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Alt 09.08.15, 21:03   #144
Xalinai
Goldenes Mitglied

 
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Xalinai ist essentiellXalinai ist essentiellXalinai ist essentiellXalinai ist essentiellXalinai ist essentiellXalinai ist essentiellXalinai ist essentiellXalinai ist essentiellXalinai ist essentiell
Man muss bei den EFH-Siedlungen auch noch unterscheiden: Es gibt diejenigen, die bereits etabliert sind, wo die Häuser in dere Masse bezahlt sind, die Altersstruktur gemischt, die Bewohner auch mal auswärts essen gehen wollen und inzwischen verstanden haben, dass es nicht wirklich gut ist, wenn der gesamte Einzelhandel aus den Zigarettenautomaten am Zaun es übernachten Nachbarn besteht. Und es gibt die neuen EFH-Siedlungen, in denen alle gerade frisch gebaut haben, die Bewohner alle Anfang, Mitte Dreißig sind, die Kinder noch in die Kita oder eben gerade in die Schule gehen und man sich typischerweise so aufgestellt hat, dass man gerade eben so über die Runden kommt - entweder weil man sich knapp überhoben hat, oder um möglichst schnell zu tilgen.
Da gibt es dann keine Restaurants im Umkreis, weil es Abends nur 'n Butterbrot gibt und der Nahversorger muss vier Buchstaben haben, die d, i und l enthalten. Das ist dann echt anstrengend, wenn man nicht exakt zur gleichen Gruppe gehört, denn die Gespräche mit den Bewohnern des Viertels haben meist nur drei Themen - Kinder, Anliegerbeteiligung, Bauprobleme.

Ich kenne inzwischen die meisten Wohnformen, vom Zweifamilienhaus meines Großvaters (oben er, die Großmutter und meine Mutter, unten sein Sohn mit Familie) in ländlicher Umgebung. Das freistehende Haus das meine Mutter auf'm Kaff gekauft hat. Die Wohnungen, die wir in Frankfurt und OF hatten, 1950er Wohnblock mit erst Kohleöfen, dann Gasheizungen am Stadtrand, Hochhaus in Eckenheim, Azubi-WGs während der Ausbildung, Hochhaus-EG am Atzelberg, höhere Etage in OF - und jetzt sehr ländlich in einer gepflegten Anlage in Köln.

Was man dabei sieht, ist dass die echte Landbevölkerung (sei es Froschhausen oder ehemalige Eckenheimer Bäuerchen) dazu neigt, pflegeleichte Flächen zu bauen ("Mehr Grün wollense? Na dann streich ich den Beton im Hof..."), während es die Städter sind, die in der Stadt und außerhalb jedes Fitzelchen Boden freilegen und bepflanzen wollen. Meine Großmutter (Landei) wäre nie auf die Idee gekommen, im Hof zu frühstücken, dafür hatte sie doch den schönen Esstisch in der Küche. Meine Freunde aus Frankfurt, Berlin oder der Kölner Innenstadt finden dagegen die Idee, sich zum Frühstück im Park oder irgendwo wo die nächste Wand weiter als 10m entfernt ist, niederzulassen, richtig prima.

Nebenbei ist den wenigsten Wohnungsbewohnern, die vom EFH mit großem Garten träumen, klar, wie viel Arbeit ein solcher Garten macht.

Was das Einkommensthema angeht: Man zur 8%-Zins-Zeit früher mal gesagt, dass man, wenn man bislang 25% seines Einkommens für die Kalt-Miete ausgibt, etwa fünf Jahres-Nettogehälter finanzieren kann. Gemeint war, dass man in 28 Jahren schuldenfrei sein wollte. Bei aktuellen Zinsen sind das etwa sieben Nettogehälter bei entsprechend höherer Einstiegstilgung. Zwanzig Prozent Eigenkapital erschien damals sinnvoll, das kann heute auch wegen der niedrigeren Zinsen etwas weniger sein, aber knapp zehn Prozent gehen für Grunderwerbsteuer, Notar und Abwicklungskosten drauf.
Der statistische Durchschnitt Thomas Müller, der mit seiner Frau Sabine auf rund 50000€ netto im Jahr kommt, kann also 350.000€ stemmen. Das gibt reichlich 100m² Neubau ETW in Offenbach-Zentrum, schon deutlich drunter im Hafenviertel und in Frankfurt kann er damit die Garage zum EFH bezahlen.
Für welche Zielgruppe die EFH-Neubaugebiete gedacht sind, ist damit ablesbar - das sind Leute, die durchaus eine Lobby haben.
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