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Alt 15.04.19, 14:08   #160
Architektenkind
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Architektenkind ist ein LichtblickArchitektenkind ist ein LichtblickArchitektenkind ist ein LichtblickArchitektenkind ist ein LichtblickArchitektenkind ist ein LichtblickArchitektenkind ist ein Lichtblick
^ Interessantes Thema. Vielleicht sollte Bato es in den passenden Strang verschieben.

Mir ging es oben um die Abwertung des Mietens als Ausdruck "kranker" Zustände und die Preisung des Eigentums als Wundermittel – ich habe nichts gegen Wohneigentum an sich. Denn natürlich schafft es Sicherheit, wenn es keinen Vermieter gibt, der einen vor die Tür setzen kann. Das Verhältnis von ökonomischer Sicherheit und Wohneigentum muss man aber auch von der anderen Seite her betrachten: Erst, wer finanziell einigermaßen unabhängig und sicher dasteht, sollte über den Kauf von Wohneigentum nachdenken – und das ist heute (siehe oben) für viele schwierig geworden.

Wer eine eigene Wohnung (z.B. geerbt) hat, lebt auch als Geringverdiener in halbwegs stabilen Verhältnissen. Andersherum ist es für geringverdienende Mieter aber meist keine gute Lösung, es krampfhaft auf einen Wohnungskauf anzulegen – die Gefahr von Überschuldung bis hin zur Privatinsolvenz und zur Pfändung der Immobilie ist groß.

Es politisch auf eine Umwandlung von Miet- in Eigentumsverhältnisse anzulegen, kann auch volkswirtschaftlich nach hinten losgehen: Vergessen wir nicht, dass die Finanzkrise von 2008 mit einer Immobilienkrise in den USA begann. Die Banken hatten massenweise Hauskredite an Leute vergeben, die es sich eigentlich nicht leisten konnten, und die Schuldverschreibungen als Risikopapiere an der Börse gehandelt. Am Ende brach bekanntlich der Finanzmarkt zusammen und in den ganzen USA verwandelten sich Neubausiedlungen in verlassene Ruinenstädte. Ein echter Albtraum und ein guter Hinweis, dass die Formel "Mieter zu Hausbesitzern" keineswegs ein "funktierendes System" garantiert – auch das Gegenteil kann die Folge sein. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass man die Gentrifizierung in Berlin nicht dadurch in humanere Bahnen lenkt, dass man von Verdrängung bedrohten Mietern wackelige Hauskredite aufschwatzt.

Etwas anderes wäre es, die Gründung von Genossenschaften zu fördern und Mieter aufzufordern, beizutreten – die Genossenschaften können Häuser kaufen und bauen und ihren Mitgliedern so mittelfristig zu Wohnungen in Gemeinschaftsbesitz verhelfen. Die Sicherheit wäre wesentlich größer als bei Mietwohnungen, die Belastung geringer als beim Privatkauf, die Gefahr einer Überschuldung gleich null. Vor 100 Jahren hat das schon einmal im großen Maßstab funktioniert. Man muss es nur versuchen. (Ich habe übrigens Anteile bei einer Genossenschaft. Bis eine Wohnung frei wird, dauert es noch Jahre, aber danach kriegt mich dort keiner mehr raus. Und schon heute bekomme ich im Jahr eine Dividende von immerhin 4 Prozent.)

Geändert von Architektenkind (15.04.19 um 14:25 Uhr)
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