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Alt 12.01.08, 22:37   #31
digger
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So hat jetzt nicht wirklich etwas mit dem Thema zu tun, aber als Laie wollte ich wissen ob es eine Art Liste gibt in der man erfahren kann, welcher Haus,- oder Gebäudetyp mit den Abkürzungen gemeint ist?
Ihr bezeichnte das HH als WS66 Bau. Habe so etwas selbst schon gelesen.

Wäre nett wenn es so etwas gibt, damit man weiss was damit gemeint ist.

Danke!!!
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Alt 14.01.08, 14:32   #32
Guderian
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Zitat:
Zitat von mik Beitrag anzeigen
Wenn man für einen Neubau die gleichen Finanzmittel hinstellen würde, die der Historismus kosten würde, dann käme auch ganz andere Architektur dabei raus.
Du führst Selbstgespräche. Niemand hier ist für Historismus. In diesem Thread geht es um das allgemeine Baugeschehen, nicht um den Schlossplatz. Das Kostenargument zieht überhaupt nicht, gute Gebäude sind nicht teurer als schlechte. Was man zusätzlich investieren muss, ist nur Phantasie und Empathie. Dein Adolf Loos Zitat "Ornament ist Verbrechen." charackterisiert die Moderne schon recht treffend. Nur deine Begründung ist absolut lächerlich! Ginge es den Modernisten tatsächlich um das soziale Argument (Ornament sei teurer, während Menschen verhungern), dann hätte es in Westdeutschland nie eine Entstuckungswelle im Altbaubestand gegeben. Das massenhafte Abschlagen des Stucks an vom Krieg unversehrten Gebäuden war sicher nicht billig und wird die soziale Lage kaum verbessert haben.

Nein, diese Säuberungsaktionen sind nur Teil eines (nicht nur auf die Architektur beschränkten) Kulturkampfes gegen die deutsche Geschichte, wie er im gesamten Stunde-Null-Deutschland geführt wurde. Die Modernisten selbst (nicht ihre Kritiker) sind es, die einen Geschmackskampf im öffentlichen Stadtbild führen. Und das mit der kruden Begründung, die Gegenwart wäre die beste aller Zeiten und den Lösungen der Vergangenheit in jedem Falle vorzuziehen. Dabei hat die Kaiserzeit (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) in einem Ausmaß Anstrengungen zur Bekämpfung ihrer sozialen Probleme unternommen, von dem wir heute nicht mal mehr Träumen können. Die Gründerzeit besteht aus weit mehr als nur Ornamenten und ihre viel kritisierten Wohnungszuschnitte sind um Klassen besser als die später entstandenen Wohnkäfige im Märkischen Viertel.

Allzuleicht scheinen Viele den feinen Unterschied zwischen Gutes Wollen und Gutes Bewirken zu vergessen. Während sich Gründerzeitviertel heute in windeseile in quirlige Szenequartiere verwandeln können, klebt den Neubaugegenden auch dann das Ghetto-Etikett an, wenn das Haushaltseinkommen weit über und Kriminaltät und Ausländeranteil weit unter dem Durchschnitt liegen. Das liegt nur daran, das die modernen Gebäude einen Teil ihrer traditionellen Funktionen nicht mehr erfüllen (können oder wollen). Dazu gehört es, die Straßen zu beleben, indem man im Erdgeschoss Platz für Läden und Caffees bietet. Und dazu gehört auch, ein ästhetisches Straßenbild abzugeben, welches dem Verlangen (dem Bedarf) der Menschen nach Wärme, Gemütlichkeit, Wohlbefinden, Tradition und Heimat entgegen kommt.
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Alt 14.01.08, 16:27   #33
Guderian
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@mik:
"zum anderen beschäftigt mich die Frage, wie denn eine Rückkehr zum Ornament in der zeitgenössischen Architektur überhaupt aussehen könnte."
Sich darüber den Kopf zu zerbrechen, genau dafür sind Architekten dar.

"man kann schließlich doch nicht mehr auf die alte Formensprache zurückgreifen."
Wieso nicht? Wenn man es verleugnen kann, kann man doch auch darauf Bezug nehmen.

"Antike Anleihen sind ja noch leicht uminterpretierbar, als besonders demokratisch oder humanistisch. Aber dennoch. Erscheinungsbild und Aussage gründerzeitlicher Häuser sind extrem konservativ."
Und doch war die Gründerzeit, eine Zeit wirtschaftlicher und sozialer Umbruche, wie nie zuvor in der Geschichte. Unser heutige Gesellschaft ist quasi die Konsequenz der Industrialisierung der Gründerzeit. Was haben wir hingegen noch mit den Stadtstaaten der Antike zu tun?

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Atheist (stimmt doch, oder?) wie Guderian ein Gebäude mit Putten schmücken würde."
Richtig, auf Engelsfiguren kann ich verzichten. Die gehörten aber auch früher nicht zum Stadtbild des protestantischen Berlin. Aber gegen nackte Männer und Frauen Skulpturen auf Häusern und Brücken hätte ich absolut nichts einzuwenden. Dann würde man die repräsentativen Bauten endlich auch wieder als solche erkennen.

"Man müsste dann schon eher am Jugendstil anknüpfen. Aber auch dessen künstlerische Aussagen sind ja längst Geschichte."
Gerade Blumenmuster sind doch zeitlos. Sie sehen nur immer etwas anders aus. Da kann man sich vielleicht mal an der Mode orientieren.

"Also was wäre denn ein modernes Ornament oder eine ästhetische, zeitgenössische Fassadengestaltung? Strukturen von Computerchips vielleicht?"
Nicht direkt Computerchips, diese sind ja auch sonst nicht Teil der Bildkultur. Aber es gibt zum Beispiel Künster, die sich heute (noch/wieder) an der Ästhetik der Atari Pixelmännchen orientieren. Sowas kann man natürlich auch in die Architektur übertragen. Viel wichtiger ist aber, das man daraus lernt, bestimmte gestalterische Elemente, die früher notwendig waren aber heute obsolet sind, einfach aufgrund ihres ästhetischen Wertes weiterzuverwenden. Etwa das gute alte Schrägdach.

"Dekadente, sexuelle Gesten? Popartmotive als Relief?"
Ja na klar! Bordelle und Nachtclubs sollen ruhig nach Aussen zeigen, worum es Innen geht. Popart gehört als Stil eher nach Amerika. Aber bevor man eine Wand kahl lässt, sollte man schon zu einem zeitgenössischen Maler greifen. Warum nicht mal einen Norbert Bisky statt einer Sichtbetonwand?
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Alt 14.01.08, 17:12   #34
Dvorak
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Dvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfach
Nach dem Krieg sind sicher keine Architekten durch die Strassen gelaufen, und haben den Leuten gegen ihren Willen den Stuck vom Haus geschlagen, es waren die Menschen selber, die ihn nicht mehr haben wollten, und stattdessen eher mal eine Gebäudedämmung vorgezogen haben. Der Wunsch, im Winter mal über 17°C im Haus zu haben ist sicher nicht ideologisch bedingt.
Das die Gründerzeit sozial war, ist vollkomener Unsinn. Wenn man sich die Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland über die letzten 200 Jahre ansieht, dann kann man erkennen, wann sie wie schnell gestiegen ist. In der Gründerzeit ist sie zwar gestiegen, einen noch wesentlich signifikanteren Anstieg kann man aber ab 1900 erkennen, also mit dem Aufkommen moderner Prinzipien. Der Anstieg während der Gründerzeit täuscht auch dahingehend, dass die Lebenserwartung vor der Industrialisierung höher war, und mitte des 19.Jhdts auf historischem Tiefpunkt lag.
Gründerzeitgrundrisse sind dahingehend stark, dass man sie leicht umnutzen kann, ich halte sie aber weder fürs Wohnen, noch fürs Arbeiten gut. Ein langer Flur, und links und rechts Boxen macht für mich noch keine Wohnqualität aus, genausowenig wie die lichte Höhe. Mein Vater hat ein weit über 200Jahre altes Fachwerkhaus mit einer Deckenhöhe von 2,10m, und sich noch nie beschwert.
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Alt 14.01.08, 17:37   #35
easton
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Zitat:
Zitat von Dvorak Beitrag anzeigen
Nach dem Krieg sind sicher keine Architekten durch die Strassen gelaufen, und haben den Leuten gegen ihren Willen den Stuck vom Haus geschlagen, es waren die Menschen selber, die ihn nicht mehr haben wollten, und stattdessen eher mal eine Gebäudedämmung vorgezogen haben.
Aber Architekten haben den Begriff der Moderne geprägt und damit eben auch den Elementen der Gründerzeitler einen negativen Touch verliehen.

Ich denke das die Gründerzeilter schon sehr viel richtig machen. Die Fenster zum Beispiel. Ich denke für das ästhetische Empfinden sind lange schlanke Formen ansprechender als kurze breite. Und in Bezug auf Ornamente. Der Mensch hat doch ein Bedürfnis nach Ornamenten, oder was ist Kleidung und Schmuck anderes?
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Alt 14.01.08, 17:40   #36
Rohne
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Rohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz seinRohne kann im DAF auf vieles stolz sein
Das halte ich aber für ein Gerücht dass die Entstuckung von den Menschen selber durchgeführt wurde. So Leute wie Peter Behrens die auf dem Gebiet der Entstuckung sich besonders unrühmlich hervorgetan haben waren in der Regel doch Architekten.
Zumal mir kein einziger entstuckter Gründerzeitler bekannt ist, bei dem der Stuck durch irgendeine Wärmedämmung ersetzt worden wäre....
Entstuckung ist immer mit "Unehrlichkeit" und ähnlichen von Architekturzeitschriften geprägten Ansichten begründet worden.
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Alt 14.01.08, 18:10   #37
Dvorak
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Dvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfach
Ich kenne (leider) eine ganze Menge Gründerzeitler, die nachträglich mit Eternitplatter verkleidet wurde. Man hat den Putz abgeschlagen, Dämmung drauf gemacht, und das mit Eternit versiegelt. In Braunschweig gibt es das recht häufig, dass kann aber auch an der schieren Masse an Gründerzeithäusern liegen. Ansonsten wurden in Braunschweig kaum Häuser entstuckt, meist war es tatsächlich die Bauphysik. In meinem Heimatort kenne ich auch eine Menge Fachwerkhäuser, denen man das Fachwerk nicht mehr ansieht, da ist es auch Eternit oder Schiefer.
Es ist zwar subjektiv, aber sponten fällt mir nicht ein einziges Gebäude ein, von dem ich sagen würde, dass es aus Ideologie entstuckt wurde.

Im Endeffekt waren es aber immer die Besitzer, auch wenn Architekten Mode prägen, kann man sie nicht einzig für die Entscheidungen verantwortlich machen. Heute ist die Architektenschaft ja keineswegs stumm, das heist aber noch lange nicht, dass gemacht wird was sie sagen. Heute wird auch nicht immer schön gebaut, obwohl alle Architekten das wollen und sich dafür einsetzen, es ist aber abzusehen, dass sie hinterher wieder die Sündeböcke sind, genauso wie sie die Sündeböcke für Stadtabrisse sind, für Plattenbauten am Stadtrand etc.
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Alt 14.01.08, 18:26   #38
Rohne
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In Frankfurt und Berlin gibts davon jede Menge. Zusätzlich noch irgendwie verkleidet gibts eigentlich nur ein paar im Bahnhofsviertel und da ist man größtenteils dabei diese Verkleidung wieder zu beseitigen und ich denke nicht dass diese Verkleidung aus Gründen der Dämmung angebracht wurde.
Vielen Gründerzeitlern sieht man es als Laie auch gar nicht an, weil zumindest ein klein wenig Stuck dann vielleicht doch übrig blieb, aber spätestens wenn man dann mal ein Bild sieht wie das Gebäude vorher ausgesehen hat tut sich da ein Unterschied wie Tag und Nacht auf. Wobei man zum Teil trotzdem noch froh sein kann wenn ein Neubau zumindest in einer Altbaugegend einen ähnlichen Detailreichtum aufweist wie ein entstuckter Gründerzeitler.
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Alt 14.01.08, 19:26   #39
damar
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Zum Thema Entstuckung:

http://de.wikipedia.org/wiki/Entstuckung

Interessant ist vorallem der Satz: "Bemerkenswerterweise wurde die Entstuckung während dieser Zeit sowohl in West- als auch in Ostdeutschland massenhaft durchgeführt, während in benachbarten Ländern, wie z.B. Frankreich oder Italien das Phänomen weitgehend unbekannt war und ist."

Ich finde, das zeigt schon deutlich, dass die Entstuckung auch ideologischen, geschichtsnegierenden Charakter hatte. Bei einer Berlin-Führung wurde mir auch mal erzählt, dass es in Kreuzberg in den 1960er Jahren sogar Prämien für das Abschlagen des Stucks gegeben habe...
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Alt 14.01.08, 20:05   #40
Dvorak
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Dvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfachDvorak braucht man einfach
Über die Ursachen könnte man an und für sich lange nachdenken. Ich habe z.B. das Gefühl, dass man in geschlossenen Ensembles weniger entstuckt hat, als dort, wo die Gründerzeitler plötzlich alleine zwischen Nachkriegsarchitektur standen.
Du hast nicht auch zufällig gehört, welchen Sinn die Prämien in Berlin hatten?
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Alt 14.01.08, 22:04   #41
mik
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mik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblick
@Guderian:
Ich führe keine Selbstgespräche, wenn ich hier die Gründerzeitarchitektur thematisiere. Vor allem nicht, wenn diese doch auch hier als besonders vorbildlich dargestellt wird.

Wenn man's genau nimmt, konnte sich Loos mit seinem Ornament=Verbrechen Slogan gar nicht mal auf soziale Aspekte beziehen. Zumindest wüsste ich nicht, dass er mal was billiges gebaut hätte. er stand ja bei Wohnhäusern eher auf dem Standpunkt, allen Luxus im Inneren und wie's außen aussieht ist egal.

Die einzige wirklich soziale Moderne waren 50er Trümmersteinhäuser. Dadurch wird aber der Finanzaufwand von Vorkriegsbauten auch nicht sozialer!

Zur Entstuckung:
Natürlich wurde deshalb auch ideologisch entstuckt. Man war ja auf die moderne Zeit wahnsinnig stolz. Die ästhetischen Ansichten haben im Endeffekt doch nur den Siegeszug der komplexen Technik wiedergespiegelt. Damals waren sogar Bungalows als Einfamilienhäuser gefragt.
Architektonisch war die Entstuckung ein Fehler. man hat dadurch grundlegende Qualitäten vernichtet, ohne wirklich neue zu schaffen. Gerade an entstuckten Gründerzeitbauten sieht man ja, was das eigentlich für dämliche Kisten sind.
Trotzdem kann ich diese Entwicklung nicht ganz verurteilen. Und man kann die Schuld nicht den Architekten geben. Es war einfach eine mutigere Zeit und Kulturszene, Politik und Gesellschaft haben alles mitgetragen. Ich würde sogar behaupten, dass die pure Nachkriegsmoderne mit all ihren Problemen weit weniger von der Volksmasse entfremdet war, als die zeitgenössische Architektur. Deshalb bin ich auch sehr tolerant gegenüber diesen, teilweise furchtbar entstellten Häusern. Sie haben immer noch einen gewissen zukunftsoptimistischen Geist in ihrer Verstümmelung.
Aber diese Haltung meinerseits würde ich als Architekt - und da bin ich nicht der einzige - der Gesellschaft nun auch nicht aufzwingen wollen.
Aber es ist irgendwie müßig nur über Geschichte zu reden. Noch schlimmer ist es so zu tun, als würde die Kulturelite heute noch so denken.

Zu einer Rückkehr des Ornaments:

Im Jugendstil ging es um mehr als Blumenmuster. Gerade die Antropomorphen Formen sprechen da eine sehr klare Sprache. Es war die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft. Gerade die Verklärung menschlicher Empfindungen (vgl. Peter Behrens: Der Kuss)sollte ja auch eine neue Moral etablieren.
Letztendlich endeten diese Utopien eines neuen Wertesystems aber in den großen radikalen Ideologien, so dass man sich an dieses Thema in dieser verklärenden Form nicht mehr traut.
Trotzdem mag ich die Motive und könnte mir noch am ehesten derartiges Vorstellen. Vor allem noch in einer Mischung mit technizistischen Motiven und Natur, in Form von Fassadenbegrünungen. Wäre ein schöner Schnitt durch die Gesellschaft.

Norbert Bisky halte ich höchste für Halle-Neustadt passend, mit seiner zynischen Neuauflage des sozialistischen Realismus? Er ist zwar provokant, aber irgendwie erschließt sich mir die obligatorische Sozialkritik nicht so ganz. Und das als Anstrich?
Aber bei vielen Putzfassaden wäre selbst das eine Verbesserung.

Ich denke, wir bräuchten wirklich wieder Standarts. Qualitativ hochwertige, Finanzstarke Projekte, die durch räumliche Komplexität funktionieren, sollten auch so gebaut werden.
Der Rest sollte von Zweckarchitektur auf anständiges Mittelmaß über eine Art Schmucksystem (müssen ja nicht unbedingt Ornamente sein) gepimpt werden. Die Vorstellung, gute Architektur könne billig sein ist in der Masse ein netter Traum. Mehr nicht.
Ich denke da vor allem an Fassaden, wie sie zur Zeit in Frankfurts City West entstehen. da würde schon ein durchdachtes Farbkonzept mehr Wohnlichkeit bringen. http://www.deutsches-architektur-for...?t=4146&page=9
Ich möchte aber auch noch hinzufügen, dass sich hier die radikale Klarheit der Straßenfronten in ihrer Maßstäblichkeit auch wieder ganz gut in das unterkühlte Büroquartier einfügt. (Persönlich bin ich sogar eher für unterkühlt und Ornamentlos). Im Westhafen ist der gleiche Stil prächtig und sieht viel besser aus. Da möchte ich wirklich nicht auf genau diese zeitgenössische Architektur verzichten. Aber auch wenn es dafür einen Markt gibt, so ist die Nachfrage nach "Gemütlichkeit" in Großstädten überwiegend unbefriedigt. Und da muss die zeitgenössische Architektur bald Antworten finden.
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Alt 14.01.08, 22:44   #42
Rohne
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Aber wirklich vom Hocker reißen kann der Stil auch am Westhafen nicht. Zumindest die Häuser auf der Mole die ja so ziemlich alle in diesem Stil gehalten sind, sind zum Großteil ziemlich öde. Ohne Hingucker wie das größte Gerippte der Welt oder den Westhafen Pier würd ich mich dort zu Tode langweilen. Find die vergleichbaren Projekte in Düsseldorf, Hamburg und Köln da unterm Strich wesentlich attraktiver weil abwechslungsreicher.
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Alt 15.01.08, 09:29   #43
mik
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mik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblick
Stimmt, die Häuser auf der Mole sind äußerlich auch nicht soo toll. Aber ich denke, das gehört auch zum Konzept. Teilweise sind sie je extra grau gestrichen. Die Wohnhäuser der Landseite sind hingegen doch auch für eine größere Gruppe Architekturkritiker wirklich ganz nett? Und wie gesagt - der Gesamteindruck soll ja eher unterkühlt sein. Da ist das Villa-Kunterbunt Konzept vom Medienhafen in Düsseldorf ein ganz anderes.

Letztendlich sind aber die zeitgenössischen Bürogebäude auch nicht das Problem. Gerade da hört man lediglich Kritik an städtebaulichen Entscheidungen, die ganze Plätze zu monofunktional gestalten.
Was das Aussehen an sich betrifft ist man jedoch ganz zufrieden. Die Hauptkritik an zeitgenössischer Architektur betrifft eigentlich nur Wohnbauten.
Aber gerade bei diesem wichtigsten Bereich bleibt man Zweckbaumäßig auch oftmals weit hinter den künstlerischen Fähigkeiten unserer Zeit zurück.
Wir haben heute Splitlevel und Crossover, etliche Arten Treppenhäuser, Balkone, Loggien, Laubengänge, Maisonette, Lofts, Apartments, Penthouse, Terassenhäuser, Hochhäuser, Turmhäuser, Solitäre, Blockrand, Mäander, wir haben Atrien, Energiegärten, Wintergärten, Gründächer, Dachterassen, Holz, Stein, Glasfassaden, intelligente Wärmedämmung, Passivhäuser, Massivhäuser, Skelettbauweisen etc.
Allein der Wille außerhalb wissenschaftlicher Arbeiten oder einzelnen Musterhäusern scheint zu fehlen


Die monofunktionale Ausrichtung vieler Neubauten beruht außerdem noch auf falscher Stadtplanung und Investorenwünschen.
Im allgemeinen planen Architekten nämlich liebend gerne Cafés, Einzelhandel und belebte Plätze.
Die zeitgenössische Freiraumarchitektur würde ich sogar als historischen Höhepunkt einstufen. Auch wenn es natürlich Griffe ins Klo gibt. Moderne Plätze und aktuelle Straßenkonzepte verbinden Fußgängerfreundlichkeit mit Gemütlichkeit und Monumentalität auf sehr geschickte Art und Weise.
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Alt 15.01.08, 13:07   #44
AeG
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damar,

das "Phänomen", dass das Entstucken vor allem in Deutschland in Mode war und weniger bei den europäischen Nachbarn, hat auch ganz andere, viel banale Ursachen, als es einigen hier scheinen mag.

Während in Frankreich auf Grund anderer regionaler Bautraditionen und Materialvorkommen der Fassadenschmuck häufig aus Naturstein ausgeführt wurde und während typische italienische oder auch spanische Bauten eher durch traditionelle Farbgebung und sparsame Ornamentik wirken, war der Fassadenschmuck im Deutschland der Gründerjahre vorrangig aus Mörtel und später Gips auf Drahtgeflecht gefertigt. Das lag an mangelnden Natursteinvorkommen, den Kosten (mehr Schein als Sein, suche hier bitte auch nach Ausführungen zum Verhältnis von Feuerklassen und Beleihungswert) und der, im Gegenasatz zu andere Ländern, extrem fortgeschrittenen Entkopplung von Konstruktion und Erscheinungsbild in Deutschland!

Der ursprüngliche Stuck, wie er massenhaft aus Katalogen bestellt und wahllos von den Bauherren an die Fassaden ihrer ziemlich einförmigen Steinkästen gepappt wurde, sah nicht selten bereits vor dem ersten Weltkrieg, also 20 bis 30 Jahre nach seiner Herstellung, extrem runtergekommen aus. Es gibt genügend Fotografien aus der Zeit vor und zwischen den Weltkriegen, die verfallene Fassaden zeigen, wie man sie später nur als Resultat von 40 Jahren DDR oder ähnlichem wahrzunehmen glaubte.

Und genau auf die Beiseitigung dieser Schandflecke und Gefahren für Passanten zielte jene Entstuckungswelle ab, die bereits in den zwanziger Jahren einsetzte und im Dritten reich schon einmal einen Höhepunkt erreichte (einem Regime, dem man nicht unbedingt große Nähe zur nüchternen Moderne zuschreiben kann!). Die Prämierung, wie sie in den sechziger Jahren in Westberlin ausgeübt wurde, hatte eben vor allem den Grund, die Gefahren zu beseitigen. Wie naiv muss man den eigentlich sein, will man behaupten, das Kriegsschäden-geplagte Berlin hätte in den Nachkriegsjahren keine anderen Sorgen besessen, als das wenige Geld mit vollen Händen für die Durchsetzung irgendwelcher destruktiven architektonischen Fantasien Einzelner auszugeben?

Dieses Verfahren erklärt im Übrigen auch, weshalb die Berliner Fassaden mit hochwertigem Fassadenschmuck aus Naturstein, Stahl etc. noch allesamt weitestgehend erhalten sind (sofern sie nicht vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurden oder experimentierfreudigen Eigentümern zum Opfer fielen). Für deren Entfernung wäre nämlich überhaupt nichts ausgezahlt worden!

Heute besitzt man genügend technologische Möglichkeiten und finazielle Mittel, auch alten und billig verarbeiteten Fassadenschmuck recht dauerhaft zu konservieren. Da stellt sich Vieles natürlich auf den ersten Blick anders dar. Die alten Gipselemente wurden vorrangig durch den Farbüberzug zusammengehalten (der nach ein paar Jahren oft schon hinfällig war). Es stellt allerdings eine unzulässige Verkürzung der Tatsachen dar, wenn man annimmt, der für weite teile Deutschlands typische Gründerzeit-Stuck sei per se hochwertig und dauerhaft erhaltbar gewesen und seine Entfernung sei deshalb ohne Not vorangetrieben worden, um die Gelüste einiger weniger Utopisten zu befriedigen! Die Dinge sind eben manchmal nicht so, wie sie erscheinen!


In eigener Sache: die Leugnung dieser Zusammenhänge sind neben anderen der Grund dafür, weshalb ich mir herausnehme, hin und wider den Stumpfsinn, der in diesem Forum sein Unwesen treibt, anzuprangern. Das ist es nämlich, was ich meine wenn ich sage, man solle sich doch bitte zunächst mal umfassend informieren, bevor man seine eigenen oberflächlichen Beobachtungen und daraus folgenden unhaltbaren Schlussfolgerungen in die Welt posaunt! Ich weiß natürlich, dass das - wie gehabt - an einigen extremen Schlaumeiern abprallen wird und dass diese lieber weiterhin ihr taubes Weltbild von der bösen, degenerierten und einer Weltverschwörung unterliegenden Architektenschaft verbreiten werden. Gleich den Übernatürlichen Phänomenen eben.


digger,

die Bezeichnungen sind ja für die Debatten hier nicht unbedingt notwendig. In der DDR bestand der Wohnungsbau meist aus wenigen Typenserien, die sukzessive immer mehr vereinheitlicht wurden und irgendwann überregional eingesetzt waren. Die Mauerwerksbauten in Längs- und später Querwandkonstruktion waren oft noch auf die Bezirke beschränkt (L1 bis 4, Q1 bis 3 z. B. auf Berlin). Ab der WBS 70 (WohnungsBauSerie 70) wurde dann DDR-übergreifend vereinheitlicht. Zuvor gab es noch eine kürzere Phase, in der Typenserien der verschiedenen Bezirke gebündelt in Berlin eingesetzt wurden. Z. B. findet man Serien aus Neubrandenburg, Schwerin und Rostock (ehem. DDR-Bezirke, heute allesamt MVP) in einem frühen Hellersdorfer Bauabschnitt (urspr. Kausdorf-Nord genannt).

Die Buchstaben geben entweder den Konstruktionstyp an, z. B. L für Längswand, Q für Querwand oder sind anderweitige Abkürzungen, wie z. B. W(H)S für Wohnhausserie oder Y für die Grundrissform. Die Ziffern entsprechen meist den Generationen oder sind die Angabe des Entstehungszeitraumes. Dahinter folgen oft noch Kürzel für z. B. für die Anzahl und Art der Sektionstypen, der Geschosse oder der Beheizungsart.

Wen das interessiert, weil er so etwa Zusammenhänge des DDR-Wohnungsbaus besser versteht will oder einfach nur die Bauten in seinem Umfeld bestimmen mag, der findet genauere Angaben hierzu eher nicht bei Wikipedia, sondern in zeitgenössischer oder seltener auch in aktueller Literatur zum DDR-Baugeschehen. Am übersichtlichsten hierzu bedient man sich der Reihe Architektur der DDR, geordnet nach Bezirken aus dem VEB Verlag Bauwesen Berlin.
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Alt 18.01.08, 12:10   #45
Guderian
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[SARKASMUS] @AeG: Ich habe immer gedacht wir leben im Zeitalter das Kapitalismus. So kann man sich irren, tatsächlich ist die Moderne das Zeitalter des Altruismus. Alles geschieht nur noch aus selbstlosen Motiven heraus. Wohnungszuschnitte, Ornamentlosigkeit, Entstuckung damit sollen eigentlich soziale Problemviertel gerettet, die Wohnungsnot bekämpft und unschuldige Passanten vor Stuckschlag bewahrt werden. Wenn ich an die tausenden Opfer denke, die in den unsanierten und unentstuckten Gründerzeitvierteln der DDR den Tod gefunden haben, dann möchte ich nachträglich jedem Hausbesitzer ein Bundeverdienstkreuz für seine Entstuckungsleistung verleihen. [/SARKASMUS]

Anderes Thema, hat jemand die Tagesthemen vom 17. Januar 22.15 Uhr gesehen? Das letzte Thema war "Sanierung" im Wohnungsbestand in Ostdeutschland. Zu 90% fliessen diese Gelder in den Abriss. Dabei werden nicht nur zuvor mit Fördergeldern sanierte Plattenbauten wieder abgerissen, sondern immer häufiger auch Altbauten, darunter auch solche aus der Gründerzeit, selbst solche, die eigentlich unter Denkmalschutz stehen. Der Grund ist einfach (und ausnahmsweise mal nicht altruistisch), für jeden Quadratmeter, der vom Wohnungsmarkt verschwindet, erhält der Hausbesitzer von Bund und Land eine Prämie von 60 €. In Sachsen soll die Situation besonders schlimm sein. Wahlos werden manche Häuser weggerissen und andere stehen gelassen, je nachdem wer der Besitzer ist. Engagierte Bürger, die wertvolle Altbauten retten und aufkaufen wollen, scheitern an den Preisvorstellungen der Verkäufer. Der Abriss ist einfach ein Bombengeschäft.

Da können wir uns auch irgendwo nicht mehr über die Bombenangriffe der Engländer und Amerikaner beschweren. Hätte die den Wohnungsbestand nicht schon dezimiert, wir würden wahrscheinlich noch höhere Prämien zahlen, um die deutsche Architekturgeschichte auszulöschen. Witzigerweise besteht gerade nach sanierten Altbauten eine große Nachfrage. Immer mehr westdeutsche Rentner verbringen ihren Lebensabend im Osten, wo sie in idyllischen Altstädten 100m² Wohnungen für unter 700 € anmieten können. Mit noch ein bisschen globaler Erwärmung könnte Ostdeutschland für Rentner das Florida Deutschlands werden. Aber dabei könnte man ja niemanden mehr subventionieren.
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