Brutalismus und Denkmalschutz

  • Brutalismus und Denkmalschutz

    Hallo,


    in Großbritannien und in Nordamerika gibt es derzeit eine starke Kontroverse, ob Gebäude des Brutalismus unter Denkmalschutz gestellt werden sollten oder nicht, und wenn ja, welche. In der Regel ist die Bevölkerung für "alles aus der Zeit so schnell abreißen wie nur möglich, da hässlich und abstoßend" und der Denkmalschutz für "besondere Bauten konservieren, weil es nur wenig Beispiele für diesen Stil und den Sinn dahinter gibt".


    Geisel Library: http:// http://en.wikipedia.org/wiki/Geisel_Library


    Boston City Hall: http:// http://en.wikipedia.org/wiki/Boston_City_Hall


    Übrigens ist kein Baustil so umstritten wie der Brutalismus, der ja sehr in die Extreme geht und leider öfters Bauten hervorgerufen hat, die wirken wie George Orwell's 1984 mit trister Plattenbau-Ästhetik kombiniert - aber von Architekten prämiert wurde. Aber dafür auch viele Bauten, die so originell durchgeknallt waren, dass sie für berühmte Science-Fiction-Filme als Kulisse herhielten. Für meinen Geschmack sind manche Gebäude aus dem Stil total geil, aber die meisten echt unausstehlich. Was mir gefällt, ist dieses robuste Krasse, sich nicht anbiedernde, aber gemütlich ist es dafür ja nun wirklich nicht. Kommt also auch darauf an, wo es steht und welchem Zweck es dient.


    Der Stil ist einfach so extrem, es wird am richtigen Ort gut gemacht und ist geil oder es wird am schlechten Ort gut oder schlecht gemacht und geht total schief und die Dimensionen passen nicht, und/oder der Brutalismus wirkt dadurch richtig übel oder beängstigend. Jeden Tag dort drin zu arbeiten in einem solchen Gebäude ist auch noch was anderes als das Ding einmal von außen zu sehen... teils positiver, teils negativer, je nachdem wie die Gestaltung des Innenraums ist. Außerdem kommt der Stil besser rüber in Wüstenstädten oder am Mittelmeer, als in Großbritannien, weil Beton bei Nässe und Kälte schlecht altert und dann schäbig aussieht. Und weil Beton, selbst frisch, bei blauem Himmel besser aussieht als bei grauem Himmel.

    Wie sieht es in der Hinsicht mit deutschen Gebäuden aus dem Brutalismus-Stil aus? Hat jemand da neue Informationen hinsichtlich Denkmalschutz/Abreißwut? Gibt es da eine Debatte in eurer Stadt?


    Die Kontroverse in Großbritannien/Nordamerika entstand u. a. um folgende Gebäude:


    Die Robin Hood Gardens in London (sozialer Wohnungsbau, wird demnächst abgerissen, kam trotz vielem Hin und Her nicht unter Denkmalschutz - ziemlich verlottert mittlerweile)
    http://en.wikipedia.org/wiki/File:Smithsons_photo_Robin_hood_gardens_London_UK_2005-07-21.jpg


    Trellick Tower (wurde unter Denkmalschutz gestellt und hat Kultstatus bekommen bei der Hip-Szene):
    http://upload.wikimedia.org/wi…ns/1/1c/Trellicktower.jpg

    Hier ein extremes Negativ-Beispiel:
    Ich hab vor einigen Jahren auch das Government Service Center in Boston live vor Ort von außen gesehen, ein Krankenhaus-Gebäude, und ich muss sagen, sieht zwar total krank aber auch sehr interessant aus, ein Mittelding aus einer Tim-Burton-Filmkulisse, Darth Vaders Kampfstern, einem 2. Weltkriegs-Bunker, einem ordinären Parkhaus und Neuschwanstein. Schwer vorzustellen, aber so kam das rüber. Hat schon was Kultiges, würde ich niemals abreißen lassen (in meiner Stadt gibt es zwar auch einige Brutalismus-Bauten, aber nix derart Interessantes). Trotzdem, ob ich mich dort gerne wegen Krebs oder Blinddarm operieren lassen würde? Hmm... Und zu was umnutzen, Geisterbahn? :lach:


    Siehe Fotos hier: http://mw.smugmug.com/gallery/2633574_KEY5S#139096888_UDdP5


    Aber das Form follows Function Konzept ging hier gründlich schief. :Nieder: Die Psychiatrie-Abteilung hat in so einem abgefahrenen Gebäude nix verloren, das ist zu kontraproduktiv weil zu verwirrend und un-heimelig für die Patienten, generell der abgefahrene Stil Brutalismus ist eine Zumutung für Psychiatrie-Patienten, für die ein traditonellerer, konservativerer Architekturstil/Grundriss mehr Sicherheit und Stabilität schaffen würde weils vertraut wäre inmitten ihrer Halluzinationen... Und die Bostoner haben die Abteilung meines Wissens immer noch nicht aus diesem Gebäude ausgelagert :nono:


    Die Patienten scheinen sich da oft zu verirren wegen des wirren Grundrisses in Kombination mit ihrem akuten psychotischen Zustand, Psychose-Leute hangeln sich außerdem in krassen Phasen gerne an Wänden entlang, um sich etwas Stabilität im Wahn zu verschaffen, aber die Betonwände sind innen so super-rauh "brutalistisch" bearbeitet zwecks interessanterer Ästhetik, dass sich die Patienten die Fingerknöchel daran blutig aufreißen. :bash:


    Schlimmer noch: es scheint ja auch echt ein paar Selbstmorde wegen unnötiger Balustraden auf großer Höhe und entsprechender Gänge innerhalb des Gebäudes gegeben zu haben, die Leute haben sich da einfach runtergeschmissen (kann das nicht architektonisch sauber ausdrücken als Laie, sorry).


    Und noch übler, es hat einen Ritualselbstmord in der Kapelle des Krankenhauses gegeben, die alleine durch ihre krasse Gestaltung für einen Laien so aussah, als sei sie für Menschenopfer bestimmt gewesen und für nix anderes. So dass alleine schon die Gestaltung durch diese Assoziationen schon einen armen Geisteskranken dazu verleitet haben soll, sich selbst zu opfern mit tödlichem Ausgang (so die Meinung des Psychiaters, hab mir die Kapelle auf Zeichnungen und Fotos angesehen, und ja, das Ding ist genial, aber sieht so krank aus dass ein Ritualmord besser dazu passt passt als Assoziation als ein normaler Gottesdienst mit Hostie und Wein, meiner Meinung nach). All das nur wenige Monate nach Eröffnung der Klinik. Seitdem ist die Kapelle geschlossen, mittlerweile seit 20 Jahren oder mehr, aus Sicherheitsgründen. :Nieder:


    Es gibt auch einen Haufen anderer Probleme mit den Patienten, die durch die wirre düstere, irgendwie surrealistische Architektur auch im Inneren provoziert und verstärkt sein soll, wenn auch nicht verursacht, z. B. die zahlreichen Hinweise auf Gestalten und Figuren im Bau wie der "Froschkopf" am Haupteingang (siehe Bild), die aber nicht klar genug gezeigt werden, dass der Zweifel an der eigenen Wahrnehmung verpufft...


    Für Leute mit Wahnvorstellungen oder Verfolgungswahn nicht gerade der Knüller, denn ein solches Gebäude provoziert Halluzinationen wie sonstwas statt zu stabilisieren, :Nieder: und man kann auch als teils geheilter Betroffener schwer abschätzen, wieweit diese Wahrnehmungen normal sind und von Otto-Normal-Bürgern geteilt werden, und inwieweit sie durch den eigenen Wahn entstehen... als Betroffener in einer völlig akuten Phase hauen diese Eindrücke hingegen einfach durch und bringen mehr Stress und Wahnsinn ins Leben rein als man eh schon hat. Daher sollte eine Architektur ja auf solche Anspielungen verzichten in Psychiatrien statt sie gezielt einzubauen.

    Hier ist die Katastrophe im Detail geschildert,
    aus Sicht eines Psychiaters, der dort arbeiten musste (auf englisch): http://www.metropolismag.com/html/content_1099/oc99aom.htm. Bei der Psychiatrie-Abteilung des Bostoner Government Service Centers wäre eine Umnutzung zu völlig egal was superwichtig, und die Psychiatrie-Abteilung schnellstmöglich auslagern, meinetwegen in einen öden aber funktionalen Betonklotz. Die armen Patienten! :nono:


    Und eine gute Studie, wie man eine Psychiatrie NICHT gestalten sollte. Meines Erachtens ist der Bau alleine aufgrund dessen misslungen, dass er die stablisierende Funktion eines Psychiatrie-Gebäudes nicht erfüllt, sondern da kontraproduktiv wirkt (die Abteilung war ja von vornherein mit eingeplant und bewusst so gestaltet, um "ehrlich" nach außen zu zeigen, was nach Meinung des Architekten der Wahnsinn bedeutet...) :bash: Also das Form-Follows-Function Prinzip ging in diesem konkreten Fall total schief, egal wieviel Modernismus (Hier: Brutalismus) dabei war und ja eigentlich darauf bepicht sein sollte.


    Hätte ich eine Tante mit psychotischen Anfällen und nur die Wahl, ob ich sie dann in diesem Bostoner Krankenhaus oder gar nicht behandeln lasse - ich würde sie lieber bei mir zuhause aufnehmen und auf Besserung hoffen/beten. Da sind die Chancen auf Gesundung größer.


    Wobei dieser Bau nicht typisch ist für den Brutalismus, sondern eher atypisch, er war einfach nur ein punktuelles Beispiele für eine super-üble Fehlplanung für eine psychiatrische Abteilung. Hätte mit jedem anderen Stil auch so passieren können mit genausoviel Geldmasse und einem ambitionierten Architekten, der sich die Bedürfnisse und Prioritäten der Benutzer nicht genau anguckt, bevor er ein Gebäude plant.


    :rede:Also, Architekten, die ihr hier mitlest: bitte nehmt aus diesem Beispiel mit, worauf ein Architekt achten soll, wenn er ein Psychiatrie-Gebäude errichtet, damit die Insassen sich wohlfühlen. Der zweifelslos geniale Architekt dieses Gebäudes hat das alles leider nicht berücksichtigt. Ich finde sein Gebäude als Skulptur total klasse, aber es passt echt nicht zur Psychiatrie-Abteilung und ist daher eine totale Fehlplanung.
    http://upload.wikimedia.org/wi…_%28Boston%29_in_2008.jpg

    Also, was würdet ihr machen, wenn ihr so ein Gebäude in der Stadt hättet? Was wäre sinnvoll eurer Meinung nach? Abreißen, umnutzen (was die Psychiatrie-Abteilung angeht), oder was?

    59 Mal editiert, zuletzt von Robinium ()

  • Ich finde, dass diese Kontroverse schon sehr wichtig und angemessen ist, und tatsächlich nicht jeder brutalistische Bau an das Sprengkommando ausgeliefert werden darf (Das sagt einer, der vor einigen Jahren noch mehr oder weniger pauschal bei solchen Gebäuden nach Semtex oder TNT gerufen hat). Bei den Gebäuden, die Robinium gezeigt hat, lohnen sich Kontroversen durchaus, da sie zeigen, dass auch mit Sichtbeton interessante Formen gemacht werden können und auch Fassaden und Kubaturvariationen gegeben sind.
    Allerdings gibt es auch Beispiele, die offiziell als reine Baudenkmäler ausgewiesen sind, aber m. M. n. keinen Schönheitscharakter offenbaren. ein Beispiel ist das Kloster Sainte-Marie de La Tourette von Le Corbusier.
    Aber auch hierzulande gibt es genug üble Beispiele wie das Technische Rathaus in Braunschweig.
    Von daher bleibt es jedem Einzelnen überlassen zu beurteilen, was davon zu halten ist. Wichtig ist nur, dass die Gebäude im nüchternen (D. h.: KEINE DROGEN JEDWEDER ART) Zustand zu beurteilen sind, damit ein objektives Resümee gebildet werden kann.
    P.S.: Was das Beispiel mit der Psychiatrie betrifft, hast Du recht, Robinium. Für solche Menschen muss ein Gebäude viel luftiger und heiterer sprich offener sowohl äusserlich als auch innerlich gemacht werden, allerdings ist das Wichtigste: IMMER EINEN SACHVERSTÄNDIGEN, ALSO JMD. DER SICH MIT SOLCHEN PATIENTEN AUSKENNT, DAZUZIEHEN.

  • nichts abreißen, was nicht zuvor auf sinn hin geprüft worden ist... sprich den denkmalschutz einschalten... und unabhängig einstufen lassen.

  • Mit Blick auf Beispiele wie das genannte Krankenhaus meine ich, dass man deutlich trennen muss zwischen jener brutalistischen Gigantomanie und der Moderne (mit Neuem Bauen als Kernbereich). Klassische Verteter des modernen Wohnungsbaus der Zwanziger - wie Häring, Gropius, Haesler, May - betrachteten ihre Aufgabe nicht als die eines Bildhauers. Jene brutalistischen Werke - das betrifft meines Erachtens auch schon Le Corbusier - hingegen haben ihren Reiz mehr nur als Plastiken. Aber in ihnen wohnen oder Patient sein ... das ist etwas anderes.
    Und nun in Sachen Denkmalschutz: Angenommen, ein Bauwerk jener Art gilt als hinreichend einzigartig oder (umgekehrt) exemplarisch, um schutzwürdig zu sein, dann erwarte ich immer noch, dass es für seine künftige Nutzung geeignet ist. Ist es z. B. als psychiatrische Station nicht geeignet, dann müsste es schon anders genutzt werden (sofern finanzierbar) - oder eben entsprechend verändert (finanzierbar? Und hat es dann noch seinen Denkmalwert?) oder aber beseitigt werden.

  • Jene brutalistischen Werke - das betrifft meines Erachtens auch schon Le Corbusier - hingegen haben ihren Reiz mehr nur als Plastiken. Aber in ihnen wohnen oder Patient sein ... das ist etwas anderes.


    Wer von euch möchte wirklich in einer Wohnmaschine leben? Nachahmungen werden auf der ganzen Welt gesprengt. Irgendwo habe ich gelesen, dass das erste dieser Häuser in Marseille zum sozialen Brennpunkt wurde. Eine andere Nutzung (welche?) wäre unmöglich und ein Umbau hilft nicht, wenn der Massstab unmenschlich ist.


    Merkwürdig, dass man vor ein paar Jahren sämtliche Bauten Le Corbusiers auf die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste setzen wollte. Diese Ehre wurde keinem anderen Architekten zuteil. Die "Fachleute" haben offensichtlich einseitige Präferenzen.

  • Und nun in Sachen Denkmalschutz: Angenommen, ein Bauwerk jener Art gilt als hinreichend einzigartig oder (umgekehrt) exemplarisch, um schutzwürdig zu sein, dann erwarte ich immer noch, dass es für seine künftige Nutzung geeignet ist.


    In Mannheim war das übrigens gerade erst vor kurzem mit der Trinitatiskirche problematisch. Die 1956 gebaute brutalistische Kirche ist Landeskulturdenkmal. Seit 2005 stand fest, daß die Kirche wohl aufgegeben werden muß (zu teuer, zu wenig Mitglieder), und es wurde bis hin zum Abriß alles mögliche an Folgenutzungen diskutiert.
    Die Kirche wird jetzt als Veranstaltungsraum für kleinere lokale/regionale Events und Konzerte mit 100-300 Besuchern genutzt, und ist aufgrund ihrer zentralen Lage dafür auch recht nachgefragt. Kirchlich wird sie m.W. außer für Sonderveranstaltungen nicht mehr genutzt.


    Architektonisch ist das Gebäude übrigens nicht besonders in die Umgebung eingepasst, bis auf die Tatsache, daß man die Quadratierung in Mannheim einhält (im Gegensatz zu einigen Bauten der 70er; in den 80ern wurde wieder drauf geachtet, etwa bei der Synagoge schräg gegenüber). Macht aber auch nichts, die westliche Unterstadt ist und soll eh nicht uniform sein, das würde zum sozioökonomischen Gefüge dort absolut nicht passen.

  • Wer von euch möchte wirklich in einer Wohnmaschine leben? Nachahmungen werden auf der ganzen Welt gesprengt. Irgendwo habe ich gelesen, dass das erste dieser Häuser in Marseille zum sozialen Brennpunkt wurde. Eine andere Nutzung (welche?) wäre unmöglich und ein Umbau hilft nicht, wenn der Massstab unmenschlich ist.


    Merkwürdig, dass man vor ein paar Jahren sämtliche Bauten Le Corbusiers auf die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste setzen wollte. Diese Ehre wurde keinem anderen Architekten zuteil. Die "Fachleute" haben offensichtlich einseitige Präferenzen.


    Nun ja, Corbusiers Wohnmaschinen sind eigenwillige, aber sehr qualitätvoll entwickelte Gebäude. Konsequentes Durchwohnprinzip, 2-geschossige Lufträume, Loggia für jede Wohneinheit, und gemeinsam nutzbare Dachterrasse, das ganze auch noch bezahlbar, da elementiert.
    Inzwischen wohnen da auch hauptsächlich Liebhaber drin - es gibt wirklich keinen Grund, dieses Gebäude in Frage zu stellen ;)


    Wegen der Achsbreite und der Gebäudegröße sind die Wohnungen nicht für jeden geeignet, aber ich sehe einen entscheidenden Impuls für den Wohnungsbau bis heute.


    Da der Innovationsgrad bei vielen seiner Gebäude sehr hoch ist, liegt es mehr als nahe, sie als Weltkulturerbe einzuordnen.
    Wer das anders sieht, sollte sich mal eingehender mit Corbusiers Bauten beschäftigen ;)

  • Konsequentes Durchwohnprinzip, 2-geschossige Lufträume, Loggia für jede Wohneinheit, und gemeinsam nutzbare Dachterrasse, das ganze auch noch bezahlbar, da elementiert.


    Hat sicher seinen Reiz, zeichnet sich aber innerhalb der 'klassischen Moderne' meines Erachtens eher durch Gigantomanie als durch Realitätssinn aus. Die Zweigeschossigkeit ist heiztechnisch ziemlich ungünstig, und das umso mehr, als es eine Fensterfront gibt. Da ziehe ich Le Corbusiers bescheidenere Kollegen Gropius, Haesler, May, Taut, ... im Wohnungsbau vor - genauer siehe unter "Wärmedammung contra Denkmalschutz", wo ich schrieb:
    Und nun wieder ein Vorteil meiner Haesler-Wohnung von 1930: Otto Haesler orientierte sich an Hilberseimers 'Kabinengrundriss': Kaum Flur (nur Stichflur), Wohnzimmer nach Westen (Nachmittagssonne) als Durchgangsraum zu den Schlafzimmern nach Osten (Vormittagssonne) + nur Heizkörper im Wohnzimmer (und in der Küche, die vom Stichflur aus erreichbar ist), wobei die Wärme (je nach Bedarf bei geöffneter Tür) leicht direkt in die angrenzenden Schlafräume gelangt.
    Zudem eher niedrige Decken bei guter Belüftungsmöglichkeit (Fenster in jedem Raum). Optimal für die Wärme und für sparsamen Umgang mit der Wärme.
    Siehe Seite 4 in http://ftp.tugraz.at/pub/landsaving/...llung_kurz.pdf

  • gut, ist jetzt Haarspalterei, aber heiztechnisch dürfte die Wohnmaschine auf Grund der minimierten Fassadenanteile (da das Gebäude extrem tief ist) und dem hervorragenden A/V Verhältnis auch für heutige Verhältnisse noch ziemlich gut ausfallen - trotz Luftraum.

  • Zitat von kauziger Preuß

    Wer von euch möchte wirklich in einer Wohnmaschine leben? Nachahmungen werden auf der ganzen Welt gesprengt. Irgendwo habe ich gelesen, dass das erste dieser Häuser in Marseille zum sozialen Brennpunkt wurde. Eine andere Nutzung (welche?) wäre unmöglich und ein Umbau hilft nicht, wenn der Massstab unmenschlich ist.


    Bitte nicht vom Hören-Sagen ausgehen. Die Unité d'habitation Marseille ist sehr gut belegt und kein sozialer Brennpunkt. Hauptsächlich bei Liebhabern beliebt.


    Ich selbst habe das Haus, inkl. Wohnung und Dachterrasse besucht. Ein sehr gelungener Bau. Die Wohnungen, alle Maisonette, haben einen wunderschönen grossen Balkon und man hat einen tollen Blick. Vom Nachbarn kann man nichts hören, da die Wände ca. 1 m dick sind(Beton, Isolierung und Holz). Dieses Gebäude mit seiner KITA auf dem Dach, Theater, Supermarkt und kleinen Läden, war ein Prototyp.
    Ein Sozialbau sollte es werden, doch aufgrund der neuen Technologien waren die Baukosten hoch.


    Leider hat man bei den Nachfolgebauten die Qualität nicht mehr gehalten , um Geld zu sparen.


    Billige Nachahmungen zu sprengen ist daher nachvollziehbar, aber das qualitativ hochwertige Original nicht.


    Achja, der Massstab ist extrem menschlich bei seiner Grösse. Denn gelebt wird schliesslich hauptsächlich in der Wohnung. Dort ist alles auf das menschl. Mass gebaut. Eine sehr angenehme Atmosphäre herrscht in den Wohnungen. Dies berichte ich aus eigener Erfahrung.


    Zitat von kunnukun

    Die Zweigeschossigkeit ist heiztechnisch ziemlich ungünstig, und das umso mehr, als es eine Fensterfront gibt.


    Schon einmal daran gedacht, dass das Originalhaus in Marseille steht, wo es meist milde Winter und heisse Sommer gibt?

  • Rein informativ: Da ich ungefaehr einmal die Woche auf dem Weg von Paris-Innenstadt nach CDG mit der RER daran vorbeifahre faellt mir auf, dass grade die brutalistischen Scheibenhochhaueser in La Courneuve entkernt werden/wurden. Ich meine diese Haeuser hier. Ich frage mich, ob da Grundsanierung oder Abriss anstehen... Angesichts des miesen Zustandes tippe ich auf Abriss...


  • Aber das Form follows Function Konzept ging hier gründlich schief.


    Wenn die Funktion sein sollte, ein Gebäude zu bauen, das die Grenzen des Egos sprengt, so ist es extrem gelungen. in seiner Art wirklich genial.


    Für Patienten, die mit ihren psychischen Problemen schon entgrenzte Egos haben, ist es natürlich nicht geeignet - aber durchaus als Seminarzentrum für Goths oder Althippies, die einen Ersatz für LSD suchen. Oder als Kulisse für psychedelische Filme, oder theatralische Aufführungen von Edgar Allan Poes Gruselgeschichten, oder als Zoo für Sammlungen von Reptilien, Spinnen, Insekten...



    um sich etwas Stabilität im Wahn zu verschaffen, aber die Betonwände sind innen so super-rauh "brutalistisch" bearbeitet zwecks interessanterer Ästhetik, dass sich die Patienten die Fingerknöchel daran blutig aufreißen.


    nomen est omen, und konsequent umgesetzt, das brutale Gebäude.



    [B]
    Also, was würdet ihr machen, wenn ihr so ein Gebäude in der Stadt hättet? Was wäre sinnvoll eurer Meinung nach? Abreißen, umnutzen (was die Psychiatrie-Abteilung angeht), oder was?



    unbedingt behalten, unbedingt umnutzen.


    grüsse
    das fräulein

  • Ich muss an dieser Stelle ganz heftig widersprechen. Das Government Service Center in Boston von Paul Rudolph ist eines der grossartigsten Gebäude an der gesamten amerikanischen Ostküste. Leider wurde das ursprünglich (vom gleichen Architekten geplante) Hochhaus an gleicher Stelle nicht realisiert, so dass die Funktion im Stadtkontext heute nicht ganz verständlich ist. Auch die wilde Parkierung rund um das Gebäude tragen heute nicht unbedingt dazu bei, dass das Zentrum auf den ersten Blick überzeugt. Wer sich jedoch Zeit nimmt, die räumlich unglaublich differenziert gestalteten Aussenräume zu erkunden, wer die hohe Handwerkskunst in der Betonverarbeitung zu schätzen weiss (nur alleine schon die an Borromini erinnernden Treppenanlagen lassen jeden heutigen Bauschaffenden vor Ehrfurcht erstarren), wird hier nicht enttäuscht werden.

  • ^^ Die Gebäude der Stadtverwaltung in Boston sind meiner Meinung nach eine völlig andere Kategorie als die typischen 'Wohnmaschinen'. Erstere sind und waren schon immer Repräsentationsbauten, letztere sind letztendlich Massenbehausungen, die leider sehr ideologisch diskutiert werden. Man kann diese beiden Beispiele nur schwer miteinander vergleichen, die einzige Gemeinsamkeit ist halt die Designphilosophie.

  • Abreißen oder bewahren? Der Streit um die Architektur der 60er

    Ich möchte hier einen interessanten und lehrreichen Diskussionspodcast (SWR2 Radioforum) über Erhalt und Abriss, Konstruktionsprinzipien und Formensprache, Geglücktes und Mißlungenes aus dem Baugeschehen der 1960er verlinken: Abreißen oder bewahren? Der Streit um die Architektur der 60er Jahre


    Es diskutierten:


    • Meinhard von Gerkan, Architekt, Hamburg

    • Falk Jaeger, Architekturkritiker, Berlin
    • 
Klaus Jan Philipp, Institut für Architekturgeschichte, Universität Stuttgart

  • "Charta von Bensberg" - Plädoyer für die Zweite Nachkriegsmoderne

    Im September 2011 fand in Bergisch-Gladbach-Bensberg die Konferenz "Zwischen Baukunst und Massenproduktion. Denkmalschutz für die Architektur der 1960er und 1970er Jahre?" statt.
    Die Teilnehmer haben dort mit der "Charta von Bensberg" einen Katalog für den reflektierten Umgang mit baulichen Zeugnissen dieser Zeit in seinen Grundzügen verabschiedet. Mit der auf ganz Deutschland zielenden Charta wird die Fachöffentlichkeit dazu aufgerufen, Maßstäbe für die Erhaltungswürdigkeit einzelner Beispiele dieser Bauepoche zu definieren.

    Der Text ist zum Download hinterlegt:
    ww.rheinischer-verein.de/aktuelles/rvdl_chartavbensberg.pdf

  • Das ist so ein wichtiges Thema. Ich bin definitiv pro Denkmalschutz. Alte Gebäude niederzureißen tut mir im Herzen weh! :nono: