in Wien problemlos durchgewunken, es existiert kein wirkliches Problembewusstsein. Das wird sich wohl erst einstellen, wenn die Lücken im Stadtbild irreparabel groß geworden sind.

Hier noch ein kurz vor dem Abriss stehendes Gebäude - die historische Kinderklinik auf dem Gelände des Allgemeinen Krankenhauses, ein 1909 errichteter Jugendstilbau des Ringstraßenarchitekten Förster (Bildquelle: http://cdn1.vienna.at/2012/04/Initia...-600x386.jpg):



(Bildquelle: http://austria-forum.org/attach/Wiss...20AKH/1Med.jpg)

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Alt 18.09.13, 00:04   #9
nothor
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nothor ist essentiellnothor ist essentiellnothor ist essentiellnothor ist essentiellnothor ist essentiellnothor ist essentiellnothor ist essentiellnothor ist essentiellnothor ist essentiell
Wirklich sehr schade. Abreissen ist einfach zu billig.

Sämtliche genannte Abrisskandidaten wären hier Einzeldenkmale und begehrte Objekte - für Wohnen oder repräsentative Büros.
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Fotos von mir, andernfalls ist die Urheberschaft angegeben.

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Alt 18.09.13, 00:12   #10
Saxonia
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Und im Hintergrund grüßt schon die "Zukunft".
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Alt 18.09.13, 02:06   #11
Bau-Lcfr
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Das unter #5 gezeigte historische Gebäude hätte man entkernen und in ein grandioses Hotel umbauen können. Ich habe bereits öfters in alten Hotels gewohnt, wo etwa das Bad nachträglich eingebaut wurde - es kann mal zwangsweise klein ausfallen, doch es wird praktiziert und für *** reicht es.

Merkwürdig, dass die Abrisse nicht umstritten sind - Wien müsste ausreichend Bildungsbürger haben, die sich für gewöhnlich für historische Bauwerke einsetzen.

Etwa in Düsseldorf gibt es schon einige umstrittene Abrisse etwa der Gründerzeitler - es kann aber auch vorkommen, dass die Bezirksvertretung die Zustimmung zum Abriss an die Bedingung der Retro-Wirkung des Nachfolgebaus knüpft, z.B. an der Florastraße. Dann hätte zumindest der Nachfolgebau von #5 anders ausgesehen.
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Alt 18.09.13, 07:59   #12
Cowboy
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^ Während deutsche Großstädte von hastig errichteten Mietskasernen aus den 50er- und 60er-Jahren sowie Plattenbauten etc. flächendeckend durchsetzt sind und man inzwischen froh über jeden noch so einfachen Gründerzeitler ist, der Krieg und Nachkriegszeit unbeschadet überlebt hat, ist Wien baulich vom Historismus geprägt wie kaum eine andere Stadt im deutschen Sprachraum. Wo soll da groß das Problembewusstsein herkommen, wenn jährlich ein paar Dutzend Altbauten geopfert werden? Außerdem werden die Lücken in Wien ja wieder aufgefüllt, während woanders in schrumpfenden Städten nach Abbruch die Flächen brach liegen, als Parkplatz umgenutzt werden oder bestenfalls ein Aldi drauf kommt.

Es ist ja auch erst einmal kein Problem, dass eine prosperierende Stadt wie Wien auch baulich den Veränderungen angepasst wird. Eine flächendeckende Zerstörung historischer Bausubstanz wurde zudem vor über 100 Jahren betrieben, als Wien auf über 2 Mio Ew wuchs. Im Vergleich dazu fallen die heutigen Abbrüche kaum ins Gewicht. Sicher wäre es dem historischen Stadtbild zuträglich, wenn Gemeindebezirke ausgewiesen werden, in denen Abbrüche tabu sind. Da bin ich nicht im Bilde, inwieweit dies geschieht.
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Alt 18.09.13, 13:12   #13
Malyan
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Da stimme ich insofern zu, als in einer Stadt mit über 16 000 historischen Gebäuden tatsächlich nicht jede schmucklos-triste Mietskaserne unbedingt schützenswert sein muss, nur weil sie alt ist. Eine prosperierende und stark wachsende Stadt kann sich schließlich nicht völlig musealisieren, das geht in kleinen, praktisch nur vom Tourismus lebenden Städten wie Venedig, aber nicht in einer Millionenstadt. Schmerzlich in Wien ist aber, dass a.) auch zahlreiche historische Gebäude überdurchschnittlicher Qualität wie der oben gezeigte Jugendstilbau geopfert werden und dass diese Bauten b.) in der Regel durch den grausamsten Investorenschrott von Münchener Niveau ersetzt werden, der in ein paar Jahrzehnten selbst wieder reif für den Abriss sein wird.
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Alt 18.09.13, 13:41   #14
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Und das ist es, wo ich mich frag warum da die Bezirksräte nicht mehr Druck machen und auf optisch hochwertige Neubauten pochen. Angst vor einem abspringen der Investoren muss man ja offensichtlich kaum haben in Wien.

Man darf auch nicht vergessen, dass Wien ja nun nicht unbeschadet durch den Krieg gekommen ist. Da gab es viele dutzend Luftangriffe wenn ich mich recht erinnere. Selbst der Stephansdom stand ja bekanntlich in Flammen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man in den 50er, 60er und 70ern wesentlich anders mit Altbauten umgegangen ist als in der BRD. Aber vieleicht kann Malyan dazu noch etwas genaueres sagen.
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Alt 18.09.13, 14:30   #15
Malyan
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Es stimmt schon, dass Wien im Zweiten Weltkrieg einiges abbekommen hat, aber mit insgesamt 20% zerstörten oder beschädigten Gebäuden ist die Stadt im Vergleich zu deutschen Großstädten sehr glimpflich davongekommen. Die im Krieg zerstörten Gebäude wurden i.d.R. nicht rekonstruiert, sondern durch Neubauten ersetzt (Eine Ausnahme ist bspw. die im Krieg zerstörte und später originalgetreu rekonstruierte Staatsoper). Bauten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dominieren das Stadtbild weiterhin sehr stark, sogar außerhalb des Stadtzentrums. Daran haben auch die 50er-70er Jahre nicht viel geändert, da Wien - nachträglich gesehen - das Glück hatte, von den 50er bis 80er Jahren eine stark schrumpfende und ökonomisch darbende Stadt zu sein, sodass einfach kein besonders großer Bedarf nach Neubauten bestand und Wien diese Periode ohne allzu große Verheerungen überstand. Das, was damals an neuen Großsiedlungen gebaut wurde, entstand überwiegend außerhalb der historischen Innenstadt, bspw. im 21., 22., 23. und 10. Bezirk. Auch Entstuckungen, wie man sie bspw. in Berlin an den meisten erhaltenen Altbauten findet, waren in Wien relativ selten. Wien erlebt momentan seit etwa 10 Jahren den ersten richtigen Boom seit dem Ersten Weltkrieg, und der schlägt sich eben auch im Abriss von viel historischer Architektur nieder, den man in Westdeutschland in den 50er, 60er und frühen 70er Jahren findet, als die meisten deutschen Großstädte ihren vorläufigen Höhepunkt der Bevölkerungsentwicklung erreichten.
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