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Alt 08.07.09, 22:15   #91
Batō
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@Reinhard Rupsch
Dem stimme ich einfach mal pauschal zu. Stimmanns Buch habe ich selbst noch nicht gelesen, aber Richters Artikel liest sich schon arg polemisch.

Es ist völlig legitim sich Gedanken um die Gestaltung eines solch großen und unbebauten Areals in der Stadtmitte zu machen; selbst wenn dies eine umfassende Bebauung nach sich ziehen würde. Und sich an der räumlichen Struktur der Altstadt zu richten muss auch nicht heißen, dass Vergangheit (hier die Nachkriegsgestaltung und -bebauung) negiert wird. Denn zum einen wird sie ja wie du richtig schriebst durchaus mit einbezogen und 2. ist auch eine vergangenheitsorientierte Entwicklung trotzdem Entwicklung.

Vielleicht könntest du ja ein bisschen vom Inhalt des Buches wiedergeben; wäre sehr interessant und gerade für diesen Thread sehr fruchtbar mehr vom Buch zu erfahren.
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Alt 08.07.09, 22:51   #92
ReinhardR
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@ Bato
"fruchtbar" ist gut. Vielleicht habe ich morgen etwas Zeit dafür...
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Alt 10.07.09, 18:09   #93
ReinhardR
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Rennaissance der Berliner Altstadt

Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte

<< Das Thema „Berlin und sein historisches Zentrum“ ist mit dem am 28.11.2008 zu Gunsten des Entwurfs von Farancesco Stella entschiedenen Architekten-Wettbewerb keineswegs abgeschlossen.
Im Gegenteil.
Das ambitionierte Projekt zu Einrichtung eines „Humboldtforums“ hinter den rekonstruierten Fassaden des Berliner Schlosses markiert den Beginn einer neuen Etappe in der schwierigen Beziehung der (Doppel-) Stadt zu ihren Geburtsorten zwischen St. Marien, Rathaus, dem Molkenmarkt, St. Petri, der Werderschen Kirche und – darin eingeschlossen – dem Schloss.
Die problematische Wahrnehmung dieser ältesten Teile Berlins beginnt bei der Bezeichnung. In jeder anderen europäischen Metropole redet man voller Stolz über die Altstadt. Barcelona, Lissabon London, Madrid, Mailand, Paris, Prag, Rom, Wien.
Dies galt auch für Berlin, allerdings nur bis etwa zur MITTE DES 19. JAHRHUNDERTS und danach nur sehr verhalten bis zu ihrer physischen Zerstörung durch die Bomben des Kampfs um Berlin und der darauf folgenden weit radikaleren „zweiten Zerstörung“ durch Politik und Planung in den Jahren nach 1945.

Die trotz der starken Kriegszerstörungen bis weit in die Nachkriegszeit gut erhaltenen Stadtgrundrisse von Alt-Berlin ( mit dem neuen Markt, St. Marien,St. Nikolai ), der Parochialkirche und der Alten Synagoge, Cölln (mit St. Petri), dem Friedrichswerder und der Friedrichwerderschen Kirche am Markt wurden nach dem Kriegsende durch den „Kollektivplan“ zunächst planerisch ausgelöscht, um Teil einergänzlich neuen Idee einer Stadtlandschaft mit einer „grünen Mitte“ nach dem Bild von Hans Scharoun zu werden, um dann nach 1950programmatisch zum politischen und architektonischen Zentrum des neu gegründeten DDR-Staates ausgebaut zu werden.
Aus den Trümmern der schon durch die Nazis schwer angeschlagenen Stadtmitte wurde nach weiteren rücksichtslosen Abrissen, Enteignungen der Grundstückseigentümer und den Mustern schnell wechselnder, radikaler Planungen die funktionale und räumliche Mitte des DDR-Staates und ihrer sozialistischen Einheitspartei SED. … >>

Auszug aus dem Vorwort von Hans Stimmann.

Das Buch hat folgende vier Themenschwerpunkte:

1. FRIEDRICHSWERDER

In dem gemäß dem Planwerk Innenstadt realisierten Teil lässt sich bereits etwas von den Möglichkeiten einer neuen innerstädtischen Wohn- und Lebensatmosphäre mit Nachbarschaften, Kindern, Arbeiten und Wohnen erahnen.
Noch fehlen allerdings die Bebauung am Werderschen Markt westlich der Friedrichwerderschen Kirche und die Rekonstruktion der Bauakademie. Erst mit dieser Wohnbebauung am Werderschen Markt und mit der Wiedererrichtung der Bauakademie wird dieses Quartier seinen stadträumlichen und kulturellen Mittelpunkt zurückerhalten.


2. MOLKENMARKT / GROSSER JÜDENHOF

Das Quartier um den ehemaligen Stadtplatz Molkenmarkt mit dem ausgelöschten Großen Jüdenhof, dem mächtigen Stadthaus und den Resten des Gymnasiums zum Grauen Kloster befindet sich seit 1996 in der Planung. Nach dem Beschluß des Senats von 1999, bei dem der Molkenmarkt wegen der in der Regierungskoalition aus CDU und SPD nicht konsensfähigen Lösung der Verkehrsprobleme ausgeklammert wurde, erfolgten mehrere Überarbeitungen. Der letzte Entwurf, der in dem Buch Erwähnung findet, wurde 2008 vorgelegt. Auf dieser Grundlage fußt der aktuell vorgelegte Bebauungsplan. Mit den Bauarbeiten ist allerdings erst in einigen Jahren zu rechnen.
Den neuen Mittelpunkt des Quartiers bildet leider nicht der Molkenmarkt, sondern ein neuer, asymmetrisch angelegter Platz vor dem Stadthaus. Eine längst überholt geglaubte, berlintypische Verbeugung vor dem Autoverkehr – und das ausgerechnet in der Altstadt, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer im Jahre der großen Finanzkrise!
Mit der neuen Grunerstraße entsteht eine Geschäftsstraße am ehemaligen Altstadtrand.
Mit der Wiedereinrichtung des Gymnasiums zum Grauen Kloster wird an die große Tradition dieses Ortes als Zentrum des geistigen Lebens angeknüpft werden.


3. ALT-CÖLLN / St. PETRIPLATZ / GERTRAUDENSTR.

Den dramatischen und aus heutiger Sicht fast unwirklichen Vorgang des 1960 begonnenen Abrisses der gut erhaltenen St. Petrikirche schildert Gerhard Boß.
Nach den jüngsten Ausgrabungen im Bereich der bisher vier (!) Petrikirchen an diesem Platz mit dem dazugehörigen Friedhof wissen wir wieder etwas mehr über die Geschichte der Altstadt von Cölln. Im weiteren Umgang mit diesem Wissen herrscht allerdings berlintypische Rat-, Mut- und Fantasielosigkeit, gepaart mit dem Pragmatismus der Verkehrsplaner und der theoretischen Blockade der antlichen Denkmalspflege, die hier das Feld den Archäologen überlassen hat.
Eine Ausnahme ist der Mut der nur noch dem Namen nach existierenden Gemeinde St. Petri. Der Gemeinderat votierte viereinhalb Jahrzehnte nach der Sprengung FÜR einen Kirchenneubau. Erst durch die Thematisierung dieser Bauaufgabe für den Neubau von St. Petri kann damit begonnen werden, die derzeitige Leere des über sieben Jahrhunderte sakralen Orts wieder aufzuheben.
Für diese provokative Aufgabe haben die Architekten Augusto Romano Burelli (Udine/Venedig), Paul Kahlfeldt (Berlin), Hans Kollhoff (Berlin), Christoph Sattler (München) und Natascha Meuser (Berlin) Entwürfe für eine fünfte St. Petrikirche skizziert.


4. NEUER MARKT

Fehlen in Alt-Cölln Kirche, Rasthaus, Straßen und Plätze und damit die architektonischen Bedeutungs- und Erinnerungsträger, so sieht es im Quartier von Alt-Berlin nur auf den ersten Blick besser aus.
Hier stehen zwar die St. Marienkirche und das Rathaus und es fehlen „lediglich“ die Bürgerhäuser an den alten Adressen: Neuer Markt, Heilig-Geist-Straße, Bischofstraße, Hoher Steinweg, Kleine Poststraße, Burgstraße. Doch erst mit einer Rekonstruktion des Stadtgrundrisses und der parzellären Bebauung mit den Häusern, die den Maßstab der Altstadt aufnehmen, erhielten das isolierte Rathaus und St. Marien ihre Rolle als herausragende Bauten der Kirche bzw. der Kommune im historischen Zentrum der europäischen Stadt Berlin zurück.
-/-

Im Buch sind mehrere Stadt- und Schwarzpläne aus den letzten beiden Jahrhunderten abgebildet. Sie dokumentieren den bis zum heutigen Tage entstandenen Verlust, wohl aber auch die Chancen, die wir zur Rückgewinnung wenigstens eines Teils noch haben.

Reinhard Rupsch
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Alt 11.07.09, 14:31   #94
avila
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avila wird schon bald berühmt werdenavila wird schon bald berühmt werden
Eine gestrige Veranstaltung zur historischen Mitte hat die Stadtbaufrau Lüscher genutzt, mit blumigen Worten gegen eine Bebauung des von ihr "Rathausforum" getauften Areals zu plädieren. Zwei interessante Fakten:

- Das unmittelbare Umfeld des Fernsehturms wird endlich aufgewertet. DIe Grünanlagen gepflegt, die Ramsch-Buden weg, weniger Parkplätze, etc. Planung durch Levin Monsigny Landschaftsarchitekten.

- Am östlichen Ende ist die Erweiterung des Bestandsgebäudes zur Liebknechtstr. auf dem guten Weg der Reaisierung, und für den geplanten Baukörper südlich ("Block c2")steht ein Wettbewerb an.


"Ratshausforum"? Wie klingt denn das?! Sowas bebaut man ohne große Not. "WIlly-Brandt-Forum" oder "Berliner Freiheit", sowas bleibt geschützt

Geändert von avila (11.07.09 um 16:45 Uhr) Grund: Großes Rästelraten
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Alt 11.07.09, 15:41   #95
Batō
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Da beginnt gleich wieder das Rätselraten. Baukörper südlich heißt Block C2, das Grundstück der REDEVCO?
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Alt 11.07.09, 15:58   #96
Richard Neutra
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Ich weiß auch nicht warum so ein schön weitläufiger Platz wie der Rathausplatz unbedingt bebaut werden muss, nur damit die Gebäude entweder leer stehen oder woanders Leerstände entstehen. Ich bin für eine Aufwertung des MEF und des Rathausplatzes und eventuell wenn die Nachfrage besteht ein wenig Randbebauung, aber ansonsten ist eine Bebauung dort nicht mehr zeitgemäß, da sich die Stadtstruktur komplett verändert hat. Obwohl ich ein Gegner des historisierenden Wiederaufbaus bin kann aber das Nikolaiviertel wohl kaum als Argumentation oder schlechtes Beispiel gelten, da das Niklaiviertel aus Platten besteht und man das vielerorts auch sieht, das war halt die DDR. Heute würde man Historisches ganz anders rekonstruieren.
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Alt 11.07.09, 17:07   #97
Batō
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^
Was heißt denn eigentlich komplette Änderung der Stadtstruktur? Unterliegt eine Stadt und dementsprechend auch die Stadtstruktur nicht einem ständigen Wandel (und gerade in Berlin)? Es sind die Menschen die dafür sorgen, dass sich Strukturen im permanenten Wandel befinden. Und wenn eine Generation sich zu einem erneutem Wandel entschließt, dann ist das m.M.n. stets zeitgemäß. Ob dieser Wandel positiv oder negativ für die Entwicklung war, zeigt sich im Laufe der Zeit.

Auch deine Aussage bezüglich des erwartbaren Leerstandes kann ich nicht ganz nachvollziehen. Die Lage ist für eine Wohnbebauung nicht unattraktiv. Wenn sie in eine gewissen Kleinteiligkeit (allerdings nicht im Sinne der friedrichswerderschen) daherkommt und weniger massiv (also sich nicht an die Plattenbauumgebung orientiert), dann dürfte die Vermietung kein Problem sein. Anders natürlich bei vornehmlicher Büronutzung; da hat Berlin tatsächlich viel Überschuss (wer weiß ob die Lage in 10 Jahren nicht wieder anders aussieht?).

Generell halte ich auch die Bezeichnung Rekonstruktion der historischen Mitte für irreführend. Rekonstruiert werden dort wenn überhaupt alte Blockstrukturen. Die Architektur dürfte in den seltsten Fällen historisierend ausfallen.

Eine Aufwertung des MEFs für die nächsten Jahre ist sicherlich eine gute Sache. Das Problem ist allerdings die U5-Baustelle. Bevor die Bauarbeiten nicht beendet sind, brauch mit einer (umfassenden) Umgestaltung des MEFs nicht begonnen werden. Es bleibt also viel Zeit für eine Diskussion über die Entwicklung des Areals

Edit:
@ Reinhard Rupsch: Danke übrigens nochmal für die Kurzzusammenfassung
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Alt 11.07.09, 17:19   #98
Lothar
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@ Richard Neutra: Der Platz muss nicht bebaut werden. Aber er sollte bebaut werden. Denn: In der Summe mangelt es Berlin an urbaner Dichte - und nicht etwa an weitläufigen, offenen (Grün-)Flächen. Allen guten Absichten zum Trotz ist die Nachkriegsmoderne mit ihrer Vorstellung, eine vorstadt-artige aufgelockerte Bebauung in die Innenstädte zu holen, gescheitert. Nicht umsonst suchen ideologieübergreifend alternative Kreuzberger ebenso wie arrivierte Architekten oder Grossbürger heute eher den engen Hinterhof als die weitläufige "Brache". Hinzu kommt, dass diese Leerflächen Stadtzusammenhänge zerreissen. Sie isolieren Stadtteile und Menschen voneinander. Sie verbinden sie nicht. Ihre Wirkung ist meist nicht viel besser als die einer Autobahn. Davon abgesehen sprechen auch zunehmend ökologische Argumente für eine massive Nachverdichtung Berlins. Im Hinblick auf Transportaufwand, Heizaufwand, Ver- und Entsorgungsaufwand sind, exemplarisch, viele in der Fläche um Berlin herum verteilte weitere Kleinmachnows eben viel ungünstiger als Nachverdichtung. Ich sehe nur Vorteile einer Wiederbebauung des Marienviertels. Ob dann historisierend oder nicht gebaut wird, ist eine ganz andere Frage. Die Mehrzahl der Gegner sperrt sich meines Erachtens sowie eher aus ideologischen denn aus sachlichen Gründen (die Ostmoderne ist betroffen und es würden eher Wohnungen für "Reiche" entstehen).
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Alt 11.07.09, 19:00   #99
Richard Neutra
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Es mag ja auch gute Argumente für eine Bebauung geben, sehe ich ja auch alles ein, aber mein Eindruck ist nicht unbedingt, dass es Berlin an Wohnungen mangelt? Ist die Nachfrage so groß, dass neue Wohnungen in diesem Gebiet sofort aus der Hand gerissen würden? Trotz der guten Lage, ich bezweifle das eher. So weit ich weiß hat es lange gedauert bis beispielsweise die Apartments am Potsdamer Platz halbwegs vermietet bzw. verkauft waren und ich weiß nicht ob es da nicht immer noch Leerstände gibt. Verdichtuung des Stadtraums: Ja, aber doch nicht an einer Stelle, die von der Bevölkerung gut angenomme wird, wie man auf den Fotos sehen konnte. Es gibt noch so viele freie Flächen in Berlin, da gibt es wohl bessere Stellen, wenn es überhaupt entsprechend großen Bedarf nach Wohnungen gibt.
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Alt 11.07.09, 19:45   #100
T. W.
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@Richard Neutra: Die Wiederherstellung des Stadtgrundrisses im Bereich Rathausplatz/MEF würde in einem so langen Zeitrahmen stattfinden, daß sich die Nachfrage wohl entwickeln kann. Daß der bestehende Platz angenommen wird, halte ich allerdings für kein durchgreifendes Argument. Für die meisten Passanten liegt dieser Bereich wohl in jedem Fall auf dem Weg - egal, was dort steht (oder nicht steht).

Davon abgesehen ein interessantes Projekt. Für die Bebauung spricht, daß der gesamte Bereich jetzt eine amorphe Platzstruktur hat, die nicht einmal durch ihre Größe wirkt. Im Gegenteil sieht man deutlich, daß da ein Stück der Innenstadt entfernt wurde und nun einfach fehlt.

Allerdings kann ich mir vorstellen, daß statt einer Wiederherstellung des historischen Grundrisses auch eine neue, geplante Lösung Sinn machen könnte. Man mag einwenden, daß es in Berlin seit Beseitigung des Altbaubestands keine überzeugende Innenstadtplanung gegeben hat. Das schließt m.E. aber nicht aus, daß es eine solche Planung in der Zukunft geben kann.

Ein Altstadtgrundriß ist außerdem nicht immer sinnvoll, sondern beruht zu einem gut Teil auf historischen Zufällen. In Berlin ist die historische Verbindung aber abgerissen. Es wird nach der Bebauung auch nicht mehr die Bevölkerungsstruktur der Vorkriegszeit vorhanden sein. Es entsteht also in jedem Fall ein neues Viertel.

Ein solches Viertel kann aber sicher gut nach heutigen Gesichtspunkten geplant werden. Auch in Paris ist die Neuplanung und -bebauung der Innenstadt nach den Bedürfnissen im 19. Jh. aus heutiger Sicht gelungen.

Schließlich handelt es sich nicht um ein einzelnes Rekonstruktionsprojekt wie das Schloß, bei dem eine einigermaßen konsistente Lösung zu erwarten ist. Bei der Altstadtbebauung wird es vermutlich Anpassungen an die Eigentümerstruktur, öffentlich-rechtliche Vorgaben und stadtplanerische Gesichtspunkte geben, was zu einem weniger „authentischen“ Gesamtergebnis führen dürfte. Das Schloß paßt sich außerdem in ein für die Rekonstruktion sprechendes städtebauliches Umfeld ein (Unter den Linden, Schloßplatz). Für eine Altstadtbebauung auf dem historischen Grundriß sehe ich dagegen kein vergleichbares städtebauliches Bedürfnis.
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suum cuique
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Alt 11.07.09, 19:59   #101
Spreesurfer
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Naja bis dort überhaupt irgendwas gebaut wird,wird eh noch sehr viel Zeit vergehen.Ich finde die Stimmmannpläne für den Fernsehturm aber einfach nur schrecklich und unpassend.Ich finde man kann den Fernsehturm doch nicht einfach wegrationalisieren und ihn in irgendeinem Block verschwinden lassen.
Das Bauwerk ist ob man es Optsch mag oder nicht eines der Symbole unserer Hauptstadt.Deswegen sollte man meiner Meinung auch den Bereich des Fernsehturms im Falle einer Bebauung in einen Platz einfügen.
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Alt 12.07.09, 06:01   #102
Urbanist
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Ich denke man sollte bei der Debatte um den großen Freiraum zwischen Fernsehturm und Spree nicht vergessen, daß zu dem Zeitpunkt, an dem eine groß angelegte Entwicklung überhaupt erst möglich wird (also nach Fertigstellung der U5 2017, wenn es nicht wie bei der U55 wieder drei Jahre länger dauert) ein ganz anderes, dichteres Umfeld in diesem Teil der Innenstadt herrschen wird: der Schloßplatz wird bebaut und das Umfeld Friedrichswerdersche Kirche wird verdichtet sein, das Quartier am südlichen Hackeschen Markt wird lange fertiggestellt sein, das Molkenmarktquartier wird im Bau sein, und auch der Alexanderplatz selbst wird bis dahin weiter verdichtet sein...
Ich denke, daß es im Prinzip ein Luxus ist, dann eine so großzügige Freifläche als Gegengewicht im Zentrum zu haben; daß es nötig ist, diese neu zu konzipieren und heutigen Bedürfnissen anzupassen ist unbestritten; vor allem die Schneise und Barriere Spandauer Str. muß zurückgebaut werden, die Verbindung zum Sockelbereich der Bauten an der Karl-Liebknecht-Str. muß verbessert werden, ebenso wie es eine Aufwertung und Überarbeitung dieses Sockelbereichs geben muß...
Eine attraktive Innenstadt muß differenzierte Raum- und Nutzungsangebote vorhalten, neben dichten, kommerziell genutzten Bereichen auch Freiflächen verschiedenen Charakters, klassisch wie beim Lustgarten, oder eben auch eine großzügige Spielwiese für den homo ludens mit Erholungs-, Aktivitäts- und Sportangeboten für verschiedene Altersgruppen und soziale Schichten, und das OHNE mit einem notwendigen Konsumzwang verbunden zu sein...
Ich denke, das sollte das Leitbild bei der Entwicklung des großen Freiraums zwischen Fernsehturm und Spree sein, und bei der oben angesprochenen Veranstaltung wurde ja auch erwähnt, daß es in den ersten Jahren des kommenden Jahrzehnts einen internationalen Wettbewerb zu seiner langfristigen landschaftsplanerischen Entwicklung geben soll.
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Alt 12.07.09, 10:30   #103
Lothar
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Wie Urbanist bin ich der Meinung, dass eine "attraktive Innenstadt differenzierte Raum und Nutzungsangebote vorhalten muss...". Es ist eine Frage der Balance. Wieviel Grün im Verhältnis zu wieviel Verdichtung, wieviel kommerzieller Nutzung im Verhältnis zu viel nicht-kommerzieller? Hier lohnt sich meines Erachtens ein Blick in die Vergangenheit und ein Blick nach aussen. Die Bevölkerungsdichte in Paris ist doppelt so hoch wie die in Berlin. In der Innenstadt ist sie dreimal bis viermal so hoch. Ähnlich in Madrid. Auch im historischen Vergleich ist die Bevölkerungsdichte in "Gross-Berlin" um 1/3 gesunken - innerhalb des S-Bahnrings sogar noch stärker. Grossstadt ist nicht Kleinstadt. Berlin ist nicht Freiburg im Breisgau und sollte es auch nicht sein wollen. Zu einer funktionierenden, prosperierenden Innerstadt im Sinne der europäischen Stadt gehört nun mal ein hohes Mass an Verdichtung. Dieses hohe Mass an Verdichtung war und ist wichtige Voraussetzung für die soziale, wissenschaftliche und kommerzielle Innovationskraft dieser Städte. In welche Richtung sich Berlin bewegen sollte ist aus meiner Sicht daher klar. Die Vorkriegsenge des Marienviertels wird es - aus guten Gründen - sowieso nicht mehr geben. Ich bin überzeugt davon, dass Berlin in der Summe mehr von einer Bebauung als von einem weiteren Sitzplatz für Touristen profitieren würde.
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Alt 12.07.09, 18:49   #104
ReinhardR
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@ Spreesurfer:
Die Bebauung zwischen Spree und Alex ist aus mehreren Gründen reine Zukunftsmusik:

Zuerst sind da die Restitutionsansprüche. Es sollen ca. 20 % aller Grundstücke davon betroffen sein. Aus leidvoller Erfahrung - zuletzt bei der Gebäudezeile am Schinkelpark - weiß man, daß diese Ansprüche just dann angemeldet werden, wenn es mit dem Bau losgehen soll. Bis zur Klärung der Ansprüche dauert es dann aber etliche Jahre, in denen die Vorarbeiten zwischen zu finanzieren sind.

Dann ist der demographische Druck gleich null. Ein ganzes Areal für Hochwertige Woh- und Geschäftsbebauung zu erschließen wird vermutlich erst lohnen, wenn die Brachen und Baulücke in 1 km Umkreis geschlossen sind.

Schließlich war die Gestaltung Teil der Hauptstadtplanung der SED-Nomenclatura. Bis heute blieb sie in diesem Bereich unangetastet. Es wird sehr wahrscheinlich aufgrund der derzeitigen Machtkonstellation heftigen Widerstand gegen eine Tilgung dieses Erbes geben.

Wenn man sich mit den Planungen seit den 20er Jahren beschäftigt, dann findet man erstaunliche Beharrungskräfte, die sich jeweils auf viel später veröffentlichte und danach noch viel später umgesetzte Planungen ausgewirkt haben.
Ich denke, daß Stimmann mit seinem Entwurf nur Pflöcke einschlagen wollte.
Mit der Umsetzung rechne ich allerfrühestens in den kommenden 30er Jahren.
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Alt 15.07.09, 09:18   #105
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In der aktuellen Berliner Woche findet sich ein Artikel zum Thema.

So trafen sich laut BW letzte Woche Freitag Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD), Architekten, Professoren und Senatsplaner in einer Diskussionsrunde im Rathausforum und debattierten über die künftige Entwicklung des MEFs.

Die Entwicklungsszenarien reichten von einem großstädtischen Park bis hin zu intensiv genutzten urbanen Räumen. Da das Gebiet die nächsten Jahre wegen der U5-Baustelle blockiert sei, bliebe noch genügend Zeit um sich Gedanken zu machen wie das MEF künftig aussehen soll.

Von den Überlegungen die historische Mitte und den alten Stadtgrundriss zu rekonstruieren hält Bausenatorin Junge-Reyer derweil jedoch wenig. Der Freiraum würde als Grundlage der städtebaulichen Qualifizierung gesehen. Bebauungsüberlegungen seien im Zeitalter des Klimawandels äußerst kritisch zu prüfen so Junge-Reyer. Zudem sei das Areal im Planwerk Innenstadt als Grünfläche ausgewiesen.

Weitere Meilensteine sollen demnach sein:
  • bis Ende 2011 Ausarbeitung eines Entwicklungskonzeptes und finale Abstimmung im Abgeordnetenhaus
  • ab 2012 Beginn eines Gestaltungswettbewerb der die Grundlage für eine Umgestaltung des Rathausforums sei
  • frühestens ab 2017 Beginn der ersten Bauarbeiten
Artikel Berliner Woche
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