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Alt 10.11.08, 17:10   #32
Jaguar-XKSS
 
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Ich finde, diese Debatte besteht in erster Linie aus Schwarz-Weiß Malerei. Es wird von Suchenden um den heißen Brei geredet, keiner kann etwas konkretisieren.

Daher versuche ich es mal und kopiere einige meiner Beiträge aus anderen Threads hierher.

aus "Deutschlands schönste Bausünde":
Deutschlands schönste Bausünden kenne ich nicht, aber der Welt größte Bausünde ist mir wohl bekannt.

Es handelt sich um die Internationalistische Architekturpartei Moderne, welche seit ca. 90 Jahren die Welt terrorisiert und, um ihr radikales und reduziertes Architekturweltbild durchzusetzten, eine Gruppe von Gestaltungselementen im höchsten Maße diskriminiert und eliminiert, nämlich das Ornament.

Diverse Gefreite der bildenden abstrakten Künste haben sich in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgeschwungen, um die tausende Jahre alte Geschichte der Architektur und deren gesunde, langsame Weiterentwicklung in einem globalen Angriff mit den Waffen der Abstraktion und der Reduktion zu vernichten.

In Ausbildungslagern (z.B. Dessau) wurden Spezialisten herangebildet, die das architektursozialistische Gedankengut in der Welt verbreiteten. Dies war sehr erfolgreich, alle Feinde der Moderne wurden weitgehend eliminiert, ab und zu auftretende Konterrevolutionsversuche wurden im Keim erstickt. Doch gibt es immer noch Widerstandskämpfer, die Unterstützung von nicht unwesentlichen Teilen der Bevölkerung erhalten.

Inzwischen ist jedoch die Erziehung zur modernen Architektur so erfolgreich, dass ein Anknüpfen an alte Baustile oder die Verwendung von klassischen Elementen als "historisierend" bezeichnet wird, was in der Assoziation inzwischen allgemein als gerechtfertigte Abwertung wahrgenommen wird. Gegen diese in den Ausbildungslagern der Moderne vorgenomme "Gehirnwäsche" gilt es anzugehen. Für alle Studenten deshalb dieses Flugblatt !!!

Heute erscheint einzig der konkrete Kontext des Ortes, an welchem gebaut wird, als gerechtfertigtes Kriterium für den Neubau, Weiterbau, Wiederaufbau oder der Rekonstruktion eines Gebäudes.

Angesichts des der Allgemeinheit zu Verfügung stehenden Wissens um Architektur(geschichte) fällt es schwer zu verstehen, weshalb nicht spezifisch für jeden Ort die passenden - also den Kontext erfüllenden - architektonischen Mittel verwendet werden.

Erläuterung : --- zu architektonischen Gestaltungsmitteln gehört ebenfalls die Baukonstruktion. Zum Kontext gehört ebenfalls die Zeit, in der wir leben. Beispiel. In einem Gründerzeitensemble wird eine Baulücke geschlossen. Um den Kontext zu erfüllen, wählt man als Fassadengestaltung die Formensprache der umgebenden Bebauung. Auf 65 cm dicke Mauern kann man verzichten. Das Gebäude wird in Stahlbeton errichtet. ---

Die Tabuisierung des Einsatzes von bestimmten architektonischen Gestaltungsmitteln (aller Epochen) erscheint genau so unsinnig wie deren willkürliche Anwendung an Orten, an welchen kein dafür entsprechender Kontext existiert.

Ich plädiere daher für die Schaffung einer neuen Architekturphilosophie, welche keinen speziellen Stil zum einzig richtigen erhebt, gleichzeitig aber auf die willkürliche Anwendung irgendwelcher Stile an speziellen Orten verzichtet.

So nenne ich dich mal......kontextueller Multistilismus.

...@ RobertKWF
Deiner Erklärung des Begriffes "Bausünde" in "32" schließe ich mich an. Sie beschreibt im weiteren die Grundlage für die "kontextuelle Entwurfsweise", also die Entwicklung eines Gebäudes primär aus der vorhandenen Umgebung heraus. Dies kann so weit gehen, dass der Ort sozusagen das Gebäude entwirft.

aus "Visionen für München":
...Wobei die "Idee" meist nur der Ausweg aus der Unfähigkeit zu architektonischer Gestaltung ist. Diese architektonische Gestaltung kann nur eine kontextuelle sein, also eine alle Parameter berücksichtigende und diese in architektonischen Raum umsetzende Entwurfsweise.

Hauptsächlich wird ein Parameter fast nie berücksichtigt. Es ist der erste und wichtigste Baustein im Entwurfsprozess, nämlich der Ort, an dem gebaut wird. Was gibt der Ort her, also welche Bezüge (Kontexte) existieren, und, falls keine oder nur geringe existieren, welche kann man dann schaffen !

Es geht darum, nicht nur gute Innenräume zu schaffen, nein, der Stadtraum will gestaltet werden. Eine Straße oder ein Platz ist wie ein Zimmer, welches man betritt. Wie sind die "Wände" dieses Zimmers gestaltet ? Glatt und poliert, zu groß oder zu klein ist wohl weniger erfreulich, mit "Kunstwerken" behängt, wird es schon spannender, wenn der Hintergrund noch ein Relief ist, umso besser. Vor- und Rücksprünge und Raumbildungen in einer für den Menschen erfassbaren Größe, in seinem Maßstab, erzeugen Wohlbefinden und Geborgenheit, eine Qualität, die "Stadt" haben sollte.

Monotone Aneinanderreihung, isoliertes setzen von Solitären, die funktional keine sind, immer gleiche Größe, Fassaden ohne Volumen, ewige Wiederholungen und ungefasste Räume die zerfallen und als Raum nicht mehr wahrnehmbar sind machen das durchqueren der Stadt zur unangenehmen Notwendigkeit.

Das ist der Grund, weshalb die neuen Gebäude so "widerlich" sind. Nicht weil sie intern schlecht gestaltet wären oder konstruktiv mangelhaft wären, nein, sie bilden keinen guten Stadtraum, also den Raum, der durch sie beschrieben wird !

Entscheidend ist die Lage/Form des Baukörpers, d.h. welchen Raum bildet der Baukörper mit seiner Umgebung. Dann sein Fassadenvolumen, d.h. das Maß von der Außenkante Fassade bis zur Innenkante Fassade. Mit einer Tiefe von 5mm wird man keinen guten Stadtraum bilden können. Er wird immer glatt, kalt und abweisend wirken. Auch mit Löchern darin (Loggias) oder dem Gegenteil (Balkone) kann dies nicht kompensiert werden.

Heutige Architektur scheitert am Städtebau. Heutige Gebäude scheitern am Stadtraum, den sie bilden.

Heutige Gebäude scheitern oft an ihrer Aufdringlichkeit, an den "Ideen" ihrer Erbauer. Vieles will sich herausstellen, nichts mehr einordnen. Vieles will sich durchsetzten, nichts mehr ergänzen. Vieles will etwas besonderes sein, und ist dadurch oft besonders schlecht.

Anderes will wiederum nichts besonderes sein, aber groß. Damit ist es etwas besonderes, aber stellt nichts dar. Der Klotz entsteht...


Ich bin der Meinung, man sollte aufhören, zu pauschalisieren, zu polarisieren und zu monopolisieren. Differenzieren ist wohl die Kunst des 21. Jahrhunderts. Für die vielfältigen Erfordernisse angepasste, individuelle Lösungen zu entwickeln ist angesichts des zur Verfügung stehenden Wissens und der technischen Möglichkeiten jetzt machbar.

Der "Farbkasten Baukunst" steht weit offen ! Bitte zugreifen und "Malen" !


Viele Grüße
Jaguar-XKSS

P.S
Zitat eines Kommentars eines Lesers im Rahmen einer Bewertung (leider nicht öffentlich gepostet)

Du pauschalisierst selber, indem Du Kriterien für einen guten Stadtraum setzt, wie z.B. "mit 5mm wird man keinen guten Stadtraum bilden können. Er wird immer ...." In Venedig sind 98% der Fassaden einfache Putzfassaden die deinen Kriterien widersprechen.



Richtig, pauschal bin ich gegen Pauschaulisierung, was wiederum eine Pauschalisierung ist. Grundsätzlich bin ich für Vielfältigkeit, was wiederum eine Monotonisierung ist, also die Monotonie der Vielfalt.

...Dann hätte man Venedig wohl deutlich besser gestalten können, aber da viele der Wasserstraßen sehr eng sind, fallen die glatten Fassaden nicht so auf. Hinzu kommt noch die "farbliche Variation" durch die Patinierung usw. Die Fassadentiefe ist nur ein Kriterium für die Bildung eines guten Stadtraums. Alte südländische Dörfer haben auch einfach verputzte Fassaden, allerdings sind die 3 - 10 cm Fassadenvolumen schon durch die handwerklich bedingten Unebenheiten der Fläche bewerkstelligt (krumme Wände, grober Putz), dazu kommt noch, dass die Fläche meist sehr klein ist (Proportion von Tiefe und Fläche).
Die Straßen sind meistens sehr eng, die Häuser stehen versetzt entsprechend der Topografie, die Wegeoberflächen sind oft sehr differenziert und "grob"....usw.usw.


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Geändert von Jaguar-XKSS (29.11.08 um 20:32 Uhr)
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