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Alt 19.07.08, 19:12   #1
AeG
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Le Havre - eine Nachkriegs-Utopie wird zum Weltkulturerbe

Die Bilder stammen alle vom Mai diesen Jahres. Sie zeigen im Wesentlichen das etwa 6km² große Areal der ehemaligen Altstadt (zwischen Hafen und Küste gelegen), das im September 1944 von britischen Bombern völlig zerstört und anschließend in den 50er bis frühen 60er Jahren nach Plänen von Auguste Perret wieder errichtet wurde. Dieses Areal mancht einen Großteil des urbanen Stadtgebietes aus. Daran anschließend finden sich noch ein paar versprengte Straßenzüge mit älteren Mietshäusern, ein paar vorstädtische Wohnanlagen der 60er und 70er Jahre, ein recht großes EfH-Gebiet (durch eine Hügelkette vom Meer getrennt) und jede Menge Industrie, vor allem Raffinerien und ein großes Renault-Werk. Le Havre ist die größte Hafenstadt Nordfrankreichs und nach Rotterdam der wichtigste Ölhafen Europas, sowie der bedeutendste Frankreichs.

Le Havre ist relativ jung und verdankt seine Entstehung am Nordufer der Seine-Mündung vor allem der Errichtung einer Marine-Garnison im 16. Jahrhundert. Die benachbarten Orte, wie etwas das heute noch mittelalterlich geprägte Honfleur (südliches Ufer der Mündung; davon vielleicht später mehr) sind oft wesentlich älter. Wegen der Spezialisierung auf die petrolchemische Industrie und deren vielfältige jüngere Krisen hat die Stadt lange mit enormer Abwanderung zu kämpfen gehabt. Von ca. 220.000 Einwohnern um 1960 blieben bis Anfang der 90er Jahre etwa 170.000 übrig. Mittlerweile hat sich das aber wieder etwas stabilisiert. Heute ist von ca. 190.000 Einwohnern die Rede. Daran maßgeblichen Anteil dürfte der günstige, zeitweise vollkommen eingebrochene Immobilienmarkt besitzen (in jeder Straße gibt es auch heute noch mindestens zwei Maklerbüros mit jeweils dutzenden Angeboten), die gute Lage am Meer, die nur knapp zwei Autostunden von Paris entfernt ist und die vielfältigen neueren Bemühungen der Administration, die Stadt attraktiver zu machen. Der Autoverkehr wurde restriktiv zurückgedrängt, die Uferpromenade wurde ausgebaut und die Stadt vermarktet sich heute exzessiv im nordfranzösischen Raum. (ich habe innerhalb der letzten 20 Jahre zusammengerechnet etwa ein halbes Jahr dort verbracht; die Veränderungen sind sehr augenscheinlich).

Ein weiterer Aspekt für die jüngere positive Entwicklung dürfte die, in letzter Zeit gewandelte, Wertschätzung der "Betonarchitektursprache" (Zitat aus dem Wikipedia-Artikel ) sein, deren vorläufiger Höhepunkt die Aufnahme des Areals in die Liste des UNSCO-Weltkulturerbes seit 2006 ist. Gerade in diesem Gebiet sind die Wohnungen, deren Zuschnitte mit denen der besseren deutschen Nachkriegsbehausungen vergleichbar sind, für relativ teures Geld zu haben. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung, meist um die 50 bis 70m² groß, mit einigermaßen wassernaher Lage (was eigentlich fast alle Häuser betrifft) und vernünftigem Ausblick (auch eher die Regel) wird nicht unter 150.000 € angeboten, größere Wohnungen sind entsprechend teurer. Man sieht in dieser Gegend daher verstärkt junges, Lifestyle-orientiertes Publikum neben den Alteingesessenen. Diese Mischung ist in etwa mit der, in der groben Wirkung sehr ähnlichen, Berliner Karl-Marx-Allee vergleichbar.

Der Komplex mit den markanten weißen Gebilden, die wie schiefe Kraftwerks-Kühltürme aussehen, wurde Anfang der 1970er nach Plänen von Oskar Niemeyer errichtet und beinhaltet ein Entertainment-Zentrum mit Kino und Veranstaltungssälen. Die, die Silhoutte von Le Havre wesentlich prägende, St.-Ludwig-Kirche, deren Innenaufnahmen mit den beeindruckenden Lichtspielen ich in der Montage zussammengefasst habe, wurde, wie das Rathaus und Teile der Bebauung an der Rue de Paris (der Nord-Süd-Hauptachse des Gebietes) von Perret selbst entworfen. Mit den Entwürfen für die restlichen Areale wurden verschiedenste Büros quartierweise nach den Perret-Vorgaben beauftragt. Daher sind die Bauten zwar alle sehr ähnlich, jedoch nie identisch (auch eine Ähnlichkeit in Verfahren und erzielter Wirkung mit der Karl-Marx-Allee). Verbindendes Element sind stets die stehenden Fensterformate, die Kranzgesimse (bis dahin nicht typisch für diese Gegend), die Traufhöhe und bis in die frühen 60er Jahre auch der Blockrand.

Einige Fotos im letzten Teil zeigen das Musée Malraux und darin ausgestellte Werke, die i. d. R. von Künstlern der Stadt stammen. Dazu gehören Originale von Claude Monet und Raoul Dufy (zwei, bzw. ein Foto), aber auch von Eugène Boudin - alle diese Maler stammen aus Le Havre - aber auch viele Werke von zeitgenössischen Künstlern.

Aus Berliner Sicht finde ich das wiederaufgbaute Areal besonders interessant. Zeigt es doch, dass auch die strikten Vorgaben, die in vielen Punkten mit der kritischen Rekonstruktion vergleichbar sind, in der Gesamtwirkung nicht unbedingt das angestrebte Bild und die gewollte stadträumliche Funktion ergeben.

So, wieder viel zu viel geschwafelt. Hier kommen die Bilder:





Noch etwas Interessantes am Rande: Le Havre plant derzeit die Errichtung eines Straßenbahnnetzes. Verwunderlich wäre, wenn die Unesco, die ja erhebliche Probleme im Bau der Dresdener Waldschlösschenbrücke sieht, gegen die Oberleitungen, die das Stadtbild bekanntlich massiv verändern, hier nichts einzuwenden hätte (möglicherweise ein Indiz für die nicht ganz apolitische Unesco-Argumentation). Schon gegen die enorme Verkehrsberuhigung und gegen die Anlegung der, für Frankreich typischen, massiven Bushaltestellen-Inseln mitten auf den Avenues, hatten sie scheinbar nichts einzuwenden.

Ich habe auch noch allerhand Bilder aus vielen anderen, eher mittelalterlich geprägten Orten der Normandie. Sofern Interesse besteht, würde ich die zu gegebener Zeit noch enstellen.
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Alt 23.07.08, 22:31   #2
schorse
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schorse befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Äußerst interessante Fotos! Vielen Dank. Tja, als Liebhaber alter Bauwerke/Städte, Reko-Freund, Feind von modernistischer Architektur, bringen mich diese Fotos trotzdem zum Staunen: ist es die geschlossene Bauweise... ich weiß es nicht. Auch in meiner Heimatstadt Hannover gibt es geschlossene 50er Jahre Architektur von höchster Qualität - mittlerweile kann ich es verstehen, warum einige unter Denkmalschutz stehen.
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