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Alt 15.04.19, 12:39   #158
Architektenkind
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Zitat von UrbanFreak Beitrag anzeigen
In einem funktionierenden System, sollte Gentrifizierung eigentlich von allen begrüßt werden.
Gentrifizierung ist ein Begriff, der für Verdrängungsprozesse steht. Wie müsste ein System funktionieren, indem auch die Verdrängten diese Prozesse begrüßen?

Zitat:
Zitat von UrbanFreak Beitrag anzeigen
Nicht die Gentrifizierung ist krank, sondern das Deutschland ein Mieterland ist und damit in großem Maße von Genossenschaften oder wohlwollenden Vermietern abhängig.
Mieten ist "krank" und Eigentum ist "gesund"? Bitte begründen, auch die pathologisierende Wortwahl. Und von Genossenschaften ist man nicht "abhängig". Als Mitglied einer Genossenschaft wohnt man weit unter Marktpreis in meist sehr guten Wohnungen. Man ist dort auch kein Mieter, sondern Teilhaber an Gemeinschaftseigentum. Aber vermutlich ist für Dich auch Gemeinschaftseigentum "krank"...

Zitat:
Zitat von UrbanFreak Beitrag anzeigen
Teilweise ist es auch ein kulturelles Problem, denn meine Großeltern Generation (Krieg), wollte gar keinen Besitz haben ("geht im nächsten Krieg eh wieder verloren"). Der Krieg hat die Einstellung ganzer Generationen zu Besitz und Eigentum verändert.
Nein. Du solltest nicht von Deinen Großeltern auf deren Generation schließen. Vor dem Krieg war Wohneigentum in der Stadt vor allem dem gehobenen Bürgertum vorbehalten; Arbeiter, Angestellte und Kleinbürger lebten zur Miete (Ausnahmen: Die Gartenstadtbewegung in den Zwanzigern und die Nazi-Siedlungen in den Dreißigern). Nach dem Krieg wurden die "eigenen vier Wände" für die "neuen Mittelschichten" im Westen zum Muss. Der Bausparvertrag war jahrzehntelang die Sparanlage für diese Leute. Ergebnis sind die ständig wachsenden Häuslebauer-Vorstädte, die ab den 60er-Jahren aus dem Boden wuchsen.

Dass der Trend zum "Eigenheim" seit Jahren rückläufig ist, hat weniger kulturelle als ökonomische Gründe:

Erstens ist das die Flexibilisierung seit den Neunzigern: Man muss häufiger als früher den Arbeitsplatz wechseln – und wer nicht weiß, ob er in fünf Jahren noch in der Stadt ist, bindet sich keinen Hausbau ans Bein. Zudem sind Arbeitsverträge heute oft auf wenige Jahre befristet, weshalb man einen Kredit, den man über 20 Jahre abzahlen müsste, erst gar nicht bekommt.

Zweitens (aber damit zusammenhängend) ist die Unsicherheit der Mittelschicht allgemein gewachsen. In der alten Bundesrepublik waren sich diese Leute sicher, dass es ihnen in der Zukunft besser geht als in der Gegenwart. Mit den Hartzreformen und der Finanzkrise vor zehn Jahren ist diese Sicherheit geschwunden.

Drittens sind die Bau- und Immobilienpreise derart exorbitant gestiegen, dass viele sich ein Haus oder eine Wohnung auch dann gar nicht mehr leisten könnten, wenn sie eine unbefristete Stelle im öffentlichen Dienst und eine sichere Rente haben. (Ein Freund von mir, Besitzer einer mittelständischen Softwarefirma, hat sich kürzlich ein Haus gebaut. Ich weiß, dass er in mäßigen Dimensionen Millionär ist – aber das Haus ist nicht größer oder schicker als eines, dass sich vor 30 Jahren ein Lehrer-Ehepaar hätte leisten können.)

Und viertens gibt es einen großen Anteil in der Bevölkerung, der schon zu besten Wohlstandszeiten nicht einmal davon träumen konnte, ein Haus zu kaufen. Früher waren das Arbeiter und kleine Angestellte, heute ist es das sogenannte Dienstleistungs-Proletariat – Leute, die einen wichtigen Dienst für die Gesellschaft leisten, es aber zumindest in Ballungszentren kaum noch schaffen, auch nur ihre Miete aufzubringen.

Also: Die Gesellschaft ist "krank", weil sie ein "Einstellungsproblem" hat? "Gesund" wäre es, wenn sich alle auf Teufel komm raus verschuldeten, um ein "funktionierendes System" zu schaffen, in dem Gentrififizierung von allen "begrüßt" wird? Wohl kaum...
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