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Alt 28.12.07, 14:54   #1
Der_Geograph
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Der_Geograph ist im DAF berühmtDer_Geograph ist im DAF berühmt
Die künftige Last der/s modernen Architektur/Städtebaus?


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Thread wegen dem eher allgemeinem/nicht nur Berlin spezifischen Thema aus dem Berlin-Bereich verschoben. Jo-King.

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Hallo ihr da!
Ich verfolge ja schon seit geraumer Zeit und mit großem Interesse die bauliche Entwicklung der Stadt Berlin. Und dieses Forum eignet sich ja besonders gut dafür, zu beobachten, -was- für Gebäude hier so errichtet werden. Und ich muss sagen, dass die Entwürfe einfach nur immer hässlicher geworden sind.
Die minimalistische Architektur nach Van der Rohe gefiel mir lange Zeit sehr gut. Aber was man sich heute zu bauen getraut, ist einfach nur die absolute Langeweile der Architekten; oder besser gesagt, der scheinbar kleine Geldbeutel der großen Auftraggeber. Der Gipfel ist ja wohl dieser triste Kubus am Hauptbahnhof. Ich meine, es wäre ja ein hervorstechendes Bauwerk, wenn es nicht schon x-mal in diesem Stil in der Stadt gebaut worden wäre. Es sieht einfach alles gleich und militant aus. Eben langweilig! Mittlerweile getraue ich mir sogar zu sagen, dass die Wohnbau-Architektur der siebziger kunstvoller war als die heutige. Ich nehme da jetzt mal gleich ein krasses Beispiel:



Dieser Wohnblock steht direkt vor meinem Fenster. Und ich finde ihn ansprechender als einen Großteil anderer moderner Gebäude in Berlin. Dieser Plattenbau hat eine einfallsreichere struktierte Außenfassade als viele der 12-stöckigen Neubauten am Potsdamer Platz. Er besteht also nicht nur aus 4 Wänden und einer Decke obendrauf. Und mit einer gut gewählten Farbwahl der Fassade wird daraus ein ansehnlicher Wohnblock. Schaut man genauer hin, kann man sogar noch weitere kleine Details erkennen, was bei dem Glaswürfel unmöglich ist/wäre.
Generell ist das Viertel um den Hauptbahnhof definitiv nicht bis kaum gelungen. Warum getraut man sich nicht mehr ein paar Fassadenelemente zu installieren, die über eine Glasscheibe hinausgehen!? Mit diesem Viertel kann ich mich als Mensch einfach nicht indentifizieren. Es strahlt all das aus, was man in der Regel als abstoßend empfindet; Eintönigkeit und Kälte. Warum riskiert man nicht ein paar Konstruktionen, die Wärme und Geborgenheit ausstrahlen? Ich gehe damit jetzt mal ganz weit zurück und sage, dass der Mensch ja wie alles Leben auch der Natur entstammt. Die Natur ist seine Heimat. Das ist Fakt. Und das wird auch immer so bleiben, ob sich der Mensch nun dagegen wehrt oder nicht. Warum also stemmen wir uns mit aller Macht dagegen, anstatt Gebäude zu planen, die uns an unsere Herkunft erinnern? Häuser dürfen durchaus eine gewisse "organische Ausstrahlung" haben.
Ein wirklich gelungenes Beispiel solcher moderner Architektur steht ebenfalls direkt vor meinem Fenster, direkt neben dem oben gezeigten Wohnhochhaus. Das "Castello". Es enthält ein kleines Einkaufszentrum sowie 193 Wohneinheiten:



Bei diesem Haus bekommt der Beobachter meines Erachtens nach wirklich das Gefühl, dass dieses "lebt". Der Mensch und das Haus sind eins. Klingt komisch, is' aber aber so.
Es könnten zumindest wieder ein paar Gebäude nach dem Stil der postmodernen Architektur errichtet werden. Zum Beispiel mit einer einfallsreicheren Anordnung der Fenster oder einer hellen Sandsteinfassade. Warum wird denn so nicht wieder weitergemacht!?

Ich hoffe zutiefst, dass sich die Stadt nicht mehr von diesen seelenlosen Klötzen einbrocken wird. Ansonsten kann man bald von einer Architektur à la "Seventies reloaded" sprechen. In ein paar Jahren schon wird man ebenjene Bauwerke schon als Bausünde ansehen. Genügend Differenzen diesbezüglich gibt es ja ohnehin schon. So fing es übrigens auch an, als den Stadtvätern vor 27 Jahren bewusst wurde, dass dies "Schrott" ist, was man dort baut.

Grüße,
Spirit84
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Alt 28.12.07, 17:21   #2
Schnack
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Schnack sitzt schon auf dem ersten Ast
Ich bin zwar kein Berliner, aber wenn ich mir die Bauprojekte, die so in letzter Zeit entstanden sind anschaue, dann sehe ich nicht ganz so schwarz. Man wird niemals irgendwo, in keiner Stadt komplett zufrieden sein mit dem was Stadtplaner beschließen und umsetzen. Ich denke man könnte in Berlin leicht auch viele gute Beispiele finden, wie moderne Architektur aussehen kann. Ich habe mir z.B. auf Skyscrapercity mal alle möglichen Bauvorhaben von Barcelona angeschaut und muss sagen, dass das viel trister und langweiliger war, als das was in Berlin gebaut wird! Auch in so ziemlich jeder anderen Stadt in Europa entstehen langweilige Kisten. Ich denke aber, dass sich das in einigen Jahren ändern wird, weil dieser Minimalismus bei vielen Menschen zunehmend unebliebter wird. In Berlin kommt aber noch ein was dazu, was man auf garkeinen Fall unterschätzen sollte, diese Stadt ist für "Stararchitekten" einfach interessanter als kleine Städte und so kommen eben viele nach Berlin ( Barcelona, Paris usw ) und propagieren die Schönheit von glatten, schnörkelosen Fassaden und dem ganzen Gerede von Offenheit, ehrlicher Architektur usw. Schaut man dagegen mal in die Provinz, wo sich keine Stararchitekt drum schert was dort gebaut wird, siehts ganz anders aus. Ich war erst gestern in Freiberg meine Verwandschaft besuchen und da werden so gut wie alle Neubauten dem traditionellen Stadtbild angepasst. Ein anderes Beispiel wäre Potsdam, wo man lange gerangelt hat um die alte Schlossfassade, während am Stadtrand Villen gebaut wurden im ganz traditionellen Stil. Es hängt also schon ne Menge vom Standort ab und wer alles mitredet, was im Endeffekt gebaut wird. Berlin ist eigentlich auf einem guten Weg hin zu einem sehr ansprechenden Stadtbild, obwohl du recht hast und der Würfel am Hauptbahnhof echt mies wird.
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Alt 28.12.07, 17:50   #3
Johnny
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Ich denke es wurde zu allen Zeiten sehr einheitlich gebaut, weil jede Epoche eben ihre bestimmten Merkmale und Stile hat. Sehr viel Kontraste gab es auch vor der Moderne nicht. Natuerlich faellt das in Berlin jetzt besonders auf, weil sehr viele Gebaeude in den Jahren nach der Wende entstanden sind und sich daher in gewisser Hinsicht gleichen.

Ich wuerde allerings nicht grundsaetzlich von schlechter Architektur sprechen, wie immer gibt es positive und negative Beispiele. Positiv meiner Meinung nach z.B. das Schuetzen-Karree von Rossi (Stararchitekt!) und einzelne Gebaeude am Potsdamer Platz. Aber es stimmt schon, oftmals sind moderne Gebaeude einfach nur einfallslos und langweilig. Das ist aber denke ich keine Schwaeche moderner Architektur sondern einfach nur Knauserigkeit der Bauherren oder schlicht Unfaehigkeit der Architekten. Dennoch hat Berlin IMO sehr gelungene und abwechslungsreiche moderne Architektur zu bieten, vor allem im Vergleich mit anderen deutschen Grossstaedten, was angesichts der writschaftlichen Probleme doch recht erstaunlich ist.
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Alt 28.12.07, 21:49   #4
AeG
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AeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein Lichtblick
Ihr könnt es nicht lassen. Immer die gleiche Leier!

Wie kann man denn bitteschön einen W66-Turm, den man sich durch's Fenster quasi "schöngucken" musste, mit einer Miniatur-Visualisierung aus der Zeitung vergleichen - und das Ganze dann noch als Aufhänger für die alte Debatte: Früher-War-Alles-Besser-Kontra-Die-Architekten-Von-Heute-Sind-Unfähig-Und-Die-Investoren-Geldgierig benutzen wollen?

Es scheint, trotz ausufernder Diskussionen inklusive zahlreicher, den historischen Realitäten näher kommender Ausführungen, immer mehr Leute zu geben, die mangelnden Sachverstand lieber mit waghalsigen Thesen zu kompensieren versuchen, die auf der individuellen Wahrnehmung und einer Portion Halbwissen fußen, statt sich zunächst mal mit den gesellschaftspolitischen (und daraus ableitbaren juristischen, technologischen und sonstigen) Hintergründen zu befassen, die zum Beobachteten führen. So, wie ich das wahrnehme, gibt in diesem Forum bald keinen Thread mehr, der nicht mit diesem Unfug zugemüllt wird.

Warum wird der Threadtitel eigentlich mit einem Fragezeichen bedacht, wo doch im zugehörigen Beitrag nur noch Aussagen zu finden sind? "So fing es vor 27 Jahren auch an ..." etc. Lächerlich! So fing überhaupt nichts an! Wenn der Autor des Threads vielleicht versuchen würde zu eruieren, warum wann und wo wie gebaut wurde, statt alles leichtfertig auf die Unfähigkeit seiner Zeitgenossen zu schieben, könnte das Kartenhaus sehr schnell einstürzen. Es gibt genügend Literatur zum DDR-Baugeschehen, zur deutschen Wohnungsituation nach 1945, zu den Motiven gründerzeitlichen Bauwahns und dessen äußerer Erscheinung, zu Architektenleistungen, zur rechtlichen Situation und sogar zum Thema Volkswirtschaft! Ich habe wirklich keinen Bock, hier alles zum tausendsten Mal runterzubeten. Man scheint eh gegen Windmühlen anzurennen. Jede individuelle gestalterische Leistung ausserhalb des eigenen Erfahrungshorizontes wird herabgewürdigt und jede reine Reproduktion des Vorhanden als Kunstfertigkeit verklärt. Heutige Notwendigkeiten werden, ebenso wie einstige Verfehlungen, einfach ignoriert, Hauptsache, man kann seine eigene Sichtweise durchboxen.

Selbstverständlich werden Fehler gemacht. Aber: je mehr Leute ein Wörtchen mitreden mögen, desto weniger wird sich das vermeiden lassen. Klar ist auch, dass sich (Fehl-)Entwicklungen zyklisch wiederholen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Küchentisch-Architekturtheoretiker die Deutungshoheit erlangt haben, oder? In dem Wahn, trotz offensichtlicher Scheuklappen alles besser wissen zu wollen, scheinen mir manche Beitragverfasser in diesem Forum ihren Feindbildern näher zu sein, als ihnen lieb sein dürfte.
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Alt 28.12.07, 23:17   #5
mik
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mik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblickmik ist ein Lichtblick
Ich kann Dir da schon irgendwo zustimmen AeG, aber dennoch ist eine gewisse Unzufriedenheit einer anscheinend größeren Gruppe medial immer lauter wahrzunehmen.

Ich denke trotzdem aber auch, dass die tatsächliche Unzufriedenheit mit der zeitgenössischen Architektur in Wirklichkeit viel geringer ist, als dies verkündet wird. zum einen sind die Unzufriedenen natürlich lauter als die Zufriedenen und zum anderen, da der Mensch immer dazu neigt in erster Linie Schwächen und Fehler im Ist-Zustand zu suchen und nur positives im Vergangenen zu sehen.

@Spirit84:
Was du da als "Natur" ansprichst hört sich für mich eher nach Sozialisation an. Strenge Geometrie ist genauso natürlich wie organische Kleinteiligkeit.
Auch Begriffe wie "Wärme" und "Kälte" beruhen zu großen Teilen auf dem persönlichen Erfahrungshintergrund. Du wirst dir wahrscheinlich nicht vorstellen können, dass es Menschen gibt, die eine graffitibeschmierte Sichtbetonbrücke als Teil ihrer Heimat akzeptiert haben. Und wenn diese Menschen irgendwo hinkommen wo es überhaupt keine solchen Brücken gibt, dann fühlen sie sich irgendwo weniger geborgen. Selbst wenn die Straße vielleicht Kopfsteinpflaster hat.
Mit anderen Worten: Ich fand den Pariser Platz in Berlin kalt und anonym. Eigentlich das Gegenteil dessen, was Pflaster und Blumenbeete versprachen. Der Potsdamer Platz war das zwar auch, der will aber auch nicht heimelig sondern beeindruckend sein und war insofern ok. Neben echtem "Leben" im Gegensatz zur Fassadenshow, spielt das direkte Umfeld noch eine riesige Rolle. Die zeitgenössische Architektur ist da durchaus sensibler, als so ziemlich alles, was vorher war!

Das gezeigte Wohnhochhaus sieht übrigens nicht schlecht aus. Es scheint historisch seine Zeit widerzuspiegeln. Außerdem harmonieren Proportionen und Gliederung der Fassade etc. miteinander. Es scheint für seinen Stil also ganz gut zu sein. Allerdings kann ich weder den Sprossen in den Fenstern, noch der Fassade, noch der Art der Balkone rein nach persönlichem Geschmack viel abgewinnen.

Ps: Was übrigens auch sehr wichtig ist, aber hier nicht diskutiert wird sind Grundrisse und Schnitte. Mal ganz im Ernst, bei uns an der Uni gibt's während den ersten 2 Semestern den Begriff Fassade in den ersten Entwürfen eigentlich gar nicht. Da geht es erst mal nur um räumliche Dinge.
Diese komplette Komplexität eines Gebäudes kommt erst langsam mit späteren Entwürfen. Aber Raum steht (und das ist irgendwo auch richtig so!) einfach erst mal an erster Stelle.

Geändert von mik (28.12.07 um 23:37 Uhr)
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Alt 29.12.07, 11:58   #6
Guderian
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Guderian könnte bald berühmt werden
Oh je mine, der AeG.

Ach AeG! Du kannst es nicht lassen. Immer wieder die gleiche Leier.

Völlig egal wie miniaturisiert die Visualisierung des Cube auch sein mag, für eine grobe Bewertung seiner Wirkung reicht es allemal. Dazu sind solche Visualisierungen schliesslich gedacht. Aber es braucht auch überhaupt kein Bildchen, um zu folgern, das ein würfelförmiges Gebäude dessen Fassade nur aus gläsernen Dreiecken bestehen soll, vermutlich nicht warm, weich und organisch wirken wird. Ebenso unnötig sind irgendwelche Aufhänger für eine Debatte über die Qualität zeitgenössischer versus historischer Architektur. Das früher alles besser war, ist einfach eine naheliegende (wenn auch verallgemeinernde) Feststellung, die sich mit tausenden Beispielen belegen lässt. Man muss sich nur mal die Abfolge der drei Lehrter Bahnhöfe anschauen. Erst die prachtvolle Bahnhofskathedrale, dann der gemütliche Backstein-S-Bahnhof und zum Schluss die seelenlose Stahlträgerorgie. Wer nicht erkennt, das da über die Zeit ein ästhetischer Niedergang stattgefunden hat, muss von Blindheit geschlagen sein. Du könntest ja den Gegenbeweis antreten, aber deine Besserwisserei und dein Getue persönlichen Beleidigtseins, ob der Nichtwürdigung zeitgenössischer Architektur, wird die These wohl kaum entkräften können.

Dafür das du hier das Fachgenie sein möchtest, ist deine Kernaussage (jede Architektur ist ein Produkt ihrer Zeit) eine ziemliche Binsenweisheit. Weshalb sich überhaupt in einem Architekturforum anmelden, wenn doch eh schon alles durch die gesellschaftspolitischen, juristischen, technologischen und sonstigen Hintergründe bestimmt ist? Neben der rein technokratischen Sichtweise auf die Architektur gab es immer auch eine kulturelle, künstlerische und psychologische Sichtweise, die du in deinen Betrachtungen vehement ignorierst. Es gibt reichlich Erkenntnisse über die Schönheitswahrnehmung und das Wohlbefinden des Menschen in Abhängigkeit von bestimmten Farben und Formen, die ebenso wissenschaftlich fundiert sind. Ausserdem hat Spirit84 ganz bewusst zwei Neubauten miteinander verglichen. Also zeitgenössisch bessere versus zeignössisch schlechtere Architektur. Es kann sich also nicht nur um die individuellen Wahrnehmungsstörungen einzelner Historismus Freaks handeln, die zu einer kritischeren Betrachtung des aktuellen Baugeschehens führen.

Dein Versuch den ungebildeten Küchentisch-Architekturtheoretikern jede Deutungsfähigkeit abzusprechen, ist ebenso lächerlicher wie fruchtlos. Aus gutem Grund lässt man Küchenchefs nicht die Qualität ihrer eigenen Gerichte bewerten, sondern beschäftigt zu diesem Zweck Feinschmecker. Das sich manche Architekten als Einzige dazu im Stande sehen, ihre Machwerke angemessen zu bewerten, is ja gerade die Ursache von durch Betriebsblindheit ausgelösten Zyklen schlechten Geschmacks. Die Güte von Bauwerken sollte eben gerade von Jenen bewertet werden, die diese täglich nutzen oder direkt vor ihrem Fenster ertragen müssen. Dann wäre auch sichergestellt, das nicht ganze Architekturdekaden von selbstverliebten Köchen mit zuviel Beton versalzen werden. In diesem Punkt solltest du vielleicht deinem Kein-Bock-Gefühl nachgeben und deinen tausendsten Versuch, diktatorisch über die Gruppe der Auserwählten zu bestimmen, welche würdig genug sind um die Qualität zeitgenössischer Architektur zu bewerten, ein für allemal aufgeben. Architekten hatten nie die alleinige Deutungshoheit über ihre Produkte und werden sie niemals haben. Du rennst tatsächlich gegen Windmühlen und wirst deine Monsterhorden ungebildeter Architiktur Laien nicht besiegen können.
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Alt 29.12.07, 13:32   #7
Guderian
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Guderian könnte bald berühmt werden
@mik:
Die Fassaden von Gebäuden müssen dem Auge des Betrachters immer wieder etwas Neues und hinreichend Komplexes zum Analysieren bieten, um als schön empfunden werden zu können. Dazu ist eine viel höhere Strukturiertheit und Varrianz verschiedener Fassadenelemente nötig, als sie die Rechteckgitter zeitgenössischer Gebäude bieten können. Nicht nur Begriffe wie "Wärme" und "Kälte" beruhen auf einer Sozialisation. Auch jedes Gebäude existiert innerhalb eines auf Überlieferung beruhenden Kulturkreises, dem es Rechnung tragen muss. Der "Raum" darf eben gerade nicht an erster Stelle stehen, sondern die "Umgebung" des Raums also die Gesellschaft, in die ein Gebäude eingepasst werden soll.

Statik, Flächen und Kosten, mit denen sich die Architekten hauptsächlich beschäftigen, sind nur Constraints (Nebenbedingungen), die erfüllt werden müssen. Sie haben aber mit der eigentlichen Aufgabe des Architekturentwurfs nichts zu tun. Der Architekt ist ein Künstler, der ein fesselndes Bild entwerfen muss, das mit dem Betrachter in einer ihm bekannten Formensprache redet. Dafür, das er dabei nicht über den Rahmen hinaus malt (alle Constraints erfüllt), hat der Architekt nebenbei zu sorgen. Ein Architekt muss Maler sein, nicht Anstreicher. Er muss ein Motiv schaffen und nicht nur die Leinwand mit einer Farbe füllen. Viel zu oft geben sich Architekten damit zufrieden alle Nebenbedingungen erfüllt zu haben, ohne mit ihrer eigentlichen Arbeit überhaupt begonnen zu haben.

Graffitibeschmierte Sichtbetonbrücken können deswegen sehr leicht Teil einer Heimat werden, weil Graffitis nicht aus standadisierten, einfarbigen Buchstaben derselben Typographie und Größe bestehen. Sondern eine eigene kulturelle Formensprache bilden, die den modernen Fassaden meist fehlt. In gewisser Weise rettet der Sprayer mit seiner Arbeit oft ein misslungenes Fassadenbild durch Übermalung. Es gehört sogar mit zum Selbstverständnis der Graffitikünstler, das sie mit ihren Bildern die oft triste Architektur der Städte verbessern (rekultivieren) wollen. Ziel eines Architekten muss es sein, auch ohne "Verschönerung" durch Sprayer ansehnliche Gebäude zu entwerfen. Auch dafür können geometrische Formen verwendet werden, diese müssen aber zwingend auch dekorativ-künstlerisch und nicht nur zweckmäßig eingesetzt werden.

Der Grundkonflikt liegt in der Frage: Baue ich für einen Platzbedarf oder baue ich für Menschen? Richte ich mich nach dem Ersteren und betrachte nur den benötigten Raum, dann entstehen hocheffiziente Versorgungssysteme, die prächtig funktionieren, aber auf soziale Lebewesen wie Gefängnisse wirken. Der Mensch benötigt Kultur, d.h. unnötige und nutzlose Rituale, Formen und Muster, die nur der Überlieferung entspringen und keinen eigentlichen Zweck erfüllen. Über Jahrtausende haben sich überall auf der Welt regionale Baustile mit einer Vielzahl nutzloser aber dazugehörender Ornamente entwickelt, die den Menschen Wiedererkennung und damit eine Heimat gegeben haben. Heute bauen die Architekten weltweit die gleichen schmucklosen Schuhkartons und behaupten auch noch:
Zitat:
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Die zeitgenössische Architektur ist da durchaus sensibler, als so ziemlich alles, was vorher war!
Guderian ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.01.09, 16:45   #8
Jaguar-XKSS
 
Beiträge: n/a
Kommentar eines Leser im Zuge einer negativen Bewertung dieses Beitrages:

die moderne hat das ornament nicht gänzlich vermäht, sondern es wieder zu dem gemacht, was es vor dem 19.Jhdt. war, nämlich Ornament und N I C H T Dekor. die argumentation ist doch etwas zu flach

...solche "konstruktiven Aussagen" sollte man doch öffentlich posten !!! Oder hat da jemand Angst vor einer negativen Bewertung dieser Falschheit ? Manchmal frage ich mich schon ernsthaft....Ornament IST die Bezeichnung für Dekor in der Baukunst.....

Geb dich doch bitte zu erkennen und schicke mir eine PN !

Geändert von Jaguar-XKSS (07.01.09 um 17:25 Uhr)
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Alt 07.01.09, 16:30   #9
Batō
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Edit #67: Beitrag getrennt und entsprechenden Teil hierher verschoben. Ein User der einen anderen negativ bewertet hat muss und sollte sich auch nicht zu erkennen geben. Der Inhalt des Bewertungskommentar kann hier jedoch trotzdem gerne diskutiert werden.
Batō
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Alt 07.01.09, 17:09   #10
Jaguar-XKSS
 
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Grundsätzlich habe ich nichts gegen negative Bewertungen, ich habe genügend Beiträge geschrieben, in denen ich meine subjektive Meinung kundgetan habe und damit die Grundlage für gerechtfertigte Negativbewertungen geschaffen habe.

Aber zu diesem recht nüchtern und sachlich formulierten Beitrag eine Negativbewertung zu erhalten mit einer derartig unqualifizierten Begründung halte ich für nicht angebracht, sondern für einen Ausdruck persönlicher "Gefühle".



Aber da ich gerade in diesem Thread bin, so lasse ich mir doch die Gelegenheit nicht entgehen, auch zum eigentlichen Thema etwas zu sagen.

Anfang der 20iger Jahre machte sich wohl ein bis heute nicht nachgewiesenes, tollwutähnliches Virus breit, das bei Menschen zu Veränderungen im Stirnhirnbereich führte. Aus diesen Veränderungen resultierte dann u.a. der bis heute anhaltende "Zeitgeist der Moderne".

Das blau(äugig)schimmernde Glas, das helle(blonde) Licht, die tüchtigen, uniformierten weißen Gestalten, welches die Grundlagen der Architekturgestaltung der 1000jährigen Moderne sind, werden wohl auch weiterhin die unerschütterliche Realität bleiben.

Voll Stolz und ohne mit der Wimper zu zucken werden die Verfasser auch weiterhin an den berghoch aufgetürmten, von unnützer Kleidung (Ornament) befreiten, schlanken Baukörpern vorbeischlendern, wohl wissend, dass sie das richtige getan haben.

Kurz um, Moderne, du verdrängst, wer du und deine Väter sind.

Geändert von Jaguar-XKSS (14.01.09 um 17:13 Uhr)
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Alt 21.05.09, 20:20   #11
Johnny
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Johnny sorgt für eine nette AtmosphäreJohnny sorgt für eine nette AtmosphäreJohnny sorgt für eine nette Atmosphäre
Wie wäre es denn z.B. wenn man bei Neubauten die Fenster rot-braun umrandet, entweder mit Farbe oder mit einem Sandstein-Imitat? Der rotbraune Sandstein ist doch typisch für die Frankfurter Region. Oder Fensterläden im Südwesten Deutschlands? Das sind doch simple Massnahmen die etwas Identität, Einzigartigkeit und auch Schönheit verschaffen. Man zeigt dadurch auch Verbundenheit mit der Region und hebt sich vom simplen und langweiligen Einerlei ab. Und natürlich sind das keine pseudo-historischen Gebäude, sondern moderne, die auch als solche zu erkennen sind.
Ich denke dabei übrigens nicht nur an innerstädtische Prestige-Projekte, sondern auch an ganz normale Wohngebiete.
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Alt 24.12.10, 16:39   #12
K.Dallas
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K.Dallas befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Flachdächer stürzen unter Schneelast ein

Der zweite harte Winter in Folge. In manchen Regionen stürzen Hallendächer unter Schneelast ein. Die Polizei warnt dort vor dem Betreten der Flachdächer. In schneereichen Ländern gibt es gesetzlich vorgeschriebene minimale Dachneigung, die das Runterrutschen der Schneemassen ermöglicht.

Sollte man die bevorzugte flache Dachform der Moderne aufgeben?

== Einzelnachweise ==
* http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,736531,00.html
* http://de.wikipedia.org/wiki/Dachneigung
* http://www.gutefrage.net/frage/warum...-giebeldaecher
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Alt 16.07.11, 19:59   #13
PhilippK
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PhilippK ist im DAF berühmtPhilippK ist im DAF berühmt
Aber wirklich. Wenn Kiste neben Kiste mit vielen Schiessscharten auch nur irgendeinen architektonischen Wert besitzen sollen, frage ich mich wie man sich ueber Plattenbauten aufregen kann. lst doch auch super-rationalistische Formensprache. Das ist dieses architektonische Fachsprech, welches ich als 08/15 Person nicht kapiere - nicht wert schaetze.
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Alt 17.07.11, 11:50   #14
Gurke
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Beiträge: 117
Gurke könnte bald berühmt werden
Tja, so unterscheiden sich halt Geschmäcker, kein Grund, gleich patzig zu werden.

Ob "Minimalismus" oder "Rationalismus" - ich finde schon, dass viele Gebäude, die in den letzten Jahren in Berlin entstanden sind, eine ähnliche Architektursprache aufweisen. Nun mag man über ihre Ästhetik streiten, aber ich finde es gut, dass Berlin langsam zu seinem Stil findet, was sich gerade im öffentlichen Bausektor äußert. Denn im Unterschied zum Bundeskanzleramt, das schon anfängt zu bröckeln, werden diese Gebäude wegen ihrer hochwertigen Fassadenmaterialien sehr wahrscheinlich "schöner" altern und fügen sich wegen ihrer Zurückhaltung auch besser ins Stadtbild ein.

Und Philip: du vergleichst diese Gebäude nicht allen Ernstes mit Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit, oder? Denn sonst könnte ich mir die ganze Diskussion auch gleich sparen.

Und der Satz, dass Architektur "bedeutsam" sein soll? Wie zu Wilhelms Zeiten. Aber nicht dem Ersten. Sondern dem Zweiten.... hihi.

Geändert von Gurke (17.07.11 um 12:08 Uhr)
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Alt 17.07.11, 12:01   #15
paderwan
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paderwan ist essentiellpaderwan ist essentiellpaderwan ist essentiellpaderwan ist essentiellpaderwan ist essentiellpaderwan ist essentiellpaderwan ist essentiellpaderwan ist essentiellpaderwan ist essentiell
^^ da sind jetzt aber einige inhaltliche Fehler drin. Das Potsdamer Schloss war kein Bauwerk des "Historismus des 19. Jahrhunderts" [sic!], sondern Barock mit noch älteren Grundmauern. Dies gilt auch für die andern Bauwerke am Alten Markt in Potsdam mit Ausnahme des Palasthotels. Die Synagoge ist nicht am Schloss gescheitert (ist sie es überhaupt?), sondern an internen Streitigkeiten der Fraktionen.
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