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Alt 23.07.08, 23:50   #16
RobertKWF
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hier noch,

10. Rekos als Objekt für den Investor, als Investition aus wirtschaftlichen Gründen.
11. Rekos für den Eigenbedarf. Bedürfnis des Einzelnen in einem historischen Gebäude zu wohnen. Zum Beispiel zerstörtes Elternhaus oder einfach das ersehnte Wohnumfeld.


zu 5) "Identität" und "Identifikation" was immer sich dahinter alles verbirgt. Auch mit Sicht auf das Selbstverständnis einer Stadt, sowie in Verbindung mit dem jeweiligen kulturellem Wert und den Bedürfnissen der Bürger im jeweils vorkommenden Fall.
Für mich, von allen bisher genannten Punkten, die einzige, wirklich befriedigende Annäherung an eine Reko.
Darüber hinaus haben Rekos aus wirtschaftlichen Gründen, sowie als "Eigenheim" natürlich genauso ihre Berechtigung wie moderne Gebäude.

Rekos nur aus Prinzipiellen Erwägungen heraus oder rein nur als Beleg für einen geschichtlichen oder kulturellen Vorgang lehne ich ab, da zu theoretisch, da sich die Akzeptanz nicht unbedingt ergeben muss.

Rekos sind "eine" Möglichkeit, den Bauherren eine Alternative anzubieten, wenn diesem moderne Bauten, oder die angebotenen neuen Formen, einfach nicht gefallen wollen. Auch sollte der Architekt den Bauherren Häuser mit abgewandelten historischen Stilelementen in geschmackvoller Kombination als Neubau, anbieten.
Es sollten sich Architekten finden, die versuchen, an die abrupt unterbrochene Baukultur vor ca. 1930 mit neueren Elementen, anzuknüpfen, quasi als Architektur-Nische und nicht alles Historische in der Architektur radikal verlassen.
Ohne das jetzt genau und wissenschaftlich zu definieren. Die "Moderne", mit Bauhaus, Ludwig Mies van der Rohe, Peter Behrens, Walter Gropius, Bruno und Max Taut, Le Corbusier, Pierre Jeanneret etc. haben die "schöne" Baukultur getötet.
Und zwar mit nicht immer ganz ehrenhaften Motiven unterlegt. Leider ist dann fast die gesamte Architektenfamilie darauf abgefahren. Überwiegend auch aus wirtschaftlichen Gründen. Sogar der vermögende Bauherr hat sich nicht mehr gewagt an die Historie angeknüpft zu bauen, so er das noch im Einzelfall wollte.

Ein "Recht" der Bürger auf Reko sehe ich da, wo durch die Besonderheit der Location, der Umstände und dem Ausmaß der Zerstörung, andere Interessen zurückgestellt werden müssen.

Gerade Rekos, im Gegensatz zu Restaurierungen/Renovierungen) sollten immer so originalgetreu wie irgend möglich sein, wenn es die jeweilige Nutzung zulässt. Damit optimale Authentizität besteht.

Bei der Bauausführung muss man selbstverständlich das heutige Materialwissen und die heutige Technik einsetzen, damit zum Beispiel das Gebäude nachhaltig bestehen kann, soweit möglich, ohne dabei die Originalität zu verlassen.

Moderne Bauvorschriften sind bei Rekos sowie bei Restaurierungen/Renovierungen von historischen Gebäuden im jeweils geprüften Einzelfall einzuschränken (Treppenneigung/Stufenlänge). Brandschutzmaßnahmen sind kreativ umzuwandeln oder anzupassen. Das sollte technisch kein großes Problem sein.

Geändert von RobertKWF (24.07.08 um 02:34 Uhr)
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Alt 24.07.08, 03:55   #17
AeG
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Vorsicht: Text!

Zitat:
Zitat von RobertKWF Beitrag anzeigen
die abrupt unterbrochene Baukultur vor ca. 1930
Einspruch! Die 'Baukultur' wurde nicht abrupt unterbrochen, auch wenn sich das wunderbar in die Verklärung der "guten alten Zeit" einbinden lässt . Das kann man vielleicht hierzulande so wahrnehmen, da a) während der Gründerjahre drei größere Spekulationsblasen platzten, wovon die Letzte zu einem Einbruch der Neubau-Zahlen ab etwa 1908 führte, da b) das Bauen zwischen 1914 und 1918 aus bekannten Gründen dann fast völlig zum erliegen kam und sich im Anschluss erst wieder mühevoll aufrappeln musste, so dass es aus einen Zeitraum von mehr als 15 Jahren nur sehr wenige Bauzeugnisse gibt und c), da sich die Finanzierungsformen und die zu befriedigenden Zielgruppen kontinuierlich änderten (was sich auch schon während der Gründerjahre abzeichnete) und durch die gänzlich geänderten Verhältnisse in der Weimarer Republik noch forciert wurde.

Die immer kürzer werdenden Zyklen in der Abfolge von Stilen oder in der wechselnden Art der Finanzierung (angefangen bei privaten Bauherren, die einzelne Parzellen bei Bauern erwarben über Terraingesellschaften, die Gebiete weiträumig aufkauften, erschlossen und an immer größere Bauherrengemeinschaften veräußerten bis hin zu Baugenossenschaften und Artverwandtem und den später aktiven städtischen Gesellschaften) sind das Resultat der Schnellebigkeit der Gründerjahre und der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, die Bedürnisse der jeweiligen Klientel zu befriedigen und haben zunächst nicht viel mit einer (Bau)Kultur zu tun.

Das Jahr 1930 ist hier auch sehr willkürlich gewählt. Da war bereits die erste Hochphase der Bautätigkeit während der Weimarer Republik überschritten. Der Wohnungsbau, der zu dieser Zeit deutlichen Vorrang vor allem anderen hatte, wurde beinahe ausschließlich von Genossenschaften oder städtischen Gesellschaften betrieben. Ziel war es, die Menschen mit angemessenem und bezahlbarem Wohnraum zu versorgen und die Möglichkeiten der 'neuen Zeit' mit einzubeziehen, die zunehmende Industrialisierung im Bauwesen und die geänderten Mobilitätsbedürfnisse betreffend. Dass sich das Entwerfen zu der Zeit weg von der 'schönen' Fassade und hin zu neuen bedarfsgerechten Grundrissen und Ausstattungen verlagerte, sollte man nicht oberflächlich als kulturellen Verfall bezeichnen. Im Übrigen entwickelte sich nach 1933 in einer berühmt-berüchtigten Zeit nochmal eine ganz andere Bautradition, in der im Geschosswohnungsbau verstärkt auf nationale Traditionen gesetzt wurde ( Sattel- und Walmdach kam zu neuen Ehren, großflächige Verglasungen wurden wieder durch 'Schießscharten-Löcher' mit Kämpfer und Pfosten ersetzt) auf dem Lande etablierte sich der national besonnene sog. "Heimatschutz-Stil" und gesellschaftliche Bauten kamen im seinerzeit international sehr populären neoklassizistischen Erscheinungsbild daher. Eine starre Demarkationslinie zwischen Gut und Schlecht gibt es also nicht. (viele Zeitgenossen datieren übrigens mittlerweile die Bauten der 20er und die der NS-Zeit in falscher Abfolge)

Die Erfahrungen mit den Gründerjahren - die Stuckfassaden waren zu der Zeit noch nicht historisch, sie galten mehrheitlich als Symbole für das extrem profitorientierte, in vielen Fällen menschenverachtende Bauen und waren ohne künstlerischen Wert (ähnlich wie heute der "Gelsenkirchener Barock" in den Wohnstuben mancher fortgeschrittenen Semester) - führten dann zu immer neuen Formensprachen, die sich auch optisch bewußt gegenüber den noch jungen Fehlentwicklungen abgrenzen wollten. Dass das im Folgenden noch zu ganz neuen Fehlentwicklungen führen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Die Abkehr von den bis dahin üblichen Verfahren, mit traditionellen Methoden errichtete, aus der Erfahrung und den Beschränkungen quasi als normiert zu bezeichnende Gebäude mit mehr oder weniger willkürlichem Fassadenschmuck zu behängen und sich statt dessen mit neuen, 'ehrlichen' Versuchen an den Bedürfnissen und Möglichkeiten einer Mehrheit zu orientieren, würde ich nicht als Kulturverlust bezeichnen (wie man auch der jüngst erfolgten Einstufung von sechs Berliner Wohnanlagen dieser Zeit als Weltkulturerbe entnehmen kann). Wenn schon, dann setzt dieser bereits viel früher ein, nämlich zu einer Zeit, als sich Ausdruck und Funktion völlig auseinander gelebt haben: die Zeit der Spekulanten ab den 1870ern, die vor jeden mittelmäßigen Steinhaufen eine imposante, oft kurzlebige Fassade klatschten. Aber ich sehe ein, dass Tradition und Kultur von vielen lieber mit dem schönen Schein in Zusammenhang gebracht werden und diese Einstellung daher nicht viele Freunde findet .

Ich bin offen für jeden Widerlegung einzelner genannter Punkte, hoffe aber trotzdem, dass mein Abriss einigen helfen möge, manchere jüngere Entwicklung und deren Bewertung zu verstehen.
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Alt 25.07.08, 00:30   #18
RobertKWF
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AeG #17: danke von meiner Seite für die schöne Beschreibung der Jahre ab ca. 1900 bis ca. 1930 (wirklich ehrlich gemeint).

Doch fällt mir immer wieder auf, dass in Frankfurt, viele schöne, noch stehen gebliebene Gebäude und mit Fassadengestaltung, gerade um 1900 bis in 1928 etwa datiert sind. Das mag eine subjektive Sicht sein.

Der Umbruch auf die "Moderne" zu, mag sich auch differenzierter abgespielt haben. Doch zurückblickend leider mit dem von mir genannten Effekt bzw. diesen Folgen.
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Alt 25.07.08, 03:05   #19
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Natürlich hatte dieser - an sich gut gemeinte - Umbruch auch seine negativen Folgen. Ich finde in der Summe auch gerade die Bauten mit den etwas reduzierteren Fassaden aus der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende attraktiver als vieles, was in den letzten 50 Jahren gebaut wurde. Ich denke, die Hauptgründe für die weiteren Fehlentwicklungen liegen unter anderem in der kompromisslosen Anwendung des industrialisierten Bauens (bei der die Ignoranz mancher heutigen Bauherren der, der übelsten gründerzeitlichen Spekulaten in nichts nachsteht), weiterhin in der Fülle der immer neuen Paradigmen, deren Ergebnisse letztlich doch nur wie in einem Setzkasten nebeneinander stehen, die uns das 'Zeitalter der Meinungsfreiheit und der Profilsucht' beschert haben und eben in der völligen Abkehr von nationalen bzw. regionalen Traditionen, was letztlich zum Verlust der Identität führt. Dabei wird bei zunehmender Mobilität die Identifikation immer wichtiger.

Noch ein Aspekt, der aus meiner Sicht zu einer auffälligen Verschlechterung der gebauten Umwelt beiträgt: früher waren Bauherr und Nutzer oft identisch oder es wurde zumindest für einen überschaubaren Personenkreis an einem konkret bekannten Ort gebaut. Heute werden Gebäude häufig von anonymen Investorengemeinschaften errichtet, die die Gegenden nicht kennen und die Nutzer gleich gar nicht. Selbstgefällige Bürokraten in Berlin, Bonn oder Brüssel erlassen Verordnungen, die massiven Einfluss auf die immer austauschbarere Gestalt der Städte und ihrer Bauten besitzen und machtbesessene Politiker betreiben sowohl untereinander, als auch mit Architekten und Bauherren gerne Spielchen, bei denen es um alles Mögliche geht, nur nicht um angemessene Architektur. Kein Wunder, dass sich unter diesem Voraussetzungen der Genius loci längst verabschiedet hat.



Noch ein Nachtrag zu meinem letzten Beitrag: an der massiven Änderung der Finanzierungsformen und Eigentümerverhältnisse von Wohnbauten nach 1918 war zusätzlich noch der notgedrungene Entfall günstiger Baudarlehen beteiligt, wie sie ab 1871 aus den Reparationsleistungen Frankreichs für das Aufkommen der Gründerzeit wesentlich verantwortlich waren.
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Alt 25.07.08, 09:22   #20
mik
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Ist eigentlich schon aufgefallen, dass es in erster Linie um Wohnbauten geht?

Zwar gibt es die Forderung nach der Rekonstruktion von Baudenkmälern wie Kirchen, Schlössern und Kulturhäusern auf der einen Seite. - Bei der aktuellen Debatte, die sich aber zu einer Grundsatzdebatte über Fassadengestaltung und Stadtraum entwickelt steht im Mittelpunkt pauschaler Rekonstruktionsforderungen fast immer das Wohnen, so wie in erster Linie Wohngebäude der Moderne in der Kritik stehen.

Daraus schlussfolgere ich:

1. Die Moderne steht in erster Linie bei Wohnbauten in der Kritik.
2. Die Hauptkritik betrifft außerdem den Städtebau und die Fassaden. Sowohl Grundrisse als auch Haustechnik moderner Häuser scheinen akzeptiert. (Also nicht grad billigst 50er sondern Aufzüge, Maisionette-Typen, Lofts, oder auch modern innensanierte Altbauten)

Bei der Kritik am Städtebau stehen aber eigentlich schon lange nicht mehr verfolgte Konzepte aus der Charta von Athen in der Kritik.
Der aktuell aktive Städtebau mit kleineren Fußgängerzonen, shared Space zwischen Auto und Fußgänger, U-Bahnen als ÖPNV, Rückkehr zum Nutzungsmix in der Stadt und baulichen Raumkanten ist ja eigentlich eine weitgehende Fortsetzung alter Traditionen. Letzten Endes sollen großflächige Rekonstruktionen ja meistens sogar in einem solchen städtebaulichen Konzept entstehen.
Dadurch bleibt als einziger anhaltender Kritikpunkt der "Moderne" und damit pauschaler Grund für Rekonstruktionen das Missfallen der Fassaden.

Offensichtlich wünschen sich viele Menschen also die "geschmückte Stadt". Fraglich weshalb man überhaupt so radikal davon abgekehrt ist, Stuck kostet ja nicht die Welt. Und der "neue Mensch", der sich nach so viel Niveau in der Gestaltung sehnt ist einfach eine Illusion. Aber vielleicht wird man irgendwann dazu wieder zurückkommen. Nur - wozu dann noch Rekos außerhalb von richtig wertvollen Baudenkmälern.
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Alt 25.07.08, 11:07   #21
AeG
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Ich würde den vorrangigen Bezug auf Wohnhäuser nicht überbewerten. Sie machen nunmal den deutlich überwiegenden Teil aller historischen Bauten aus. Die Spezialisierung zu Funktions-dedizierten Bauten setzte ja in großem Umfang erst im letzten Jahrhundert ein. Bei älteren Sakral- und Profanbauten waren Erhaltungsdruck bzw. Rekonstruktionswille meist auch höher ausgeprägt, so dass hier heute weit weniger Verluste zu beklagen sind. Dort, wo der Wunsch nach Wiedererrichtung von Kirchen, Schlössern, alten Schul- oder Verwaltungsbauten etc. gegeben ist, wird der Kampf ja umso vehementer ausgetragen. Schließlich sind diese Gattungen wesentlich identitätsstiftender, da sie oft einen sehr konkreten Bezug zum Ort und zur Geschichte aufweisen und da sie - im Gegensatz zu vielen Wohnhäusern - oft wahre Meisterwerke von 'richtigen' Baumeistern waren. Ausserdem verlagere ich persönlich diese Art Debatte gerne in Richtung Wohnhaus, da man dort recht allgemein gültig über historische Zusammenhänge informieren kann .

Ich gebe Dir recht, dass die Kritik am Neubau sich heute vorrangig auf die Einzelarchitektur bezieht, bez. beziehen sollte. Aber auch wenn die CvA-Leitsätze heute in Europa kaum noch angewendet werden, so sind doch die damaligen Ergebnisse überall vorhanden. Und die Kritik an der Moderne/ der Rekonstruktionswunsch beziehen sich ja nicht nur auf aktuelle Projekte, sondern gerade auch auf den Ersatz der Ergebnisse der frühmodernen Ära. Selbst in urbanen Stadtzentren findet man noch vielfältige Relikte der aufgelockerten Stadt: rückversetzte Bauten, die die spätere autogerechte Stadt vorwegnehmen sollten, Höhendominanten, die im historischen Blockrand keine wirkliche Funktion besitzen oder unglückliche Eckausbildungen mit Zeilenbauten, die meist als Resultat der Unvereinbarkeit von Typisierung, Industrialisierung und historischem Straßenraster gelten können (wobei sich auch die Gründerzeitler schon mit Eckgrundstücken schwer taten; die waren wegen der notwendigen individuelleren Planung und der schlechteren Grundstücksausnutzung anfangs rel. schlecht zu vermarkten)
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Alt 25.07.08, 15:13   #22
RobertKWF
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Auch wenn wir gerade ein wenig vom Strang-Thema abweichen sollten, komme dann unten wieder darauf zurück.

ja, AeG und mik, danke, gut zu lesen. Bis dahin so meine ich, durchdachte und fundierte Analysen. Bin auch überwiegend dabei. Auch wenn man nicht in allen kleinen Details übereinstimmen muss.
Ich selbst setze nun mal lieber bei meinen optischen Wahrnehmungen an (dem Augenschein sozusagen) und nehme wenig Bezug auf Fachliteratur (dies soll keinesfalls eine Kritik an anderen sein).
Bei dem Punkt Wohnbauten oder Geschäftshäuser, speziell auch Hochhäusern, spielt das großräumige Bild eine wesentliche Rolle. Sind die Gebäude niedriger, so sehe ich den schmückenden Aspekt schon in Richtung Wohnhäuser gehend.
Ich denke, dass dies ein ganz entscheidender Faktor bei Neubauten ist.

Am Beispiel der aktuellen Situation am Opernturm möchte ich das beschreiben.

Der Opernturm mit seiner davor gesetzten Blockrandbebauung (Podiumsgebäude), sieht auf den Renderings ziemlich gut aus, zumal wenn rechts noch die Alte Oper zu sehen ist. Die Alte Oper gewinnt auch noch an Attraktivität dadurch. Zumal sie als "Solitär" etwas entfernt steht. Beide Gebäude profitieren durch den Abstand.

Wenn man aber die gesamte Szene jetzt in "Natura" betrachtet, gibt es ein anderes Bild. Auch mit Gerüst schon erkennbar, sieht das Podiumsgebäude und nur dieses meine ich, nicht mehr so gut aus. Das Gebäude könnte in dieser Form auch vor 40 Jahren erbaut worden sein. Uninteressante einförmige Fassade und Gebäudeform. Woran liegt das?

Zum einen, weil man die Ecke an der Bockenheimer Landstraße rund gebaut hat, ist die Formensprache des Podiumsgebäudes im Nierentischzeitalter angekommen. Der Grund war wohl eine gewünschte Harmonie mit dem gegenüber liegenden Gebäude Ecke Taunusanlage.
Zweiter Grund, im Vergleich mit dem Gegenüber, was im Rendering nicht zu sehen war, stellt sich die Fassade extrem schmucklos und langweilig dar, weil die beiden Gebäude ja durch Bauhöhe, Lage und groben Umriss miteinander konkurrieren, sich zum Vergleich stellen.

Diesen Effekt gibt es unter Hochhäusern und gegenüber niedrigen Häusern im Allgemeinen so nicht.
Einmal weil sie häufig weiter auseinander stehen, zum anderen, weil der Betrachter, wenn er davor steht, eh nur das eine Gebäude sieht und nicht mal das ganze Gebäude erfassen kann.

Deshalb ist das Podiumsgebäude leider nur eine "halbe Sache" geworden. Man wollte es freundlicherweise nicht zu modern gestalten (Opernplatz), aber man hat es nicht konsequent genug an die vorhandene Umgebung angepasst (was im Übrigen typisch für Mäckler ist) und weil man es auch gar nicht anders konnte. Das ist das Dilemma.

Hätte man das Podiumsgebäude mit schmückenden Fassaden-Elementen ausgestattet (quasi eine Art Reko), wäre ein Aufschrei durch die Architektenszene gegangen. Das konnte man nicht riskieren, soweit ist man noch nicht.
Bauherren (wenn sie denn den Preis bezahlen wollen) und das Publikum sicher schon eher.

Die gesamte Szenerie dort, mit dem Hochhaus dahinter, wäre einfach toll gewesen. Dann müssten noch unter der Galerie Räume für kleinere Läden vorhanden sein und es wäre perfekt.

So stelle ich mir den Hochhausbau mit Zukunft und Akzeptanz vor Die Hochhäuser von der Straße zurückversetzt, davor niedrige Gebäude in Höhe und Gestaltung an die Umgebung angepasst mit immer noch etwas schöneren Details an den Fassaden als am vorher errichteten Nachbargebäude (in Konkurrenz). Dann auch mit den Wohnhäusern wetteifernd oder gar selbst als Wohnhäuser errichtet. Wenn irgend möglich mit Urbanität im Erdgeschoss.
Das könnte dann auch eine Reko vor dem Hochhaus sein. Gute Beispiele gibt es schon in Frankfurt.

Eigentlich hat Mäckler erkannt, dass man in historischer Umgebung nicht radikal modern bauen sollte und sucht deshalb den Kompromiss. Sicher mit ein Grund für die öffentlichen Aufträge der Stadt. Leider entstehen dadurch oft "halbe Sachen".
Man sieht den Gebäuden dann den Konflikt an, den Mäckler hat. Mit der Alten Stadtbibliothek (Literaturhaus) ist ihm zwar eine überzeugende Rekonstruktion gelungen, dass muss man zugestehen. Doch er kann meist dort, wo es erforderlich ist, nicht den letzten Schritt zur Reko gehen. Podiumsgebäude am Opernturm misslungen, Kunstkiste auf der Maininsel misslungen.

Geändert von RobertKWF (09.08.08 um 01:48 Uhr) Grund: Schreibfehler
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Alt 25.07.08, 16:51   #23
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Schade, ich hatte gehofft, am Ende kriegst Du noch die Kurve zur Rekonstruktion .

Über die reale Wirkungsweise der Opernturm-Fussbebauung kann ich leider nicht mitreden. Aber vielleicht so viel dazu: eine feingliedrig dekorative Fassade verträgt sich in aller Regel schlecht mit großen Bauvolumen. Ich bin ein großer Freund des Woolworth-Buildings - nicht so sehr, weil es wie eine gestreckte gotische Kathedrale wirkt, sondern da dessen vorwiegend keramischer Fassadenschmuck noch bis in 240 Meter Höhe reicht, wo ihn kaum noch jemand mit bloßem Auge wahrnehmen kann. Aber der Bau entspricht dem Selbstverständnis jener Zeit, als sich Magnaten Denkmäler errichten ließen, deren Erscheinung nicht mehr rational zu erklären ist. Heute muß man üblicherwesie um jeden Euro des Budgets kämpfen. Eine anonyme Investorenschar erwartet ein Höchstmaß an Rendite und dekorative Details lassen sich nur schwer verbindlich festlegen - möglicherweise ein Grund, weshalb der Ruf nach Rekonstruktionen so laut ist, da funktioniert das nämlich noch am ehesten. Wenn Geld 'über' ist, wird es zu anderen Dingen genutzt, als ein Gebäude "sinnlos" zu verschönern. Irgendwann ist nämlich der Peak erreicht und eine weiterführende "Verschönerung" amortisiert sich nicht mehr durch adäquate Mehreinnahmen. Das haben wir u. a. der - gegenüber z. B. der Gründerjahre völlig veränderten - Kostenstruktur am Bau zuzuschreiben.

Übrigens dort, wo tatsächlich noch private Einzelkämpfer 'nach alter Väter Sitte' agieren, sind die Resultate oft von deutlich höher Qualität, siehe etwa das Beispiel Otto Beisheim (Gründer des Metro-Konzerns) am Potsdamer Platz in Berlin. Dessen 'Ritz Carlton' -Hotelbau hebt sich wohltuend vom, in der Kubatur sehr ähnlichen und sicher auch nicht schlechten, Kollhoffschen P5 ab (gilt auch für andere Häuser dieses Ensembles). Dabei kann man Hans Kollhoff nun wirklich nicht nachsagen, er würde besonderen Wert auf die Meinung hartnäckiger Verfechter der Moderne legen. Zeitgleich entwarf der Kollege auch neoklassizistisch inspirierte Villen. Ich denke, dieses Beispiel zeigt sehr gut, dass unsere gebaute Umwelt weit weniger von ideologischen Fragen bestimmt wird (ich weiß, dass das häufig ein komfortabler Erklärungsversuch ist ), als von ganz banalen Dingen, zu denen eben u. a. das effizientes Bauen gehört. So weit mir Mäcklers Arbeiten und Positionen bekannt sind glaube ich auch nicht, dass die - aus Deiner Sicht übertriebene - Schlichtheit der Opernplatz-Bebauung eine Frage der gesellschaftlichen oder politischen Reife darstellt. Es gibt auch genügend Projekte verschiedenster Größenordnungen, bei denen sich ausdrücklich zum traditionell Dekorativen bekannt wird, wo etwa die Kollegen Kollhoff oder Nöfer oder die Familie Patzschke zum Zuge kommen (oder kommen könnten). An weit hörbare Aufschreie kann ich mich dabei nicht erinnern - schon gar nicht an solche, die irgend einen Einfluss gehabt hätten. Vielleicht sollte man einfach nicht immer mutmaßen, dass dort, wo keine historisierenden oder zumindest feingliedrigen Formen Verwendungen finden, stets die "Modernisten-Mafia" ihre Hände im Spiel hat .
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Alt 02.08.08, 01:59   #24
RobertKWF
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@AeG: Bei den neueren Bildern im Strang "Opernturm" kann man jetzt teilweise das von mir benannte Gebäude links gegenüber dem Podiumsgebäude sehen. War früher immer von Bäumen verdeckt.

Meinst du bei der "Verträglichkeit" den HH Opernturm, oder auch das Podiumsgebäude davor? Die Größe dieses Gebäudes ist ja gerade ähnlich dem Gegenüber mit seiner reich gegliederten Fassade. Und was die Verträglichkeit eines klar gegliederten HH mit anderen Gebäuden betrifft, so hat man in Frankfurt schöne Beispiele, wo gerade dieses Zusammentreffen Hochhäuser/historisches Solitär sehr gut wirkt. Neben den Türmen der Deutsche Bank gibt es ein historisches Gebäude und am PalaisQuartier baut man gerade so etwas in "Neu". Kann man auch aus Berlin hier in verschiedenen Strängen gut sehen.

Bei der Frage des Geldes ist es sicher in vielen Fällen so wie Du es darstellst. Auf der anderen Seite ist z. B. der genannte Opernturm mit seinem Anbau ein recht aufwendiger und teuerer Prestigebau. Hier "nur" am Podiumsbau eine Reko-Fassade anzubringen wäre sicherlich in der Gesamtbilanz nicht entscheidend gewesen.

Bei Mäckler oder anderen, mutmaße ich nicht über gesellschaftliche oder politische Reife, noch mutmaße ich über eine "Modernisten-Mafia". Habe so etwas mit keinem Satz gesagt oder gemeint. Ich rede nur über das was ich sehe und wie ich das gesehene beurteile. Bei Mäkler zieht sich die von mir genannte Problematik durch einige seiner Projekte die ich kenne hindurch.
Ich finde ja, dass Mäckler prinzipiell im Frankfurter Raum ein Gewinn ist, er ist hier so ziemlich der Einzige, der mit seinen Projekten die jeweils vorhandene Umgebung berücksichtigt und eine Anpassung sucht. Aber er geht meist nur den halben Weg zum Ziel, schade (Dies sage ich, weil seine Gebäude auf mich so wirken).

Noch ein Beispiel: Gerade hat der scheidende Erste Stadtrat und Leiter des Baudezernats von Kronberg sein ehemaliges Lieblingsprojekt am Berliner Platz in Kronberg noch mal verteidigt mit dem Hinweis, der Entwurf von Prof. Mäckler sei eine unheimlich gute Lösung gewesen, wenn er sich an die Alternativlösungen erinnere. Damit liegt er auch vordergründig richtig. Aber, dieser ziemlich umfangreiche Gebäudekomplex mit Säulenarkaden, Marktplatz und verschachtelten Läden sowie mit kleinem Park, wird von den meisten Kronbergern abgelehnt, obwohl die Gestaltung historische Zitate aufweist und auch farblich recht gelungen ist. Heute treiben sich da überwiegend randalierende Jugendliche herum und eine dauerhafte Streife vom Ordnungsamt dreht ihre Runden.
Das Ensemble wirkt künstlich, halbherzig, glatt. In den Proportionen und kleinteiligen Elementen sehr bemüht und das praktisch mitten in der Altstadt. Eine richtige Reko/Retro oder halt dann richtig modern wäre da noch besser gewesen.

Tut mir leid, was die Kurve zur Rekonstruktion betrifft, wenn ich das nicht verständlich rübergebracht habe. Mein gesamter Beitrag sollte eigentlich für eine Reko sprechen, aber immer nur da, wo es wegen der Umgebung oder auch dem einzelnen Gebäude wichtig ist, mal nur so in zwei Sätzen gesagt.

Geändert von RobertKWF (09.08.08 um 01:49 Uhr) Grund: Schreibfehler
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Alt 15.08.08, 01:26   #25
RobertKWF
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Noch ein Beitrag:

wenn man über die Frage nachdenkt, warum niemand das im "Krieg" zerstörte World Trade Center in New York so wie es einmal war rekonstruieren will, aber vielfach die Forderung nach Rekonstruktion von im Weltkrieg II zerstörter Gebäude erhoben wird, kommt man auch zu Antworten über den Wert von Architektur und warum eine Rekonstruktion Sinn macht.

PS: Dennoch hätte ich befürwortet, dass das WTC, so wie es war wieder aufgebaut wird, nur noch etwas höher und eventuell mit einem Flugabwehrgeschütz auf dem Dach.
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Alt 15.08.08, 08:29   #26
Wahnfried
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Das liegt vermutlich daran dass das WTC im Prinzip nur die üblichen Glas- und Stahlkästen waren. Wäre das Empire State Building oder das Chrysler Building zerstört worden, da bin ich mir sicher hätte man die sofort wieder aufgebaut.
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Alt 15.08.08, 10:09   #27
Bewacher
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Bewacher hat die ersten Äste schon erklommen...
Zitat:
Zitat von RobertKWF Beitrag anzeigen
warum niemand das im "Krieg" zerstörte World Trade Center in New York so wie es einmal war rekonstruieren will
Doch, man hat unter den Alternativen auch die genaue Rekonstruktion erwogen - und sich nach langen Diskussionen für eine andere Lösung entschieden, die vom Stil her den zerstörten Türmen entspricht ( (Neo)-Moderne ).

Zum großen Teil sehen sich so viele Menschen deswegen nach Rekonstruktionen, weil sie menschlich ansprechend wirken - was die gegenwärtige "Architektur" meist einfach nicht bietet. Kein Wunder, wenn viele "Architekten" vorwiegend nur daran denken, die Menschen mit denkbar billigsten Mitteln zu provozieren - statt an harmonische Ensembles, positive visuelle Erlebnisse usw. Mich wundert nur, dass die Investoren den Unfug immer noch dulden - sehr oft zumindest.
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Alt 15.08.08, 16:54   #28
pflo777
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pflo777 ist einfach richtig nettpflo777 ist einfach richtig nettpflo777 ist einfach richtig nettpflo777 ist einfach richtig nettpflo777 ist einfach richtig nett
^^^^blanke polemik
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Alt 15.08.08, 22:03   #29
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Bewacher, wenn du ein wenig von den bisher hier geschriebenen Beiträgen gelesen hättest wäre dir vielleicht klar geworden, dass die Kausalkette Investor-Architekt andersrum geknüpft ist. Du sagst ja selbst, es gibt keinen vernünftigen Grund, warum sich die Bauherren das angebliche 'Provozieren' gefallen lassen sollten (zumindest, so lange es private Geldgeber sind). Also nenne mir einen vernünftigen Grund dafür, dass Architekten die Welt manipulieren! Könnte es sein, dass diese Mutmaßung nur ein Hirngespenst ist, die dein Kartenhaus aus abenteuerlichen Thesen zusammenhält? Das Einzige, was hier provoziert, ist deine strunzdoofe Signatur*!

Zum WTC: nach meiner Kenntnis war der Rückhalt bez. eines originalgetreuen Wiederaufbaus in der 'Bevölkerung' am größten. Das ist auch nur logisch und erklärt nebenbei wunderbar das Prinzip Ornament: die 'Masse' (mit all ihren Professionen, bei denen es aber nie um Architektur und Städtebau geht) wünscht sich in den Randbereichen ihres Lebens üblicherweise Beständigkeit, u. a., da diese zu Orientierung verhilft, Identität stiftet und die Aufmerksamkeit nicht übermäßig beansprucht. Deshalb ist es im Grunde völlig egal, wie das Bestehende aussieht, es wird im Zweifelsfall stets das Rennen machen. Die gleiche imaginäre dumme Masse, die sich 1972 so vehement gegen die Entstehung des damals neuen WTC engagiert hat, protestiert heute für dessen Wiederaufbau. So ist das überall: Bei der Abstimmung zum Flughafen Tempelhof war gerade unter den direkten Anwohnern eine deutliche Mehrheit für dessen Erhalt und beim Palast der Republik gab es, auf den Osten bezogen, auch eine deutliche Pro-Haltung.

Dass hierzulande das Ornament an der klassischen Fassade populär ist, liegt nicht unbedingt an dessen unterstellter Kunstfertigkeit oder angeblichen "Schönheit" (mehrheitlich finden wir aufwändig tätowierte Körper, Männer in geklöppelten Leibchen oder handgemalte Blümchentapeten nicht so prall, obwohl das mindestens ebenso kunstfertig ist), sondern darin, dass es als Relikt der Vergangenheit (von heute aus betrachtet, morgen kann das schon wieder ganz anders sein!) diese Beständigkeit transportiert. Als es seinerzeit neu war - jedenfalls in der maßlosen Übertreibung der Gründerjahre - war sein Wert ebenso wenig gegeben wie der beliebiger heutiger Fassaden. Genau diese geringe Wertschätzung führte übrigens zu den frühesten Entstuckungswellen und zur Initiierung neuer, weniger schmuckreicher Baustile - und nicht irgendwelche Verbrechen!

Man kann den sich stetig verändernden, dialektischen Zusammenhang zwischen Altem und Neuem sowie dessen jeweilige Wertschätzung nicht mit einer willkürlichen Zäsur aushebeln, etwa, indem man versucht, das Gefüge von einem beliebigen Zeitpunkt festzusschreiben!



* Ich wette, du hast nicht einen Satz der Schrift gelesen, aus der das entstellte Original kommt, sonst müsste dir die verballhornende Negierung in deinem Kontext nämlich sehr peinlich sein. Geht es doch bei Loos um alles Mögliche, nur nicht um 'Provokation'.
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Alt 16.08.08, 01:02   #30
mik
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mik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblick
Versuchst Du hier ernsthaft noch Niveau reinzubringen, AeG?
Ich glaube kaum, dass man in der Investoren-Architekten-Volk Beziehung einen Schuldigen für den Unmut eines großen Teils der Bevölkerung ausmachen kann. Es ist zwar meistens so, dass die Investoren, gelenkt durch die Manager, die von Aktionären bestimmt werden, versuchen nach einem wirtschaftlichen Optimum zu bauen. Gerade im Wohnungsbau, wo der Eigentümer mehr auf die qm als auf die Fassade achtet wird's da auch schon extrem billigst.
Andererseits gibt es in der modernen Architektur ja auch jede Menge Prestige-Bauten, die wahrscheinlich schlechter bei der Ornament-Fan-Gruppe ankommen, als irgendwelcher postmoderne Kitsch. Da stecken dann doch mehr Interessen, als nur Geld dahinter.
So z.B. das Selbstverständnis der Gruppe der "Intellektuellen", die weitaus umfassender ist als die Architekturprofessoren allein und die von den Feuilletons der großen Zeitungen vertreten und bestimmt wird.
Dann sind es natürlich auch teilweise Architekten selbst, die in ihrer Ausbildung in einer Weise erzogen werden, die wenig Rücksicht auf allgemeine Zugänglichkeit ihrer Kunst nehmen und sich zugegebener Weise auch ein klein wenig in ihrem elitären Selbstverständnis ergehen. Jedoch erfolgt dieser Prozess keinesfalls bewusst oder gelenkt, sondern ist (durchaus intellektuell begründeter) Mainstream einer berufsständigen Subkultur.
Dann ist es auch die Bevölkerung, die auf die Moderne steht. Es ist nicht so, dass jeder Schnörkel haben will. Ganz im Gegenteil können Neon-Lichter, moderne Grundrisse und sogar großmaßstäbliche Fassaden gefallen.
Zu letzt ist auch zu beachten, dass durch die Sozialisation mit moderner Architektur als "Arbeitsplatz-/Industriearchitektur" und dem vormodernen Bauen im Gegensatz ausschließlich als Vergnügungs- oder Wohnarchitektur eine entsprechende Voreinstellung vorhanden ist.

Ein Pauschalbeschuss einer vermeintlich einheitlichen Berufsgruppe ist in jedem Falle vollkommen verfehlt. Die kulturelle Marschrichtung (die ich jetzt auch nicht unbedingt für falsch halte) der westlichen Architektur wird aus meiner Sicht von einer weitaus größeren Szene bestimmt, als nur einem Berufsstand und der finanzielle Part der Machtausübung liegt gleichermaßen im Geschmack des Volkes als auch der Investoren.

Was das WTC betrifft: Ich finde es ein sehr gutes Beispiel für die Reko-Debatte. hier hätte ich mir ehrlich gesagt auch die Rekonstruktion gewünscht.
Ich habe mir diesen persönlichen Wunsch zunächst mit der Schockiertheit über die Anschläge erklärt. Mittlerweile denke ich jedoch, dass das alte WTC einfach nur sehr gut war. Einer der besten Vierkantbolzen aller Zeiten. Die Simpelheit, Monumentalität, die Tatsache, dass man von weitem keine Fenster in der Fassade erkennen konnte und die Türme so noch monumentaler - wie 400m Betonstelen wirkten, das war schon genial.
Dagegen können der Freedomtower und Co nicht anstinken. Trotzdem haben die Nachfolgebauten ja eigentlich die komplexere, reflektiertere politische Aussage. Insofern bin ich hier etwas hin und hergerissen.
Bei Gebäuden die jedoch wesentlich älter sind gibt es ja eigentlich keine zwangsläufige politische Aussage in der Reko. Zumindest kann ich die Kriegswundendebatte im allgemeinen nicht ganz nachvollziehen, genausowenig wie eine reininterpretierte Kampfansage an die Moderne.
Der Krieg braucht unbedingt seine Denkmäler, dem stimme ich zu. Aber deswegen überall Stunde 0? Auch wenn man ein kulturell oder baugeschichtlich wertvolles Gebäude per Rekonstruktion anschaulich machen könnte?
Letztendlich sind viele Einstellungen zu Rekos reine Interpretationssache zum Stand des Jahres 2008 in der deutschen Gesellschaft. Diese zeitlich fließende Beurteilung der Architektur ist eine unumstößliche Wahrheit, die das Thema einerseits interessant macht, allerdings jegliche absolute Aussage ein wenig ins lächerliche zieht.
Deshalb, wenn es um Rekonstruktionen "sehr guter" Gebäude geht oder um geschichtliche Zitate (allerdings nicht dominierend) in eine moderne Umgebung zu bringen, dann bin ich auf jeden Fall nicht auf Tod und Teufel dagegen.
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