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Alt 19.06.19, 20:55   #74
Architektenkind
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Zitat von Bau-Lcfr Beitrag anzeigen
leider hat seit meinem letzten Posting niemand ausgeführt, ob denn wirklich alle Möglichkeiten der Wohnungsbau-Steigerung ausgeschöpft werden.
Da kann ich helfen: Nein, wurden sie nicht. Wohnungsneubau im großen Stil ist ein mühsames Geschäft, bei dem viele Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen – wirtschaftliche, baurechtliche, politische und soziale. Von ästhetischen ganz zu schweigen. Und damit tun sich m.E. derzeit alle Beteiligten schwer.

Aber: Der Neubau von Wohnungen und der Mietendeckel haben nichts miteinander zu tun. Das schon für die Enteignungsdebatte erfundene Argument: "Schafft keine einzige neue Wohnung..." ist a) banal und geht b) an der Sache vorbei. Der Mietendeckel soll nicht den unbestrittenen notwendigen Wohnungsneubau ersetzen, sondern den überhitzten Mietenmarkt für die ca. 1,5 Mio. Bestandswohnungen abkühlen.

Das lässt sich allein durch ein größeres Angebot (also Neubau) nicht bewerkstelligen. Erstens dauert Bauen zu lange, um mit der rasanten Entwicklung Schritt zu halten. Zweitens ist der Bauplatz in Zentrumsnähe begrenzt, und ein neues Baugebiet zwischen Spandau und Falkensee ändert am Preisdruck in Friedrichshain gar nichts. Drittens – und vor allem – ist die gestiegene Nachfrage nur einer der Gründe für die Preisexplosion, und nicht einmal der wichtigste.

Entscheidender ist die seit der Finanzkrise gestiegene Rolle von Immoblien für die Anlagestrategien der Finanzindustrie – und die damit verbundenen Renditeerwartungen, die dazu führen, dass sich die Preisspirale immer schneller nach oben schraubt. Denn in den Berliner Gründerzeitvierteln werden ganze Häuserzeilen von Immobilienfonds aufgekauft und bis an die Grenze des Machbaren "monetarisiert", und über die entsprechend steigenden Mietspiegel überträgt sich die Preisdynamik auch auf kleine Firmen oder Privatvermieter, die sich eigentlich völlig korrekt verhalten.

Zitat:
Zitat von Bau-Lcfr Beitrag anzeigen
Diesem MoPo-Artikel nach meiden Entwickler zunehmend die Stadt bzw. den Wohnungen-Sektor - wegen Enteignungen-Debatten und dem Mietendeckel. Dies dürfte die Lage eher verschlimmern als verbessern.
Sie zitieren sehr selektiv. Enteignungen und Mietendeckel werden unter "außerdem" als Stimmungsbremse genannt. Als Hauptgründe nennt der Artikel schlicht die höhere Rendite bei Bürogebäuden und den Streit um den Sozialwohnungs-Anteil. Vom Mietendeckel sind Neubauten überhaupt nicht betroffen – Erstbezüge sind von der Regelung explizit ausgenommen.

Natürlich ist der Mietendeckel kein Allheilmittel für den Berliner Wohnungsmarkt. Ich hoffe, er wird effektiver sein als die Mietpreisbremse, aber ich rechne auch mit Nebenwirkungen. Einen hohen Verwaltungsaufwand und zusätzliche Bürokratie für Kleinvermieter zum Beispiel. Oder die vorgezogenen Mieterhöhungen in letzter Minute. Oder eine Verunsicherung aller Beteiligten, bis die Sache gerichtsfest ist.

Medien und Lobby-Verbände sollten aber trotz berechtigter Kritik die Kirche im Dorf lassen: "Chaos auf dem Wohnungsmarkt" (Mopo), "Beweis grenzenloser Überforderung" (SZ), "Auf dem Weg zur Staatsmiete" (Die Welt), "Menschenrechtswidrig" (Haus & Grund) – das erinnert in Tonfall und Wortwahl sehr an die Debatte um die Einführung des Mindestlohnes. Damals wurde das Ende der Tarifautonomie, der Untergang des deutschen Mittelstandes, Massenarbeitslosigkeit und das Verschwinden des Friseurberufes prognostiziert. Nichts passiert. Ich rate also zur Gelassenheit.

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Zitat von TwistedRoad Beitrag anzeigen
@Architektenkind:Ich hab mich unglücklich ausgedrückt, natürlich soll nichts irgendwo bereinigt werden, ich wollte lediglich drauf hinweisen, dass Berliner an mehr Tagen arbeiten müssen als in anderen Bundesländern. Ich z.B. erhalte das gleiche Gehalt wie meine Kollegen in München, arbeite aber 3 Tage ( früher 4 Tage) mehr. Ich verteile die Arbeit nicht auf mehr Tage sondern bin an den Tagen zusätzlich produktiv.
Ah, alles klar. War ein Missverständnis. Kürzlich tauchte hier irgendwo die These auf, die Strukturschwäche im Osten sei auf eine mangelnde Leistungsbereitschaft der Bevölkerung zurückzuführen. Das im Hinterkopf, habe ich Deinen Satz genau falsch herum interpretiert. Sorry...
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