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Alt 21.07.08, 11:23   #1
Agamemnon
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Agamemnon ist ein geschätzer MenschAgamemnon ist ein geschätzer MenschAgamemnon ist ein geschätzer MenschAgamemnon ist ein geschätzer Mensch
Gute Reko - böse Reko (Grundsatzdebatte)

Hier mal ein Versuch, die in verschiedenen Themen evtl. deplazierten Grundsatzdebatten/Streits zum Thema Rekonstruktionen und deren Rechtfertigung und Leistungsfähigkeit an einem anderen Ort weiterzuführen.
- Zum einen, da sie mich durchaus z.T. durchaus interessieren, zum anderen um vielleicht ein "Auffangbecken" für die immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen zum Thema zu haben, ohne andere Threads weiter aufblähen zu müssen.
Ob das Thema hier richtig platziert ist, wird sich denke ich zeigen, falls sich jemand beteiligt.

Hier ein paar Punkte, die in den verschiedenen Threads oft eine Rolle spielen:
  1. Bauausführung bei Rekos - Fassade und Statik
  2. Kritische Rekos wo und wie?
  3. Rekos und ihr Zeitgenössisches Umfeld
  4. Rekos und Städtebauliche Umsetzung
  5. Rekos als Identifikationsfaktor

Werde zu den einzelnen Punkten natürlich auch noch was schreiben - falls in der Zwischenzeit jemand was dazu schreiben oder die Liste erweitern möchte, würde ich mich freuen.
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Alt 21.07.08, 12:22   #2
AeG
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AeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein Lichtblick
6. Rekos als Beleg für das Versagen der Moderne
7. Rekos als Beleg für das Versagen der Kritiker der Moderne*



__________

* ... angemessene Antworten auf die heutigen Probleme zu finden, die über das Wiederbeleben eines verklärten Zustandes aus der Zeit des am besten erhaltenen historischen Postkartenmotives hinausgehen
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Alt 21.07.08, 12:34   #3
necrokatz
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necrokatz ist ein hoch geschätzer Menschnecrokatz ist ein hoch geschätzer Menschnecrokatz ist ein hoch geschätzer Menschnecrokatz ist ein hoch geschätzer Mensch
Qualität der Rekonstruktion und der Vergleich mit dem Original. Soll heißen, werden nur bestimmte Elemente kopiert oder möglichst vollständiges Nachahmen.

Kosten und Nutzen, ist der eventuelle Gewinn an kopierten Sehenswürdigkeiten mit den zu erwartenen Kosten zu vereinbaren.
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Alt 21.07.08, 12:38   #4
wmeinhart
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wmeinhart ist ein hoch geschätzer Menschwmeinhart ist ein hoch geschätzer Menschwmeinhart ist ein hoch geschätzer Menschwmeinhart ist ein hoch geschätzer Mensch
da fällt mir aber auch ein:

8. Reko als Ausdruck des herrschenden konservativen Zeitgeistes


zu 1) nicht unbedingt als eigener Punkt: moderne Brandschutzvorschriften, Raumhöhen, Vorschriften über Treppenneigung/Stufenlänge
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Alt 22.07.08, 01:05   #5
Agamemnon
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Agamemnon ist ein geschätzer MenschAgamemnon ist ein geschätzer MenschAgamemnon ist ein geschätzer MenschAgamemnon ist ein geschätzer Mensch
Ok, denn mal los:

Die Punkte, die nichts mit konkreten baurechtlichen oder rein bautechnischen Fragen zu tun haben, drehen sich alle zunächst
mal um die grundsätzliche Motivation für die Rekonstruktion eines am gegebenen Ort nicht mehr oder nur noch rudimentär vor-
handenen Bauwerks. Die hier im Forum und auch in anderen öffentlichen Debatten geäußerten Meinungen/Argumente, die aus-
schließlich als Pro-Reko-Argumente funktionieren, lassen sich vielleicht wie folgt zusammenfassen:

-) Rekonstruktion als Chance, nicht mehr zeitgenössisch (wobei Reko selbst in diesem Fall nicht das Label "zeitgenössisch"
trüge) bauen zu müssen, das führt zu:
-) alle Bauten, die außer der jeweilig bevorzugten Reko am selben Ort stehen könnten, hätten nicht dasselbe Recht eben dort zu
stehen, genauso wie:
-) alle Bauten, die Altbauten der jeweilig bevorzugten Epoche ersetzen haben ebenfalls nicht dieses Recht. Begründen lässt sich
dies durch:
-) die Bauten der jeweilig bevorzugten Epoche waren schöner/besser ausgeführt/standen für verlorene Werte, die so wiederbelebt
werden sollen/erfüllten ihre Funktion besser, oder etwas pragmatischer:
-) die Bauten der jeweilig bevorzugten Epoche gehören zum jeweiligen Genius Loci, der durch Rekos wiederbelebt werden muss,
u.a. deshalb:
-) sind sie eine von Einwohnern (Stichwort "Identität" oder eigentlich richtiger "Identifikation") und Besuchern begrüßte Maßnahme
und damit auch:
-) ein Wirtschaftsfaktor (Tourismus)

Die Kontra-Reko-Argumente funktionieren ähnlich, aber mit anderen Vorzeichen, zu erwähnen sind hier im Besonderen:

-) die Bestandsbauten gehören zum jeweiligen Genius Loci, der durch Rekos verfälscht wird, was sich verknüpfen lässt mit:
-) Rekos nehmen der zeitgenössischen Architektur (wobei Reko natürlich auch in diesem Fall nicht das Label "zeitgenössisch"
trüge) ihren rechtmäßigen Platz, da:
-) heute mit anderen Mitteln andere Gebäude gebaut werden können, genauso wie man zuvor Gebäude mit den Mitteln ihrer Zeit
baute - die Argumentation zeitgenössisch = zeitgemäß erfährt Unterstützung durch:
-) Nicht-Rekos sind billiger und funktioneller und damit schließlich auch:
-) ein Wirtschaftsfaktor (günstige und verfügbare Flächen)

(Falls hier jemand was ergänzen möchte, ist er natürlich willkommen.)

Eingedenk dessen mal ein paar Schnellschüsse zu #1 - #3:

@AEG/zu 6. und 7.:
Wenn wir 6. als Versagen der Kritiker der "Nicht-Moderne" oder "Außermoderne" umformulieren, wäre die gebaute Reko neben
der gebauten Reko wohl am ehesten Ausdruck des Versagens beider - das ist die idealistische Sichtweise.
Dass der Wunsch nach Rekos nun stärker ins öffentliche Bewusstsein tritt, wird sicher vom wenig geglückten Städtebau der 60er
70er begünstigt, mit dem eben auch die damals dominierenden Baustile assoziiert werden - was auch in der Theorie gar nicht mal
so verkehrt sein dürfte. Dass die oft mäßige Bauausführung dieser Zeit (wobei das ja eher die 50er treffen sollte) ebenfalls in das
Meinungsbild einfließt, ist dann allerdings nicht mehr sauber aber wohl Fakt.
Insofern die gebaute Reko als Realisierung dieses Wunsches gilt, muss man sie so ernst nehmen wie alles andere, was irgend-
wann mal als Ersatz für etwas anderes gebaut wurde. In dieser Sichtweise macht es allerdings eigentlich nur noch bedingt Sinn,
Rekos als etwas besonderes abgrenzen zu wollen.
Als Beleg für das argumentative Versagen der Kritiker der Moderne kann man Rekos natürlich sehen, wenn man es denn als
solches Versagen sieht und wenn man nur die Motivation für den Bau als Maßstab für dessen Wirkung und Funktion anlegt, was
vielleicht etwas zu kurz gesprungen sein könnte.
(Argumentatives Versagen der Kritiker der Moderne würde ich es allerdings unterstellen, wenn man den Wunsch nach Rekos als aus
einer "unverdorbenen" Zeit herrührenden Wunsch nach "wahrer" Schönheit oder dergleichen sähe - die genuin zeitgenössichen Ele-
mente in solchen Bewegungen zu verkennen/verkennen zu wollen ist schlicht unlauter, mindestens aber unreflektiert.)

@wmeinhart/zu 8.:
In Teilen sicher so. Der Ruf nach Rekos als Botschafter einer besseren alten Zeit mag ein weitgehendes Unbehagen gegenüber der
eigenen Zeit ausdrücken, das einzige Argument wird das aber kaum sein (s.o.). Ob es ein tragendes ist, ist eine weitgehende aber
spannende Frage...

So, muss das jetzt leider mal unterbrechen ohne necrokatz und mir selbst antworten zu können - das kommt aber auch noch.
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Alt 22.07.08, 02:37   #6
AeG
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AeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein LichtblickAeG ist ein Lichtblick
Ich habe ein paar Schwierigkeiten, Dir zu folgen, sorry! Was bedeutet z. B. "die gebaute Reko neben der gebauten Reko" ?


6. Das Versagen der Moderne (wobei das begrifflich nicht ganz hinreichend ist, allerdings dem Sprachgebruch der Kritiker entspricht) besteht ja darin, dass sie es trotz ihres Anspruches, trotz hervorragender Einzelleistungen und trotz der Orientierung an den Bedürfnissen der 'Masse' sowie deren weitgehende formelle Befriedigung verfehlt hat, die Akzeptanz breiter Schichten zu erlangen (bzw. wurde diese verspielt). Ob die Ursachen dafür tatsächlich architektonischer und städtebaulicher Natur sind oder ob es sich dabei um einen Nebenschauplatz allgemeiner gesellschaftlicher Konflikte, des ungeübten Umgangs mit Meinungsfeiheit, des steten Wertewandels und damit um simple 'Mode'-Zyklen handelt, die gerade mal auf Retro stehen, und in wie weit die jeweilige Kritik sachlich berechtigt ist, kann ein Thema dieses Threads sein.


7. Den hatte ich ja in einer Fußnote bereits näher erläutert. Nochmal detaillierter: Sofern der Bestand aus der (nach-)modernen Ära Anlass zur Kritik gibt, wird stets die Wiederherstellung eines konsensualen vormaligen Ist-Zustandes gefordert. Es hat jeweils der Zustand die besten Chancen, der wegen des zeitlichen Abstandes, wegen der quantitativ höchsten Schmuckdichte und wegen der unverfänglichsten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (jedenfalls der kolportierten) das größte Verklärungs-Potential besitzt. Dabei stehen die heutigen Anforderungen, die finanziellen, technischen, politischen und sonstigen Bedingungen oft in krassem Widerspruch zur Rekonstruktion zahlreicher Bauten. Dieser Konflikt wird von den Kritikern der Moderne einseitig zu Gunsten des impliziten Wohlbefindens an Orten mit historischen Fassaden verdrängt, obwohl letztlich auch sie von den möglichen negativen Auswirkungen solcher Entwicklungen betroffen sind. Versagen deshalb, weil es den heute Lebenden im Gegensatz zu ihren Vorfahren und trotz der vehementen Kritik am Ist-Zustand nicht gelingt, mindestens eine allgemeingültige Sprache zu finden, die allen Erfordernissen weitestgehend gerecht wird. Warum darf am ehemaligen Standort eines Fachwerkhauses mit den Maßen x×y×z und der Fassade Sowieso auch nur über die Wiedererrichtung des Gleichen nachgedacht werden? Ist die Imitation von Bauten aus einer anderen Zeit (oder von einem anderen Ort; Stichwort Hochhaus) die Kapitulation vor der Bewältigung der tatsächlichen Bedürnisse?
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Alt 22.07.08, 06:53   #7
Bewacher
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Bewacher hat die ersten Äste schon erklommen...
Zitat:
Zitat von AeG Beitrag anzeigen
Es hat jeweils der Zustand die besten Chancen, der wegen des zeitlichen Abstandes, wegen der quantitativ höchsten Schmuckdichte und wegen der unverfänglichsten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (jedenfalls der kolportierten) das größte Verklärungs-Potential besitzt. Dabei stehen die heutigen Anforderungen, die finanziellen, technischen, politischen und sonstigen Bedingungen oft in krassem Widerspruch zur Rekonstruktion zahlreicher Bauten.
Hä? Etwa die WirtschaftsWoche schreibt ab und zu über die Bedeutung der visuellen Eindrücke beim Shoppen - etwa im Jahr 1999 im Special Zurück in die City (oder so ähnlich), wo auch die Bedeutung der historischen Umgebung betont wurde. Diese wird immer wieder erwähnt - stets die gleichen Kästchen mit stets den gleichen Filialen können ja keinen locken. Haben die Herren Architekten etwas gegen die Kompetenz der WirtschaftsWoche in den wirtschaftlichen Fragen einzuwenden? (Ich verrate es gleich: Meine zweite Fakultät war Informatik+Management, in der Diplomarbeit habe ich mich u.a. mit den betriebswirtschaftlichen Computersimulationen beschäftigt).

BTW: Ist das nicht eine schöne Altstadt? Im Krieg wurde sie fast vollständig zerstört und ohne unnötige überlange Diskussionen wie selbstverständlich wiederaufgebaut - heute gehört sie zum UNESCO-Welterbe (s. hier).

------------------------

Nachtrag: Wenn ich mich richtig erinnere, die Immobilien Zeitung hat im Januar 2008 in der Printausgabe historische Städte wie Hildesheim und Heidelberg mit ähnlich großen anderen wie Ludwigshafen verglichen - und als belegt festgestellt, dass die Entwicklung der Mieten und der Immobilienwerte in den historischen Städten wesentlich besser verläuft. Dabei - Hildesheim wurde nach dem Krieg zum großen Teil wiederaufgebaut - darunter der Dom, der ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, das Knochenhaueramtshaus und viele weitere Fachwerkhäuser am Marktplatz (siehe hier).

Geändert von Bewacher (22.07.08 um 08:05 Uhr)
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Alt 26.06.09, 13:35   #8
NewUrban
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NewUrban könnte bald berühmt werden
Hinweis der Moderation: Dieser und nachfolgender Beitrag wurden aus dem Thread "Dresden-Waldschlösschenbrücke" hierhin verschoben. Cowboy.

Schade nur, dass es diesen Kampf nicht da gegeben hat, wo es sinnvoll gewesen wäre. Denn die Kulturlandschaft, die sich dort befindet, ist historischer und bedeutender, als dieses potemkinsche Dorf "Neumarkt".
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Alt 26.06.09, 17:06   #9
LEgende
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^ Ähm, den Kampf gab es sehr wohl. Aber es kam eben trotzdem zu dem nun bekannten Ergebnis. Da ja gern behauptet wird, der Neumarkt sei ein potemkinsches Dorf: Was wäre denn die konkrete Alternative gewesen? Die üblichen Glas- und Stahl-Buden wie sie jetzt am Brühl in Leipzig und z.B. auch bei der neuen Leipziger Uni entstehen? Na prima!

Statt zu meckern und alles als zu polemisieren, sollte man mal die Mitglieder der GHND für ihr gesellschaftliches und bürgerliches Engagement loben, dass sie über 10 Jahre gegen die Politik, die Modernisten-Gilde und die übliche Investoren-Lobby ein Konzept größtenteils durchgesetzt haben, welches echte Aufenthaltsqualität geschaffen und auf den gesichts- und geschichtslosen Städtebau in Deutschland seit der Zerstörung deutscher Städte, eine identitätsstiftende Anwort gegeben hat. Da engagieren sich Bürger ehrenamlich, kostenlos, für die Wiedergewinnung eines Teils komplett untergegangener Stadt um ihr wenigstens in gewissen Teilen wieder ein wenig von dem zu geben, was sie einst zur europaweit bekannten Stadt machte.

Und ganz wichtig: Welches unter dem Strich einen echten Mehrwert für die Bürger Dresdens, als auch seiner Besucher geschaffen hat und von den Bürgern mehrheitlich gewollt und unterstützt wurde und wird! Wer, wenn nicht die Bürger sollen über den Städtebau entscheiden? Sollen lieber Geschichtshistoriker, Investoren oder der Baubürgermeister darüber entscheiden? Dann schaffen wir reine Kommerzstädte, in denen heute immer weniger Bürger leben wollen, weil sie sich nicht wohl fühlen.
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Alt 28.08.09, 01:39   #10
RobertKWF
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Es lag die Welt in Scherben

Geschichte der Rekonstruktion des Goethe-Haus in Frankfurt am Main.

Gehört vielleicht eher in einen Frankfurter Strang, passt aber vielleicht auch hier. Ein Artikel in der FAZ.NET vom 27. August 2009 aus Anlass des Goethe-Geburtstags:
http://www.faz.net/s/RubFAE83B7DDEFD...~Scontent.html

Jeder mag für sich selbst entscheiden, ob hier eher Argumente gegen eine Rekonstruktion beinhaltet sind, oder ob der Artikel, bzw. die Geschehnisse um das Goethe-Haus, Anregung sind, weitere kriegserstörte wertvolle Gebäude, Ensembles oder Areale zu rekonstruieren. Dabei werden diejenigen, die eher sachlich kühl und nur nach vorn schauend daherkommen wollen, sicher anders entscheiden, als diejenigen, die der Geschichte, der Historie, den Gefühlen und auch der Romantik, für sich selbst Raum geben.

Um wie viel ärmer wäre Frankfurt heute, ohne das rekonstruierte Goethe-Haus und die sonstigen, nach dem Krieg rekonstruierten Gebäude. Kritiker der Rekonstruktion werden jetzt vielleicht anmerken wollen, dass aber teilweise noch Substanz vorhanden war. Doch wo genau liegt da die Grenze? Und, wie weit unterscheiden diese sich dann wirklich von einer Total-Rekonstruktion? Und, sollen also die Stadt und ihre Bürger für immer auf all diese wunderbaren, im Krieg zerstörten Gebäude verzichten, die auch so wertvoll für die eigene Identität sind, nur wegen der ideologisch gefärbten Ansichten einiger Weniger. Sehr oft schon wurde diese Frage durch einen Wiederaufbau oder eine Rekonstruktion erfolgreich beantwortet.
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Alt 07.12.09, 02:51   #11
RobertKWF
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Es ist an der Zeit, endlich mal die bestehenden Möglichkeiten, zerstörte historische Gebäude oder Ensembles auf dem Originalgelände rekonstruieren zu können als Glücksfälle und einmalige Chancen zu begreifen. Es ist meist die sehr seltene Möglichkeit, faszinierende Bauten und Ensembles für die Menschheit praktisch zu retten. Ähnlich wie bei einem alten Gemälde welches für enormes Geld erworben und mühevoll restauriert wird, damit es im öffentlichen Museum von Jedermann betrachtet und in Natura nämlich erlebt werden kann.

Wenn auf einem in Frage stehenden Gelände irgendetwas anderes gebaut wird und sei es noch so schön und wertvoll, so wird das ursprüngliche Werk aber für immer für die Menschheit verloren sein. Nur noch in Bildern ist es dann noch sichtbar. Sinnbildlich in etwa so, als wenn ein Gemälde in einer Privatsammlung verschwindet und wenn überhaupt, nur noch Fotos davon zugänglich sein werden. Einen guten Neubau kann man immer auch auf einem anderen Gelände ohne wertvolle, bauliche Vorgeschichte verwirklichen.

Wenn ein Gemälde beispielsweise einmal verbrennen sollte, wäre man überglücklich, wenn dann doch noch die Kopie (Reko) eines hervorragenden Fälschers auftauchen würde.


Postet von RKWF am 07.12.2009 im DAF Strang "Gute Reko – böse Reko (Grundsatzdebatte)" direkt hinter #35

Geändert von RobertKWF (07.12.09 um 03:12 Uhr)
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Alt 11.12.09, 08:57   #12
kato2k8
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Zitat:
Zitat von RobertKWF Beitrag anzeigen
@kato2k8 #37 und #39 :
Wäre ein guter Anfang für einen eigenen Grundsatz-Strang.
Das Sanierungskonzept Rohrbach ist jetzt in diesem Thread zu finden.
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Alt 08.06.16, 12:02   #13
lna1990
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lna1990 befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Rekonstruktion Denkmalpflege

Zur Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema der Rekonstruktion in der Denkmalpflege - sprich meist im Krieg zerstörte Gebäude werden wieder aufgebaut.

Oftmals werden die Fassaden auf Grundlage alter Fotos und Pläne rekonstruiert, dahinter verbirgt sich allerdings ein neuer Grundriss mit dem neuesten Stand der Technik (Attrappen-Architektur). Städte wollen so den Tourismus ankurbeln (Frankfurt Main Römer / Dresden Neumarkt?).
Natürlich gibt es auch Fälle, wie den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden, bei dem die Bevölkerung dies vorantrieb und Spenden sammelte.

Nun würde ich gerne ein allgemeines Stimmungsbild zu diesem Thema einholen.
Was sind Gründe für oder gegen die Rekonstruktion von zerstörten Gebäuden. Gibt es gute Beispiele für geglückte Rekonstruktionen? Wie ist die allgemeine Auffassung zu diesem Thema?...
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Alt 09.06.16, 10:32   #14
Häuser
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Ich kann nur für Hamburg sprechen:

Wurde in HH bereits diskutiert:
http://www.deutsches-architektur-for...ead.php?t=5532

Mangels royaler Residenzen besitzen wir hier weder Schlösser , noch Burgen (ausgenommen Bergedorfer Schloss) . Dank des Großen Brandes 1842 und der Bombardierung Operation Gomorrha 1943 wurde die Stadt 2 mal innerhalb kürzester Zeit fast komplett zerstört. Nur zehn Prozent aller Gebäude in Hamburg sind 100 Jahre oder älter

Die größte Zerstörung gab es allerdings erst nach der Bobardierung, als sie Stadherren meinten, alles alte verschwinden lassen zu müssen, Stadtteile "modern" umgestalten wollten und Gebäude wie den alten Altona Bahnhof in den 70ern abrissen. Heute bereut man den Abriss zutiefst.

Hier gibt es schlichtweg nichts zu rekonstruieren. Bis auf die Kirche St Nikolai
http://www.deutsches-architektur-for...p?t=332&page=4

Fragt sich, ob ein Mahnmal bedeutender ist als eine Rekonstruktion.

Ansonsten gilt hier eher das Aufheben von Nachkriegsbausünden wie die Re-Urganisierung der Innenstadt z..B. Cremon Insel und Katharinenquartier oder dem komplett ausgebombten Wohnviertel Hammerbrook (DAF) und Wiederherstellen von Straßenzügen wie an der Nikolaikirche DAF.

zudem ist hier gerade sehr angesagt, die alte Fassade stehen zu lassen und das ganze Gebäude komplett neu aufzubauen Stadthöfe , Alter Wall, Work Life Center im Stephanspalais oder in Eppendorf ein Wohnprojekt Martini44.

Somit erschafft man neues Leben in alten Gebäuden, die dem heutigen Standard angepasst werden.

Generell zum Thema Rekonstruktion ist zu sagen, dass durch die Zerstörung der Städte im 2. Weltkrieg sehr viel Identität der Deutschen genommen worden ist.

In meiner Schulzeit in den 90ern gab es nur ein Thema: 2. Weltkrieg und - du bist schuld!
Woher wir vorher gekommen sind, wurde nie thematisiert. Es gab nur 39-45. In Geschichte und Deutsch, 8-10 Klasse. Das Thema hing uns zu den Ohren raus.

Nun ist der Drang bei der neuen Generation enorm, wie die Stadt vorher aussah. Man will keine 50er-70er Jahre Betonnachkriegsbauten mehr sehen. Hannover will nicht mehr hässlich sein. Berlin besinnt sich neben Mauer und NS Zeit auch auf seine Preußenzeit. Es ist die Rebellion gegen die "Klappe zu Affe tot" Menschen, die am liebsten Geschichte abreißen wollen und so tun, als hätte diese niemals existiert.

Es ist das Wiederaufleben unserer Wurzeln. Die Deutsche Geschichte fing nicht erst 1939 an.
Rekonstruktion soll nicht den Krieg vergessen lassen, jedoch zeigen, dass es auch ein Leben vorher gab.

Meine Meinung.
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Alt 09.06.16, 21:06   #15
Bau-Lcfr
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Ruhrgebiet

Die Städte im Ruhrgebiet wurden nicht weniger als Hamburg im Krieg zerstört und genauso danach - wie etwa die Duisburger mittelalterliche Stadtmauer, von der noch 1945 über die Hälfte existierte, heute wenige Teile. Man würde gerne in Duisburg etwa das Mercator-Haus rekonstruieren, aber es gibt Probleme mit der Finanzierung.

In Mülheim/Ruhr wurde kürzlich das Petrikirchenhaus rekonstruiert.
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