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Alt 30.01.19, 14:17   #1
hyper-zorro
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Das Alte Planetarium in Nürnberg 1927

Ich habe hier eine alte Zeitschrift („Baukunst“ März 1928 !). Darin befinden sich einige Fotos und ein interessanter Artikel zum Bau des Planetariums. Dieser Artikel zeigt, dass es auch schon damals konservative und fortschrittliche Menschen in Nürnberg gab.

Die Fotos:
https://www.flickr.com/photos/124071...7678026823348/

Das Neue Planetarlum In Nürnberg („Baukunst“ März 1928)
Architekt Otto Ernst Schweizer (Oberbaurat)


Nürnberg hat sich mit der Eröffnung seines Planetariums im April 1927 in den Kreis der 12
deutschen Städte gestellt, die eine geniale Erfindung deutscher Wissenschaft und Technik für
ihre Bürgerschaft und ihre lernende Jugend nutzbar gemacht haben. Die „Baukunst“ hat schon
vor Jahresfrist etwa über die Vorarbeiten zum Planetariumbau an Hand der abgebildeten Studienmodelle berichtet.

Der Bauplatz am Wöhrdertor, wo sich am „Ring“ die Altstadt mit neuen Häßlichkeiten nicht eben freundlich stößt, bot dem Architekten keine leichte Aufgabe, und nach Meinung der eingesessenen Nürnberger, deren Sprachrohr der „Fränkische Kurier“ ist, hat er sie nicht zufriedenstellend gelöst. Wenn man freilich weiß, dass diese Kreise unter Bauwerken, „die dem Charakter unseres Schatzkästleins (s.u.) entsprechen“, etwa die Szenenbilder zu den Meistersingern verstehen, und dass sie den Begriff des „Bodenständigen“ noch heute so fassen wie zu den Zeiten, da man Maßkrüge in Form von Nürnberger Tortürmen und Nadelbüchsen oder Riechfläschchen in Form der eisernen Jungfrau zu gestalten liebte, dann muss man dem Erbauer des Planetariums doppelt dankbar sein, dass er den Mut hatte, mit dieser Art von Heimatschutz aufzuräumen und seine Aufgabe so zu erfassen, wie es die Zweckbestimmung und die örtliche Lage erforderten. Den Satz „Das Problem ist neu gewesen, aber rechtfertigt damit in keiner Weise den neuen „Stil“ und die Verwendung des neuen Materials“ (Fränk. Kurier) können wir getrost dem Urteil der Leser überlassen. Der Nürnberger Oberbürgermeister war zu bescheiden, wenn er in der Eröffnungsansprache sagte, dass eine spätere Zeit das Werk anerkennen werde, oder aber er wollte kein zu hartes Wort über die Urteilskraft der Planetarium-Gegner sagen.

Man sollte denken, das allerdings neue Problem des Planetariumbaus überhaupt müsste nicht allzu schwer zu lösen sein, da es sich um einen ausgesprochenen Zweckbau handelt, und die Formgebung also rein sachlich aus der Zweckbestimmung zu entwickeln wäre. Wenn wir aber die bisher in deutschen Städten gefundenen Lösungen betrachten, und dabei so mißglückte wie etwa die von Barmen, Dresden und Leipzig oder so problematisch gebliebene wie die von Berlin, Düsseldorf oder Hamburg, dann muss der Glaube an die Einfachheit des Problems stark erschüttert werden.

Um so mehr wird man die in Nürnberg gefundene Lösung auf der Basis der Sachlichkeit anerkennen und begrüßen. Wir können uns kaum eine zugleich praktischere und künstlerisch ausdrucksvollere Form denken als den schlichten, ernsten Zylinderbau aus Klinkermauerwerk, der die Zeiß'sche Netzwerkkuppel von 25 m innerem Durchmesser als Mantel umschließt. Der monumentale Ernst des gewaltigen und geheimnisvollen Rundbaus lässt unausbleiblich das Bild des Pantheons auftauchen und die ganzen gedanklichen Komplexe, die sich um den Kuppelraum und die Darstellung des Weltraumes, um die Beziehungen des Menschen zum Kosmos bilden.

Schweizer hat das unbestreitbare Verdienst, die Form für das Planetarium als Typus geschaffen zu haben, ohne dass er diese allgemein gültige Form durch die persönlichere Bildung der Eingangsfront abgeschwächt hat, Es gehört sicher Mut dazu, gerade in Nürnberg, wo der Sinn für architektonische Monumentalität durch eine falsch verstandene malerisch-sentimentale Kleingliedrigkeit so gründlich verdorben ist, die herbe Größe der ungegliederten Zylinderfläche ohne Kompromisse sprechen zu lassen. Aber wer vom Geist der Baukunst einen Hauch verspürt hat, wird dem Ernst und der Wahrhaftigkeit des neuen Werkes am Wöhrdertor seine Achtung nicht Versagen, und wer das Elend chaotischer Wirrnis im Bauschaffen unserer Zeit kennt. dem wird das Nürnberger Planetarium einen freundlicheren Blick in die Zukunft vermitteln als es das zeitgenössische Durchschnittsschaffen vermöchte.

„Schatzkästlein“ diese backfischhafte Verniedlichung einer wahrhaft großen Sache ist uns tief zuwider! Die Schriftleitung.
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Alt 03.02.19, 16:35   #2
FranzFerdinand
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FranzFerdinand befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Toller Bericht und auch ein toller Einblick, welchen Widerstand der damals noch in Franken offenbar noch immer revolutionäre sachliche Stil überwinden musste.

Würde gerne mehr solcher damaligen Betrachtungen lesen. Das alte Planetarium sah wirklich toll aus!
FranzFerdinand ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.02.19, 19:12   #3
hyper-zorro
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Hier noch 2 Zitate aus der alten Zeitschrift:

Zeitschrift „Baukunst“ August 1928

Die berüchtigten Gründerzeit-Viertel stehen in Nürnberg wie in anderen Städten als sprechendes Dokument einer in Sachen der Baukunst verirrten Zeit. Aber darüber hinaus kam Nürnberg — eben infolge seiner besonders starken traditionellen Belastung — von diesem Historizismus wilhelminischer Prägung, den wir heute deutlich als Wellental erkennen, zu einer Zeit noch nicht los, in der andere Städte den Weg ins Freie bereits gefunden hatten ...

Eines der frühesten Gebäude von wahrhaft moderner Gesinnung im besten Sinne — deshalb wohl auch vom Lokalpatriotismus am meisten abgelehnt — verdankte privater industrieller Initiative seine Entstehung: das Lagerhaus der Rheinstahl-Werke (1923) von Emil Fahrenkamp.

Und vor kurzem hat sich neuzeitlicher Handelsgeist in Verfolgung seiner praktischen Zwecke wieder einen bedeutenden Architekten von auswärts geholt: Erich Mendelsohn errichtete das Proletarier-Kaufhaus Schocken (1926).

Ich werde demnächst hier das Thema "Abgerissene Gebäude in Nürnberg" aufmachen. Damit meine ich nach 1920 erbaute interessante Gebäude, die inzwischen abgerissen oder zerstört wurden. Dort kommen dann auch ein paar Fotos dazu.
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Alt 03.02.19, 19:26   #4
nothor
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Sehr interessantes Thema. Es wird überdeutlich, dass die jeweils urteilenden eigentlich immer ihre Probleme haben mit den Bauwerken ihrer direkten Vorgängergeneration. Gottseidank haben wir das Niedermachen des Historismus auch in Nürnberg mittlerweile hinter uns gelassen.
Was die verschwundenen Bauwerke aus den Jahren nach 1920 angeht, da bin ich sehr gespannt!
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Alt 03.02.19, 20:06   #5
nenntmichismael
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Ja, interessantes Thema.

Wobei man an den Zitaten aus der Zeitschrift "Baukunst" auch gut eine recht ideologische Färbung herauslesen kann. Da werden ein Fabrikgebäude und ein Proletarier-Kaufhaus als architektonische Errungenschaft gepriesen, die sich vom wilhelminischen (also dem 1918 überwundenden) Kaiserreich abheben.

Was für eine unfassbare Profanisierung damit einhergeht, sieht man vielleicht heute im Rückblick deutlicher. Was nicht heißt, dass nicht die 1920er auch architektonisch Wertvolles zustandegebracht hätten. Aber wenn man weiß, von was für finanziellen Nöten diese Zeit nach dem 1. Weltkrieg geprägt war, ist es nicht ganz unlogisch anzunehmen, dass die Verwendung hochwertigen Materials und ästhetische Formen nicht das primäre Ziel dieser auch architektonischen Epoche waren. Ähnliches gilt für die Wiederaufbauzeit nach dem 2. Weltkrieg, um deren Erbe heute so hart gerungen wird. Bei deren Verfechtern scheint mir ebenfalls das Ideologische im Vordergrund zu stehen: Diesmal v.a. unter dem Aspekt der Bedeutung dieser Bauten als Zeitzeugnisse und Mahnmale. Das verstellt den Blick darauf, was wirkliche architektonische Qualität war - und was nicht. (Zum Beispiel beim "Meyer-Haus", das sich witzigerweise immer noch "Peller-Haus" nennt, obwohl es gerade der Meyer-Teil ist, dessen Erhalt so vehement verteidigt wird...)
nenntmichismael ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.02.19, 22:20   #6
hyper-zorro
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Ab 1920 gab es einen Qualitäts-Sprung in der Architektur. Neue Sachlichkeit / Neues Bauen / Bauhaus : Das war eine echte Befreiung.
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