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Alt 25.05.07, 14:51   #1
Altbaufreund
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Ländliche Überreste in Stadtgebieten - Spurensuche

Eines vorweg: ich beziehe mich auf das historisch gewachsene Stadtgebiet von Nürnberg und Fürth.

Eingemeindete Ortschaften wie im Knoblauchsland rechne ich nicht dazu. Die gehören lediglich politisch zu den beiden Städten, bilden ansonsten aber eigene Siedlungen mit dörflichen Strukturen. Sie sind, trotz Eingemeindung, bis zum heutigen Tag "echte" Dörfer geblieben.

M.E. wäre hier die Bezeichnung "Gemeindeteil" angebrachter als Stadt- bzw. Orstteil, da die beiden letzteren ja einen Teil bzw. ein Viertel innerhalb einer Stadt oder Ortschaft bezeichnen. Im Grunde ist ja auch eine Stadt eine Gemeinde.

Was mehr von Interesse ist sind die Überreste "ehemaliger" Dörfer im gewachsenen Stadtgebiet. Also Dörfer, die auch eingemeindet wurden, aber im Gegensatz zum Knoblauchsland baulich von den Städten "geschluckt" wurden, und daraufhin auch die dörflichen allmählich städtischen Strukturen gewichen sind. Damit verschwand auch die dörfliche Bebauung zugunsten großstädtischer Neubauten. In manchen Fällen blieben aber Reste der alten Bebauung erhalten. Und eine Vergangenheit als Dorf haben nicht gerade wenige Nürnberger Stadtteile.

Wie Thon. Dort findet man im Bereich der Äußeren Bucher Straße noch ländliche Überreste, umgeben von einem eher jungen Stadtteil. Dort sollen wohl sogar bis weit ins 20. Jahrhundert hinein drei der früher für die Gegend typischen "Schwedenhäuser" überlebt haben, die dann jedoch dem Krieg bzw. nach dem Krieg den Abrißbaggern zum Opfer gefallen sind.

Ländliche Überreste findet man außerdem noch im Bereich Wandererstraße, also hinter dem Quelle-Gelände, wo nördlich der Bahngleise noch alte Bauernhäuser an die Zeit erinnern, als Nürnberg und Fürth baulich noch keine Einheit bildeten.

Dann gibt es auch noch Fälle wie z.B. Wetzendorf: an einigen Stellen mit der Stadt bereits verwachsen, aber die Strukturen bzw. Bebauung eines Dorfes ist noch deutlich erkennbar. Wenn man sich nicht auf Nürnberg und Fürth beschränkt, findet man bei Erlangen mit dem alten Bruck sogar einen ziemlich krassen Fall: der alte Ortskern liegt fast idyllisch entlang der Regnitz und ist sehr gut erhalten, im Norden und Osten ist der Ort jedoch baulich völlig mit Erlangen verwachsen, u.a. mit einer Plattenbausiedlung.
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Alt 26.05.07, 01:54   #2
Norimbergus
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Dr. Hermann Rusam hat einige Artikel zu dem Thema in den Mitteilungen der Altnürnberger Landschaft veröffentlicht, beispielsweise
  • "Erlenstegen – Ein altes nürnbergisches Dorf im Sog großstädtischer Entwicklung" (Heft 1/1986)
  • "Die bauliche Entwicklung des alten Ortskerns von Mögeldorf" (Heft 1/1990)
  • "Thon - Ein altes nürnbergisches Dorf im Würgegriff der wachsenden Stadt" (Heft 1/1998)
Viel dörfliche Substanz findet man z. B. auch noch in Großreuth h. d. V.

Es fällt aber auf, daß alle genannten Beispiele außerhalb des Rings liegen, was aber auch nicht sehr verwunderlich ist. In den innenstadtnahen Bereichen sind die alten Dorfkerne derart stark überformt, daß sie nur noch schwer zu erkennen sind. Alte Bauernhäuser oder gar Scheunen finden sich dort kaum noch oder vielleicht sogar überhaupt nicht mehr - ich kenne jedenfalls keine entsprechenden Beispiele, wobei ich aber zugeben muß, daß ich nicht alle Straßen beispielsweise der Südstadt durchstreift habe, um nach Überresten des alten Steinbühl, Galgenhof oder Hummelstein zu suchen.

Von Dr. Rusam gibt es zu dem Thema auch ein Buch, das ich aber (im Gegensatz zu obigen Artikeln) nicht gelesen habe: Untersuchung der alten Dorfkerne im städtisch überbauten Bereich Nürnbergs. (= Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte, Band 27), Nürnberg 1979.
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Alt 26.05.07, 12:32   #3
Wagahai
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Interessantes Thema, aber eine Definition/Beschreibung von ländlich/dörflich in Abgrenzung zu städtisch/großstädtisch, wenn möglich mit Bildbeispielen (Urheberrecht beachten) wäre wünschenswert
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Alt 27.05.07, 14:29   #4
Altbaufreund
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In Sachen Definitionen bin ich leider nicht besonders gut. Aber ich möchte mal wenigstens den Versuch starten.

Ich denke beim Begriff "Stadt" muß man prinzipiell untescheiden zwischen

1. der Stadt als Siedlung und

2. der Stadt als politische / Verwaltungseinheit.

Gerade durch die Gebietsreform sind beide nicht mehr unbedingt deckungsgleich, was im Falle von Nürnberg ja sehr gut zu sehen ist, wo mit dem Knoblauchsland ein intensiv landwirtschaftlich genutztes Gebiet zum politischen / verwaltungstechnischen Gebiet einer Großstadt gehört.

Hintergrund dieser Reform war die Tatsache, daß viele Kreise und Gemeinden einfach zu klein waren um als eigenständige Verwaltungseineheiten zu existieren und die Schaffung größerer Einheiten eine schlankere und effizientere Verwaltung mit sich bringen würde. Diese Art der Eingemeindungen änderten aber meist nichts an der grundlegenden Struktur der betroffenen Orte nichts oder kaum etwas, auch wenn viele dieser Orte natürlich seitdem gewachsen sind.

Zuvor waren Eingemeindungen oft im Zuge des Wachstums einer Stadt erfolgt, wenn es auch nicht immer (gerade während der Weltwirtwirtschaftskriese der 20er/30er Jahre gab es zahlreiche Eingemeindungen). Häufig waren die zuvor dörflichen Gemeinden zum Zeitpunkt der Eingemeindung bereits mehr oder weniger stark überformt - so hatte Steinbühl vor seiner Eingemeindung ja den Titel "Industriereichstes Dorf Bayerns". In diesen Fällen war die Eingemeindung eigentlich dann ein logischer Schritt.

Nun aber zur Bebaaung bzw. dem Unterschied "ländlich" und "städtisch". Die ländliche Bebauung der Region ist geprägt von Häusern mit 1 -2 Obergeschossen + Dachgeschoß. Die Häuser stehen oft mit der Giebeseite zur Straße, um die breite Hofeinfahrt sind dann die übrigen landwirtschaftlichen Gebäude angeordnet. Weit verbreitet sind bei älteren Gebäuden Sandstein- und Fachwerkbauweise, neuere sind oft schlichte Zweckbauten, die sich aber von den Außmaßen und der Ausrichtung her in die bestehende Struktur einügen. Insgesamt ist die Bebauung stark auf die landwirtschaftliche Nutzung ausgelegt. Wohnen und arbeiten am gleichen Ort ist dabei ein wichtiger Aspekt.

Allerdings werden heute nicht mehr alle dieser Anwesen unbedingt landwirtschaftlich genutzt. Neuere Straßenzüge in Dörfern bestehen in der Regel aus Einfamilienhäusern mit Gärten und Garagen, teilweise in den etwas größeren Orten auch schon Reihen- und Mehrfamilienhäuser. Allerdings ist das keine unbedingt ländliche Bebauung mehr, da sie in gleicher bzw. ähnlicher Form auch im vorstädtischen Bereich wie z.B. Nürnberg-Thon zu finden ist.

Typisch für die Region ist das sog. Straßendorf, d.h. ein großer Teil der Ortschaft erstreckt sich entlang einer Hauptstraße, die meistens auch diesen Namen trägt. Bei eingemeindeten Ortschaften kommt meistens der Ortsname hinzu, z.B. "Bucher Hauptstraße". Gerade dieser Ort ist eigentlich ein sehr schönes Beispiel, da sich, vom Metro-Markt einmal abgesehen, die neuere Bebauung in Grenzen hält.

In älteren Stadtteilen innerhalb des Rings meist dichte, geschlossene Bebabung mit Nehrfamilienhäusern mit meist 4 - 5 Stockwerken, i.d.R. mit Traufseite zur Straße hin. Die Erdgeschosse werden oft gewerblich genutzt, meistens als Ladenräume. Solche Nutzung ist allerdings meist nur entlang der Haupstraßen anzustreffen, während in den Seitenstraßen auch diese Geschosse meist als Wohnraum genutzt werden.

Außerhalb des Rings oft freistehende größere Wohnblöcke oder Hochhäuser mit Grünflächen Abstellplätzen für Pkw (bzw. teilweise auch Garagenanlagen). Außerdem in Randbereichen auch Einhamilien-, Doppel- und Reihenhäuser.

Insgesamt ist die stärkere Trennung von Wohnen und Arbeiten ein wichtiger Aspekt städtischer Bebauung (und natürlich Strukturen). Größere Gewerbe- und Industriebe finden sich meist in Randlage.

So, das wäre es fürs erste, ich habe mich jetzt im wesentlichen auf die Bebauung auf die an sich beschränkt, wobei es noch weitere (soziale, wirtschaftliche u.a.) Apsekte in der Unterscheidung zwischen dörflichen und großstädtischen Strukturen gibt.
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