Neubebauung Bahnhofsvorplatz ("Maximiliancenter"|"Urban Soul")

  • Schon beim ersten Satz merke ich, daß es schwer ist, die Kritik zu erläutern, da die besondere Situation des Standortes bekannt sein muß.


    Ich will es trotzdem versuchen.
    Der 160m lange Bau soll eine Gründerzeitliche Bebauung aus einer vielzahl von Gebäuden ersetzen, die in den 70er Jahren vor dem Bahnhof dem U-Bahnbau zum Opfer fiel. Das Gelände befindet sich direkt gegenüber dem alten Bonner Hauptbahnhof, quasi auf den Fundamenten der alten Stadtmauer (nun U-Bahn). Verkehrlich immer schon ein Nadelöhr, soll nun noch über die historische Bebauungskante hinaus gebaut werden. Es wird noch enger. Kein Platz vor dem Bahnhof. Die Zugreisenden fallen aus dem Bahnhof quasi vor eine Mauer.


    Bisher fällt der Blick vom Bahnhof auf eine Gründerzeit-Hauszeile mit vielen Häusern. Einige neue darunter, postmodern angepaßt. Gegen die Bebauung des öden Platzes davor hat niemand etwas, aber Maßstäblichkeit, Gliederung und Anpassung an die Qualität der Umgebung müssen in dieser sensiblen Lage stimmen. Es zerstört den Mittelalterlichen Grundriss der Stadt.


    Das vorgestellt Projekt würde sicherlich anderswo nicht so übel aufstoßen. Es gibt gewiss einfallslosere Malls.


    Die Bonner haben schlechte Erfahrungen in dem Bereich gemacht: Ein Klotz wurde direkt nach dem U-Bahnbau hingesetzt und ist das verhassteste Bauwerk in Bonn. Und was waren die Bauherren und Stadtherren anfangs stolz auf die moderne 70er Jahre Archtektur. Leider hat es über 40 Eigentümer und ist nicht mehr wegzubekommen. Ähnliches befürchtet man jetzt. Steht der Riegel erstmal, ist auf Jahrzehnte nichts mehr zu verbessern.


    Darüber hinaus gibt es sehr große verkehrliche Probleme: Auflösung des Busbahnhofs, ungelöste Radwegeführung, Enge an den verbleibenden Bussteigen, etc.

  • Zitat von arnd

    :confused::confused: Gibt es denn einen Grundrissplan? Der könnte das Dilemma, das da vorherrscht, plausibler machen. :confused::confused:


    Ein recht umfangreiches Informationsangebot findest du unter http://www.bonn.de/bahnhofsbereich.


    Die Einkaufsmall, um die es hauptsächlich geht, befindet sich auf Baufeld A/ B.

  • Zitat von Jai-C

    Was gibt's an dem Projekt auszusetzen?


    Zuerst sei gesagt, daß es sich hierbei um das wichtigste Bauprojekt der Stadt handelt, seit Jahrzehnten wird um die Neugestaltung des Bahnhofsbereichs teils sehr emotional und heftig gestritten, bisher immer ohne Ergebnis.


    Am besten erläutert man die Problematik der Pläne anhand eines Vorher-Nachher-Vergleichs. Hier ein Bild, das die Situation vor dem Bahnhof im Jahre 1958 zeigt.


    http://www.stefankoch.ch/bahnhof.jpg


    Man sieht einen breiten (27m) baumbestandenen Boulevard, eingerahmt von wunderschöner, für Bonn typischer Gründerzeitbebauung. Im Zuge des Baus der U-Stadtbahn wurde die gesamte Häuserzeile, auch das Haus mit Türmchen im Hintergrund, abgerissen. Die Eigentümer wurden mit der sogenannten Südüberbauung entschädigt, einem häßlichen Betongebilde mit Metallverkleidung, das den Bahnhof fast erschlägt und nur noch knapp 20m Raum vor dem Bahnhof lässt.


    http://www.buergerbundbonn.de/…03-07_zeichn_bahnhofv.jpg


    Und so soll es im Jahre 2006 aussehen: eine grobschlächtige Einkaufsmall, welche die Bauflucht, Massivität und Formensprache der Südüberbauung, aber keinen Bezug zur historisch gewachsenen Stadtstruktur in diesem Gebiet aufnimmt. Eine städtebauliche Sünde wird nicht wie versprochen beseitigt - dieses Versprechen war einer der Gründe, warum der jetzige Investor den Zuschlag bekam! - sondern als Maßstab für die Neugestaltung genommen und auf Jahrzehnte zementiert. Vor dem Bahnhof bleibt kein Platz zum Bummeln, für Bäume, für Radwege, für einen großstädtischen Boulevard (wenn es schon keinen Vorplatz gibt), sondern es wird eine Verkehrsschneise mit drangvoller Enge entstehen.


    Neben Fragen der baulichen Gestaltung sind zentrale verkehrliche Fragen ungeklärt. Der ZOB wird aufgelöst, die Busse halten - wenn die jetzigen Pläne verwirklicht werden - zukünftig in einer Linienaufstellung mitten im Verkehrsgetümmel vor dem Bahnhof, auf 300m Länge und um zwei Straßenecken. Dazu muß man wissen, daß es in Bonn fast keine Tangentiallinien gibt, d.h. fast der gesamte Busverkehr läuft über den Bahnhof. Fahrgäste und Passanten sollen sich einen zwei Meter breiten Bürgersteig teilen. Anhand des Fotos von 1958, wo viele wartende Fahrgäste zu sehen sind, die aber deutlich mehr Platz haben, kann man sich vorstellen, wie das wird. Selbst die Stadt gibt zu, daß diese Lösung "nicht optimal" ist. Dazu kommt die Straßenbahn, die wegen der Enge irgendwann in den Untergrund verbannt werden soll (dann wird es im Stadtbahntunnel dort auch ziemlich eng). Die Verkehrsführung für Autofahrer soll leicht verbessert werden, allerdings fallen rd. 150 öffentliche Stellplätze ersatzlos weg (der Bahnhof sei gut an den ÖPNV angebunden, sagt die Stadt). Dabei hatte der investor ein neues Parkhaus versprochen, ein weiterer Grund, warum er den Zuschlag bekam.

  • Weil kein Investor an einer solchen Variante interessiert ist. Dem geht es um möglichst viel und zusammenhängende Nutzfläche, nicht um Kleinteiligkeit. Und die Stadt ist an dessen Finanzierungsbereitschaft interessiert ("Weiterbau der Innenstadt durch privates Investment","die Situation der öffentlichen Kassen bedingt heute Kooperationen zwischen öffentlicher Hand und privaten Investoren"), darum schreckt sie ihn nicht mit allzuvielen Vorgaben ab - leider, muß man mit Blick auf die städtebauliche Qualität sagen.
    Also im Moment nicht viel Raum für Wünsche nach einer weitsichtig durchdachten oder gar historisch orientierten Neubebauung, eher eifriges Handeln mit wirtschaftlichen Privatinteressen am längeren Hebel.

  • @ rec
    Vielen Dank für das passende historische Foto. Ich war schon länger auf der Suche nach so einem Motiv.


    Dirk, du hast es exakt auf den Punkt gebracht.


    Die Sache ist sogar noch schlimmer, denn die Stadt verschenkt nahezu die Grundstücke (sprich Gemeineigentum) an den Investor.


    Der Projektleiter des Investors auf der Bürgerversammlung: Bei uns in den Malls fühlen sich die Leute wohl, wir inventieren viel Geld für Ausstattung der Ladenpassagen.


    Eben. Innen wird geklotzt, damit die Leute in Kauflaune kommen. Am äußeren Gestaltungsbild kann dann gespart werden. Die Leute kommen eh wegen der 1A-Lage. Das Stadtbild ist dem Investor schlicht egal.

  • Wobei wohl nicht das ganze Projekt auf Grund einiger Bürgerproteste geändert wird?


    es könnte vielleicht sein, denn schließlich stehen bald wahlen in bonn an - da könnten die damen und herren im stadtparlament noch weiche knie bekommen und sich dem öffentlichen druck beugen. was zu begrüßen wäre!
    ich hoffe, dass der gesamte plan - architektur, städtebau, etc. - noch einmal überarbeitet wird!

  • Die Planung nach dem bisherigen Stand sind wohl endgültig gestorben. Nachdem schon die SPD-Oberbürgermeisterin die Entscheidung verschoben hat und damit wohl auch die SPD-Fraktion auf Linie bringt, scheint auch die Mehrheitsfraktion im Rat abzuspringen (Grüne, Bürgerbund und PDS waren eh gegen die bisher vorliegenden Planungen):


    Aus Bonner Rundschau vom 26.4.04:


    Die CDU-Vorsitzende (und OB-Kandidatin) Pia Heckes hat eine Wende ihrer Partei in der Diskussion um die künftige Bebauung des Bahnhofsvorplatzes angedeutet. In der CDU-Mitgliederversammlung am Samstag sagte sie, die Stadt habe bei der Planung eine „Riesenchance, entweder auf einen Riesenerfolg oder eine Riesenpleite“. Der architektonisch „große Wurf“ müsse her, sagte die Kunsthistorikerin, und nannte als Beispiele für gelungene Bauten das Forschungszentrum


    „caesar“ und das Funkhaus der Deutschen Welle (Schürmannbau). Gelinge der große Wurf nicht, „sollten wir besser die Finger davon lassen“. Die Stadt dürfe keine faulen Kompromisse eingehen.


    Wenn die Planer des Investors Brune Consult nichts Besseres vorlegten als die von Heckes so genannten „Beispiele beliebiger Kistenarchitektur“, sollten „wir lieber die Notbremse ziehen“, forderte die Kreisvorsitzende.

  • Der architektonisch „große Wurf“ müsse her, sagte die Kunsthistorikerin, und nannte als Beispiele für gelungene Bauten das Forschungszentrum „caesar“ und das Funkhaus der Deutschen Welle (Schürmannbau).


    Meine Güte, die Frau hat doch keine Ahnung! Eine Architektur nach Vorbild des Schürmann-Baus oder CAESARs paßt gerade nicht zum kleinteiligen, historischen Antlitz der Stadt dort (vor dem Hauptbahnhof)! Ist die hohl die Alte! :Nieder::nono:

  • Ja, sie hat keine Ahnung von der Materie. Das hat sie schon durch andere Äußerungen bewiesen. Als sie erst vor wenigen Wochen zur OB-Kandidatin der CDU gekürt wurde, hat sie zugegeben, sich überhaupt noch nicht mit dem Projekt beschäftigt zu haben, sie wisse auch alles nur als dem General-Anzeiger (der bekannt sehr spärlich und einseitig darüber informiert hat. Sie fände es aber gut und wichtig.
    Und das, obwohl sie sich um die Kandiatur beworben hat und nicht erst am Wahltag. Von einer, die die Amtsinhaberin herausfordern will, sollte man schon ein wenig mehr Vorkenntnisse von den wichtigsten anstehenden politischen Entscheidungen der Stadt erwarten können.

  • lomolo

    Ich glaube, den meisten Menschen fallen sofort zwei Kritikpunkte ein:


    -> Die Größe des Bahnhofsvorplatzes - für gewöhnlich gibt es in den meisten Städten einen Bahnhofsvorplatz am HBf und nicht bloß eine um 6-7m breitere Straße


    -> Die Gestaltung, die sehr wohl detailreicher und kleinteiliger sein könnte - selbst wenn die differenzierten Fassaden einem größeren Baukörper vorgesetzt werden sollten


    Wie ich unter: -> APH: "Planungen und Projekte in Rhein-Ruhr"
    berichtet habe, ich habe sogar persönlich den Info-Stand am HBf aufgesucht, mit einem städtischen Mitarbeiter gesprochen und ihm dann eine Mail geschickt - leider hat er ganz andere Ansichten zu den Stilfragen als ich gehabt.
    Ich freue mich also sehr, daß die Bonner Bürger eher wie ich als wie der Stadtplaner empfinden - ich hoffe, sie setzen sich damit durch? (Wobei ich auch noch ein wenig mithelfen könnte... :) )

  • -> Die Größe des Bahnhofsvorplatzes - für gewöhnlich gibt es in den meisten Städten einen Bahnhofsvorplatz am HBf und nicht bloß eine um 6-7m breitere Straße


    Allerdings muß man bedenken, daß an dieser Stelle nie ein Platz war. Solch ein Bahnhofsvorplatz macht eigentlich auch nur Sinn, wenn direkt vor dem Bahnhofsportal gelegen ist, in Bonn wäre er aber durch eine vielbefahrene Verkehrsstraße vom Bahnhofsgebäude abgetrennt. Wichtiger als ein Platz wäre daher aus meiner Sicht eine Umgestaltung dieser Straße. Zum einen sollte sie deutlich breiter werden, als sie heute ist. Zum anderen bin ich immer noch dafür, den Individualverkehr aus der Straße herauszunehmen und den City-Ring über Südunterführung, Baumschulallee und eine neu zu bauende Viktoria-Unterführung zu führen. Dadurch ergäben sich ganz neue Möglichkeiten zur Gestaltung des Straßenraums rund um den Bahnhof.


    -> Die Gestaltung, die sehr wohl detailreicher und kleinteiliger sein könnte - selbst wenn die differenzierten Fassaden einem größeren Baukörper vorgesetzt werden sollten


    Das wird hoffentlich passieren. Zeitungsberichten von heute hat der Investor eingelenkt und will nun einen Fassadenwettbewerb durchführen lassen.


    Ich freue mich also sehr, daß die Bonner Bürger eher wie ich als wie der Stadtplaner empfinden - ich hoffe, sie setzen sich damit durch?


    Man muß nur aufpassen, daß man sich nicht mit den falschen Leuten solidarisiert. Manch einer hat Vorbehalte gegen das Projekt an sich (die "Zu-Allem-Nein-Sager-Farktion"), dabei benötigt die Bonner Innensatdt ganz dringend einen solchen Impuls. Außerdem habe ich stark das Gefühl, für die meisten Leute ist das Thema "Bahnhofsvorplatz" wie ein rotes Tuch, auf das sie dementsprechend reagieren, ohne daß sie sich deswegen eingehend mit der Materie "Stadtplanung" sachkompetent und interessiert auseinandersetzen würden. Unverständlich ist mir, wie man sich so leidenschaftlich für den Bereich vor dem Bahnhof engagieren und gleichzeitig städtebauliche oder architektonische Fehlleistungen in unmittelbarer Nähe ignorieren kann. Zum Beispiel soll nur 100m nördlich der Einkaufsmall das hier gebaut werden und keinen stört´s...



    Quelle: Stadt Bonn

  • rec

    Zitat von rec

    Allerdings muß man bedenken, daß an dieser Stelle nie ein Platz war.


    Das hat sich irgendwie geändert, da es ja im Augenblick einen Platz gibt, an den sich viele Menschen gewöhnt haben...


    Solch ein Bahnhofsvorplatz macht eigentlich auch nur Sinn, wenn direkt vor dem Bahnhofsportal gelegen ist, in Bonn wäre er aber durch eine vielbefahrene Verkehrsstraße vom Bahnhofsgebäude abgetrennt. (...) Zum anderen bin ich immer noch dafür, den Individualverkehr aus der Straße herauszunehmen und den City-Ring über Südunterführung, Baumschulallee und eine neu zu bauende Viktoria-Unterführung zu führen. Dadurch ergäben sich ganz neue Möglichkeiten zur Gestaltung des Straßenraums rund um den Bahnhof.


    Das könnte man ja sogar irgendwann später machen - und der Platz wäre nicht mehr vom HBf-Eingang getrennt. Das gebaute EKZ bleibt jahrzehntelang zumindest als Baumasse unverändert.


    Das wird hoffentlich passieren. Zeitungsberichten von heute hat der Investor eingelenkt und will nun einen Fassadenwettbewerb durchführen lassen.


    Hoffentlich kommt nur nicht "mehr Glas" daraus... Schon gesehen, was das Ergebnis eines Baulücken-Wettbewerbs in NRW wurde?


    -> Eine Datenbank der Ergebnisse - ALLE Entwürfe


    -> Im APH dazu
    (Darunter mein Bericht von den Gesprächen mit den Leuten von der Architektenkammer NRW)


    (...) Zum Beispiel soll nur 100m nördlich der Einkaufsmall das hier gebaut werden und keinen stört´s...


    Mir gefällt es nicht, wahrscheinlich werde ich aber bei meinen Bonner Besuchen das Ding nur selten sehen - die HBf-Umgebung ist wesentlich "prominenter"... Die Zeit, die man investieren kann, ist leider beschränkt... :)

  • Bonner OB: Ein Gestaltungswettbewerb, ein Vorplatz

    Jetzt wurde es auch "offiziell" - gefunden im -> KSTA/Bonn vom 08.05.2004:


  • Na dann: Herzlichen Glückwunsch nach Bonn! Dass der Investor allerdings bereits jetzt ankündigt, dass die Stadt für eine gelungenere Bebauung zuzahlen soll, treibt einem dann doch die Zornesröte ins Gesicht.